Baugebiet „An den Eichen“

Streit um Nahwärmepreise: Anwohner bitten jetzt um Hilfe

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Das Blockheizraftwerk der EVO versorgt die Häuser im nördlichen Abschnitt des Baugebiets An den Eichen mit Nahwärme.

In einem offenen Brief an den Magistrat und die Fraktionen bitten 58 Bewohner des Baugebiets An den Eichen in Offenbach um Unterstützung im Vorgehen gegen aus ihrer Sicht überhöhte Preise der EVO für die Nahwärmeversorgung.

Offenbach – Wie berichtet, klagen die Hausbesitzer im nördlichen Teil des Viertels darüber, dass die EVO ihre Monopolstellung ausnutze und bei der Wärmeversorgung mittels lokalem Pellets-Heizkraftwerk wesentlich mehr verlange als in ihrem übrigen Tarifgebiet.

Die EVO weist diese Vorwürfe zurück und betont, die von der Stadt vorgegeben Belieferung mit Pellets sei die ökologisch hochwertigste Art der Energieversorgung. Niemand sei gezwungen worden, die Preise seien den Hausbesitzern bei Vertragsabschluss bekannt gewesen, und mit Fernwärme sei das Ganze nicht zu vergleichen.

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Die Stadt habe das Gebiet „An den Eichen“ entwickelt und nutze dieses gerne öffentlich als Vorzeigeprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung, energieeffizientes Bauen und Ressourcenschutz, heißt es im offenen Brief. „Wir wohnen alle gerne hier und haben alle sehr bewusst in KfW-55- oder sogar KfW-40-Häuser investiert. Dafür haben wir erhöhte Baukosten für Dämmung und Bauweise in Kauf genommen und haben anstelle von Heizungen Baukostenzuschüsse geleistet und Wärmetauschanlagen von der EVO gekauft“, so die Unterzeichner.

Und: „Wir haben das getan, weil wir als Bürger Verantwortung übernehmen. Deswegen unterstützen wir auch das städtische Energiekonzept.“ Die Stadt habe aber auch der EVO eine große Verantwortung zukommen lassen, indem sie die EVO mit dem Privileg eines Monopols ausgestattet habe, um einen Beitrag zu den energiepolitischen Zielen zu liefern.

Beim Bau beziehungsweise Kauf der Häuser sei man nicht davon ausgegangen, dass die Wärmekosten günstiger seien als Gasangebote. Allerdings habe man bei den ersten Rechnungen feststellen müssen, dass die Preise mehr als 100% höher seien als die für andere ökologische Wärme, welche die EVO im Stadtgebiet anbiete.

Gravierende Preisunterschiede innerhalb einzelner Wohngebiete?

„Wieso gibt es keine einheitlichen Tarife für ökologische Wärme im Offenbacher Stadtgebiet? Wieso gibt es selbst innerhalb einzelner Wohngebiete so gravierende Preisunterschiede und wieso soll gerade die Wärme im Wohngebiet An den Eichen Nord so teuer sein, dass sie hier eine Spitzenreiterrolle einnimmt?“, fragen die Anwohner. Sie bitten die Politik um Hilfe, weil es auch um die Frage gehe, ob die Kosten für die Energiewende nur einigen wenigen aufgebürdet werden sollten. Hinzu kommt nach Ansicht der betroffenen Anwohner, dass die EVO das wirtschaftliche Risiko der Vollamortisierung ihrer Pellets-Anlage zu 100 Prozent auf den Kunden abwälzt. „Wir gehen auch davon aus, dass die EVO mit ihrer Nahwärmelösung nicht nur kostendeckend arbeitet, sondern starke Erträge verbucht.“ In einer detaillierten Rechnung kommen die Hauseigentümer zu dem Ergebnis, dass den von der EVO genannten Gesamtinvestitionskosten von mehr als einer Million Euro auf eine Abschreibungszeit von 20 Jahren gesehen Erträge von etwa drei Millionen Euro entgegenstehen.

EVO-Sprecher Harald Hofmann weist erneut darauf hin, dass die Preise Bestandteil der geschlossenen Kaufverträge und deshalb jedem bekannt gewesen seien. Zugleich erinnert er an die städtische Vorgabe, in diesem Bauabschnitt ein besonders ökologisch ausgerichtetes Wohngebiet zu errichten. Abweichende EVO-Tarife im übrigen Stadtgebiet, insbesondere die für Fernwärme, seien aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen nicht miteinander zu vergleichen. So basiere die künftige Nahwärme-Versorgung im Baugebiet Bieber-Nord etwa auf Erdgas. Hofmann bestätigt, dass das lokale Pellets-Heizkraftwerk An den Eichen das bislang einzig seiner Art in Offenbach ist.

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Daniela Matha, Chefin des für die Entwicklung des Baugebiets zuständigen Stadtwerke-Ablegers OPG, blickt auf die Vorgeschichte: Der Stadtverordnetenbeschluss zu Errichtung eines ökologisch hochwertigen Wohngebiets mit KfW-55-Standard habe ein Gutachten zur Folge gehabt, welches als langfristig wirtschaftlichste Lösung für die künftigen Hausbesitzer eine Nahwärmeversorgung mit Pellets vorgeschlagen habe. „Die Käufer haben das Gutachten als Anlage zu ihrem Kaufvertrag erhalten“, so Matha. Möglicherweise sei einigen nicht bewusst gewesen, dass sie aufgrund der Versorgung mit Pelletswärme weniger in ihrer Immobilie hätten investieren müssen, um den KfW-55-Standard zu erreichen. Zur Preisgestaltung der EVO wollte sich Matha nicht äußern.

Oberbürgermeister Felix Schwenke verspricht, der Magistrat werde auf den offenen Brief antworten. Ihm sei an einer Kommunikation zwischen Anwohnern und EVO gelegen.

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Von Matthias Dahmer

Der offene Brief im Wortlaut

Wir, die Unterzeichner dieses Schreibens – allesamt Hausbesitzer im zweiten Bauabschnitt des Wohngebiets „An den Eichen“ und Kunden der EVO – bitten Sie hiermit um Ihre Hilfe. Wie Sie der lokalen Presse entnehmen konnten (s. anliegenden Artikel aus der Offenbach Post vom 07.03.2019, Quelle: www.op-online.de), hat die Energieversorgung Offenbach AG (EVO) zu Jahresbeginn an viele Unterzeichner dieses Schreibens deutlich überhöhte Rechnungen für die Lieferung von Fernwärme – oder wie es die EVO lieber nennt „Nahwärme“ – versandt. Die Stadt Offenbach hat das Gebiet „An den Eichen“ entwickelt und nutzt dieses gerne öffentlich als Vorzeigeprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung, energieeffizientes Bauen und Ressourcenschutz. Wir wohnen alle gerne hier und haben alle sehr bewusst in KfW-55- oder sogar KfW-40-Häuser investiert. Dafür haben wir erhöhte Baukosten für Dämmung und Bauweise in Kauf genommen und haben anstelle von Heizungen Baukostenzuschüsse geleistet und Wärmetauschanlagen von der EVO gekauft.

Wir haben das getan, weil wir als Bürger Verantwortung übernehmen. Uns liegen die Umwelt und die Zukunft unserer Familien und Kinder am Herzen. Deswegen unterstützen wir auch das städtische Energiekonzept. Die Stadt Offenbach hat aber auch der EVO in diesem Zusammenhang eine große Verantwortung zukommen lassen, indem sie die EVO mit dem Privileg eines Monopols ausgestattet hat, um einen Beitrag zu den energiepolitischen Zielen zu liefern, die im städtebaulichen Rahmenplan des Amtes für Umwelt, Energie und Klimaschutz der Stadt Offenbach festgelegt sind.

Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die EVO dieser Verantwortung, die sie nicht nur gegenüber der Umwelt und der Stadt Offenbach, sondern auch gegenüber uns als Verbrauchern hat, mit ihrer Preisgestaltung nicht gerecht wird.

Beim Bau bzw. Kauf unserer Häuser sind wir nicht davon ausgegangen, dass unsere Wärmekosten günstiger sind als Gasangebote, weil man ja weithin hört, dass ökologische Wärmeangebote teurer sind als konventionell erzeugte Energie. Allerdings haben wir jetzt über unsere ersten Rechnungen festgestellt, dass die Preise hier in unserem Baugebiet über 100% teurer sind als die Preise für andere ökologische Wärme (EVO-Nahwärme Bieber Nord, EVO-Fernwärme), die die EVO im Stadtgebiet Offenbach anbietet. Wir fragen uns: Wieso gibt es keine einheitlichen Tarife für ökologische Wärme im Offenbacher Stadtgebiet? Wieso gibt es selbst innerhalb einzelner Wohngebiete so gravierende Preisunterschiede und wieso soll gerade die Wärme im Wohngebiet „An den Eichen Nord“ so teuer sein, dass sie hier eine Spitzenreiterrolle einnimmt?

Zusätzlich haben wir auch erwartet, dass wir einen Anreiz zum Energiesparen erhalten, der uns aber durch die unfairen – und unserer Ansicht nach rechtswidrigen – Preise der EVO wieder genommen wird.

Wir bitten insofern um Ihre Hilfe, weil es hier für uns auch um die Frage geht, ob die Kosten für die Energiewende über undurchsichtige Preismodelle nur einigen wenigen aufgebürdet werden sollen, oder ob auch die lokalen Energieversorger ihren Teil der Verantwortung übernehmen sollen. Wir wissen, dass einige von Ihnen in den Aufsichtsgremien der EVO vertreten sind und bitten Sie: Nehmen Sie diese Frage dorthin mit.

Wir wissen, dass eine solche Diskussion auch mit Fakten unterlegt sein muss, deswegen machen wir auf folgende Punkte aufmerksam:

1. Der in Rechnung gestellte Grundpreis pro kW und Jahr ist mit ca. 206,- EUR (!) so exorbitant und unüblich hoch, dass er bei einem normalen Verbrauchsverhalten ca. die Hälfte der Gesamtkosten ausmacht, was vollkommen marktunüblich ist. Aber auch der Verbrauchspreis liegt mit ca. 8,8 ct / kWh sehr deutlich über dem Marktniveau, so dass man in Summe zu Überhöhungen von 110% bis 120% verglichen mit dem Fernwärmetarif „EVO Komfort“ kommt. Da wir alle einem 10-jährigen Kontrahierungszwang mit der EVO unterliegen, kommt jeder Haushalt schnell auf überschlägig 10.000,- EUR Mehrkosten, von weiteren Preissteigerungen und der Tatsache, dass selbst der Fernwärme- Vergleichstarif im Vergleich zu Gas und Öl äußerst unattraktiv ist, einmal abgesehen. Wir haben es hier also mit exponentiellen Kostensteigerungen und damit einer regelrechten Kostenexplosion zu tun, die nicht zumutbar und auch nicht verhältnismäßig ist. Da die EVO keine Vergleichspreise nennt, haben wir selbst bei Freunden und Nachbarn in Offenbach nachgefragt sowie auf der Internetseite der EVO recherchiert. Die Ergebnisse haben wir als Anlage diesem Schreiben beigefügt. Wie also kann EVO-Sprecher Harald Hofmann über die Presse mitteilen, unser Preis sei marktüblich? Und wie kann seitens der EVO gleichzeitig die Begründung bemüht werden, das Blockheizwerk An den Eichen sei eine Insellösung? Wie bemisst sich denn die Marktüblichkeit von Insellösungen? Dies kann doch nur anhand von ortsüblichen Vergleichspreisen für Fernwärme geschehen. In Übrigen scheint es in Offenbach, nämlich im Baugebiet Bieber Nord, deutlich fairere Insellösungen für Nahwärme zu geben, wie Sie ebenfalls der Anlage entnehmen können.

2. Die EVO hat uns mit dem Ersuchen um einen fairen, angemessenen Tarif „abtropfen“ lassen. Frau Bettina Buchert, Bereichsleiterin Vertrieb der EVO, teilte einem der Unterzeichner am 28.02.2019 mit: „Für das von Ihnen geforderte, alternative Tarifangebot erkennen wir keine Notwendigkeit. Die Ihnen und anderen Kunden im Wohngebiet An den Eichen, Bauabschnitt 2 in Rechnung gestellten Kosten spiegeln die entstandenen Kosten der Wärmeerzeugung wider.“ Letztendlich reichte es der EVO aus, die Karte „unterschrieben – selber schuld“ zu spielen. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass wir als Verbraucher vor der Marktmacht von Monopolanbietern zu schützen sind.

3. Das wirtschaftliche Risiko der Vollamortisierung der Pellet-Anlage innerhalb der Bindungsfrist soll zu 100% auf den Kunden abgewälzt werden. Ein ordentlicher Wettbewerb würde aber so funktionieren, von Anfang an zumindest annährend konkurrenzfähige Preise zu verlangen. Wir gehen aber auch davon aus, dass die EVO mit ihrer Nahwärmelösung nicht nur kostendeckend arbeitet, sondern starke Erträge verbucht. EVO-Sprecher Harald Hofmann hat im besagten Presseartikel der Offenbach Post mitgeteilt, dass die Gesamtinvestitionskosten für die Erstellung des Nahwärmenetzes bei „mehr als eine Million EUR“ lägen (Offenbach Post vom 06.03.2019, S. 9, s. Anlage). Im Erschließungsvertrag zwischen der EVO und der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft (OPG) ist festgelegt, dass das Heizkraftwerk mit einer Leistung von 670 kW zu planen ist und für ca. 180 Wohneinheiten bereitgestellt werden soll. Auf dieser Basis stehen den Kosten der EVO von über 1 Mio. EUR auf eine Abschreibungszeit von 20 Jahren gesehen Erträge aus dem Grundpreis von ca. 3 Mio EUR entgegen! (670 kW Leistung des Heizkraftwerkes x 206,- EUR Grundpreis (aktuell) je KW Heizleistung pro Jahr x 20 Jahre* = ca. 2,75 Mio EUR; zusätzlich hierzu sind die Baukostenzuschüsse der Anwohner hinzuzurechnen: Laut Vertrag der EVO sind dies einmalig 403,88 EUR / kW Heizleistung, also 403,88 EUR x 670 kW Heizleistung = ca. 270.000 EUR; entspricht in Summe ca. 3 Mio. EUR). Hinzu kommen die Erträge aus dem Arbeitspreis, den die EVO auch sehr großzügig ansetzt – insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie die Pellets, die den Hauptanteil des Preises ausmachen, zum Selbstkostenpreis produziert.

4. Die EVO verteidigt sich damit, ein von der OPG in Auftrag gegebenes Gutachten sei zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Nahwärmenetz am sinnvollsten sein und der Auftrag an die EVO gelautet habe, Erdgas und Fernwärme seien dabei auszuschließen. Das können wir aus zwei Gründen nicht glauben: Warum sollte ein Gutachten zu dem Ergebnis kommen, wirtschaftlichen Unsinn anzurichten und warum sind andere Haushalte im ersten Bauabschnitt des Wohngebietes „An den Eichen“ dann an das Gasnetz angeschlossen? Warum dürfen darüber hinaus andere Reihenhäuser im Gebiet ihre eigene Wärme erzeugen und sind nicht an das „sinnvolle“ Nahwärmenetz angeschlossen? Es drängt sich daher der Eindruck auf, dass durch den Kontrahierungszwang in den Kaufverträgen künstlich ein Monopol geschaffen wurde, das nun brutal ausgenutzt wird.

Sehr geehrte Damen und Herren, bitte nehmen Sie sich dieser Sache persönlich an. Sonst wird „Ankommen in Offenbach“ bald eine Frage des Preises und in welches Viertel man zieht. Wir gehen davon aus, dass das nicht ihr Ziel sein kann.

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