„Kirchorte“ im Dorf lassen

Offenbachs Katholiken vor großen Veränderungen ihrer Gemeindestruktur

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Als einzige neubarocke Kirche Offenbachs ist die Marienkirche – hier das Innere – auch aus baulicher Sicht eine einen Besuch wert.

Die Rom-getreuen Katholiken sind längst die stärkste christliche Konfession in der einstmals streng protestantischen Stadt Offenbach.

Offenbach - Sehr wahrscheinlich stellen sie auch die größte Religionsgemeinschaft, ihre Zahl dürfte die der Muslime weit überschreiten; statistisch ist das nicht zu ermitteln, weil die Anhänger des Islam keine Abgabe analog der Kirchensteuer leisten und somit nicht im Melderegister zugeordnet werden können.

Katholisch-Gläubige gibt es in Offenbach gegenwärtig gut 31 000. Die Gemeinschaft schrumpft aber. Selbst mit dem zu berücksichtigenden Zuzug in die Neubaugebiete werden es bis 2030 um die zwölf Prozent weniger sein, schätzt Dr. Barbara Huber-Rudolf, die Referentin des Katholischen Dekanats.

Damit sinken die Zahlen der Engagierten im Haupt- und Ehrenamt. So werden in zehn Jahren wohl nur noch neun hauptamtlich Tätige in allen Offenbacher Gemeinden arbeiten. Dazu kommen die Seelsorger in den Krankenhäusern, dem Hospiz und den Schulen. Gleichzeitig geht der zu finanzierende Bedarf an Gebäuden um etwa 40 Prozent zurück, ebenso die prognostizierten Einnahmen durch die Kirchensteuer.

Der oberste Hirte im Bistum Mainz hat seine Mit-schäfer und Schäfchen schon einmal auf den Schrumpfungsprozess eingestimmt. Bischof Peter Kohlgraf sprach bei seinem jüngsten Besuch in Offenbach von Veränderungen, von Reaktionen auf den gesellschaftlichen Wandel und von Erneuerung.

Und er hat einen konkreten Auftrag erteilt: Das Dekanat Offenbach, das der Fläche der Stadt entspricht, muss sich überlegen, wie eine einzige Pfarrei als Verwaltungseinheit sinnvoll mit verschiedenen Kirchen und Schwerpunkten, vernetzt durch ein Team aus Priestern, haupt- und ehrenamtlichen Laien, gestaltet werden kann. Die elf bisherigen Gemeinden sind bereits in Pfarreienverbünde und Pfarrgruppen zusammengefasst: Dreifaltigkeit an der Oberen Grenzstraße und St. Nikolaus in Bieber bilden „Bieberer Berg“, St. Peter an der Berliner Straße, St. Paul an der Kaiserstraße und St. Marien am Mathildenplatz sind „Innenstadt“, St. Pankratius in Bürgel, Heilig Geist in Rumpenheim und Heilig Kreuz in Waldheim sind in „Ost“ zusammengefasst, „Südstadt“ besteht aus St. Josef am Friedrichsring, St. Konrad an der Waldstraße und St. Elisabeth in Lauterborn. Angedockt sind die Gemeinden der Katholiken anderer Muttersprachen; in St. Peter etwa beten die Polen, in St. Josef die Kroaten, in St. Marien die Italiener.

Die von Bischof Kohlgraf erteilte Aufgabe habe die Offenbacher Katholiken nicht unvorbereitet getroffen, meint Barbara Huber-Rudolf: „Die Mitglieder des Dekanatsrats, der sich aus den Vertretern der Berufsgruppen, der Pfarrgemeinderäte und der Gemeinden anderer Muttersprache und natürlich der Leiter der jetzt schon bestehenden Pfarrverbünde zusammensetzt, fühlen sich schon prozesserprobt. Sie werden jetzt anpacken.“

Bis 2021 werden die Vorschläge der Offenbacher Katholiken in Mainz auf dem Tisch liegen. Dazu muss die Bistumsleitung verbindliche Angaben über die Trägerschaft der Offenbacher Kindertagesstätten gemacht haben. Den Gemeinden muss Personal für die Verwaltung, insbesondere die Buchhaltung zugesagt werden. „Seelsorger sind schließlich nicht als Profis für Administration, Immobilienmanagement und Vermögensorganisation ausgebildet“, betont die Dekanatsreferentin.

Für die weiteren Schritte hat die Bistumsleitung in Mainz klare Vorstellungen und steht in ständigem Kontakt mit Offenbachs Dekan, Pfarrer Andreas Puckel, und seinem Team. Ein Konzept „für die eine Stadtpfarrei, die die Kirchorte ,im Dorf’ lebendig hält“, soll bis Sommer 2021 nach einer Bestandsaufnahme Schwerpunkte setzen. Denkbar wäre: Bei der Kirche St. Paul in der unmittelbaren Nähe zum Josefshaus der Caritas entsteht eine „Sozialkirche“, in St. Marien ein musikalisches Zentrum; St. Josef in der Brüder-Grimm-Straße legt schon jetzt den Schwerpunkt auf Familienarbeit; in Biebers St. Nikolaus wirkt eine quirlige Jugend; St. Peter schaut als Brücke für die Zuzügler auf die Neubaugebiete Goethequartier und Hafeninsel; Heilig Geist in Rumpenheim bietet sich, umgebaut, als warmer Rückzugsort an, während Heilig Kreuz gegenüber dem Neuen Friedhof, unter der Last des Alters der Bevölkerung und der Baustruktur leidet. Einzubeziehen sind als „Kirchorte“ auch das Ketteler-Krankenhaus, die Marienschule, das Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum, die Seniorenwohnheime, das Gelbe Haus und jede Beratungsstelle der Caritas.

Nach 2021 muss die Umsetzung und Erprobung des Konzepts und schließlich die endgültige Entscheidung durch die Bistumsleitung erfolgen. Bischof Kohlgraf will eine Kirche, die teilt: den Glauben und auch Verantwortung. Referentin Huber-Rudolf blickt voraus: „Deshalb kommen die hauptamtlich und ehrenamtlich tätigen Laien, die Frauen und Männer, die nicht geweiht sind, in eine ungewohnt starke Position.“ Diese müsse von den Offenbacher Katholiken mutig ausgefüllt werden. Zu Pfingsten predigte ihr Mainzer Oberhirte: „Die Option, hinter den Türen sitzen zu bleiben und es sich weiter bequem zu machen, hat der Heilige Geist nicht eröffnet.“

VON THOMAS KIRSTEIN

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