Ein Qualitätsversprechen

Magistratskonzept schwört ganze Verwaltung auf Wirtschaftsförderung ein

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Die Wirtschaftsförderung könnte bald auch räumlich verlagert werden. Angedacht ist ein Umzug des Amts vom Bernardbau ins – namentlich passend – Haus der Wirtschaft (hier links vom Rathaus).

Unternehmen auf der Suche nach einem Standort können bald eigentlich keinen Bogen mehr um Offenbach machen: Eine durchweg auf Wirtschaftsförderung eingeschworene Stadtverwaltung soll sie erwarten, willkommen heißen und umwerben.

Offenbach – Ebenso intensive Betreuung erwartet die bereits ansässigen Betriebe. Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) hat gestern vorgestellt, wie er die Verwaltung „auf eine konsequente Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung Offenbachs ausrichten“ will. Gleich nach Amtsantritt 2018 habe er Wirtschaftsförderung zur Chefsache gemacht und sämtliche Organisationseinheiten auf die Unterstützung von Unternehmen eingeschworen.

Sein 15-seitiges, von der Tansania-Koalition gebilligtes Konzept („Offenbach als Wirtschaftsstandort stärken“) bildet nun die schriftliche Basis für vielfältige Bestrebungen, neue Arbeitsplätze als Ausgleich für die seit den 70er Jahren in dramatischem Umfang verlorenen in die Stadt zu holen und vorhandene zu halten. Zudem soll mehr Gewerbesteuer die notorisch leere kommunale Kasse füllen.

Für Wirtschaftsförderung existiert seit den 90er Jahren ein eigenes Amt. Dessen vom OB gelobte Aktivität – Flächenentwicklung, Standortmarketing und -sicherung – erhält insofern eine Neuausrichtung, als sie in eine ämterübergreifende Zusammenarbeit eingebunden wird.

Die Signale nach außen sind plakativ. „Fünf Garantien“ werden gegeben, „zwanzig Maßnahmen“ angekündigt. Was der Magistrat an Offenbach interessierten oder hier bereits heimischen Unternehmen versichert und der OB als „fundamentales Qualitätsversprechen“ bezeichnet;

„Lösungsorientierte Servicehaltung“ heißt, dass es ein frühes „Geht nicht“ nicht mehr gibt; stattdessen soll die gesamte Verwaltung „proaktiv bei spezifischen, individuellen Problemlösungen“ helfen.

„Schnelligkeit“ beinhaltet das städtische Versprechen, Baugenehmigungen bei Vorliegen stimmiger Unterlagen spätestens nach drei Monaten zu erteilen.

„Zuverlässigkeit“ betrifft zum einen politische Entscheidungen, die, einmal getroffen, nicht mehr mit Ergänzungen garniert werden. Zum anderen sind Vereinbarungen mit der Verwaltung bindend.

„Ganzheitliches Denken“ beinhaltet die Absage an das Zuständigkeits-Prinzip „andere Baustelle“. „Erreichbarkeit“ bedeutet das Versprechen, dass jedes eingehende Telefonat während der Geschäftszeiten entgegengenommen, auf jede E-Mail-Anfrage innerhalb von 24 Stunden reagiert wird.

Damit das nicht nur vollmundige Absichtserklärungen bleiben, sind statistische Erfassungen sowie Überprüfung und kritische Bewertung durch die Unternehmen vorgesehen.

Auch die oberste Leitungsebene ist stark in die Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung involviert. Bereits seit Anfang des Jahres kommt alle 14 Tage die „Baugenehmigungsrunde“ zusammen, OB Schwenke, Stadtkämmerer Peter Freier (CDU), Bau- und Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP), Bauamtsleiter Simon Valerius, Bauaufsichts-Chefin Sonja Stuckmann und Wirtschaftsförderer Jürgen Amberger beraten gemeinsam die jeweils 20 bedeutsamsten Projekte – schon bevor konkrete Unterlangen eingereicht sind.

„Ein Austausch, den es so vorher nicht gab“, sagt Schwenke. Als ein Beispiel, wie erfolgreich das sein kann, führt Jürgen Amberger an, wie schnell es der Helaba ermöglicht wurde, Offenbach zu ihrem größten Standort auszubauen. Der OB deutet für den Kaiserlei ein Großprojekt auf einer verkauften Fläche an, der Mieter scheut noch die Öffentlichkeit.

Des Weiteren gibt es eine monatliche Wirtschaftsentwicklungsrunde und Vorabstimmungstermine für Projektentwickler, sollen mit dem Partner Vodafone Gewerbestandorte digital mit 5G versorgt und die Masterplan-Schlüsselprojekte umgesetzt werden, ist das Marketing und Selbstdarstellung auf Immobilienmessen auszubauen.

Stadtbaurat Paul-Gerhard Weiß unterstreicht den parteiübergreifenden Konsens, der das Konzept des OB trägt. Er ist froh, dass sein Dezernat dringend notwendige personelle Verstärkung erhält – wenn sich denn Bewerber einstellen. Für die Industrie- und Handelskammer gibt sich Hauptgeschäftsführer Markus Weinbrenner fast schon euphorisch optimistisch. Er begrüßt den Mut, Garantien zu geben. Was sich Unternehmen wünschten, sei eine solche wirtschaftsfreundliche Kommunalverwaltung, die den Mut habe, Entscheidungen auch mal gegen den Zeitgeist zu treffen. Wenn eine Verwaltung ihre Führung hinter sich wisse, beschleunige das Verfahren, sagte er. Natürlich müssten auch – wie vom Masterplan vorgesehen – Flächen zur Verfügung stehen (60 Hektar wären sofort verfügbar).

Wer an einer Niederlassung in Offenbach interessiert sei, so Weinbrenner, müsste durch die Umsetzung des Konzepts begeistert und überrascht werden, um dann ganz anders über den Standort denken: „Sie müssen zu Fans gemacht werden, Empfehlungsmarketing ist das beste Marketing.“

Von Thomas Kirstein

Auf dem ehemaligen Clariant-Gelände in Offenbach soll nun ein riesiges Gewerbegebiet entstehen. Bis die Stadt davon profitiert, wird aber noch Zeit vergehen.

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