Milch- und Lebensmittelkarten, Bezugsscheine und Co.

So hat sich Offenbach auf eine Strom-Katastrophe vorbereitet

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Das Rathaus verfügt für den Fall des Ausfalls in seinem Keller über einen Notstromgenerator.

Die gefährlichen Konsequenzen eines langen, flächendeckenden Stromausfalls beschreibt Autor Marc Elsberg in seinem Bestseller „Blackout“. Wie realistisch dieses Szenario tatsächlich ist, zeigt sich daran, dass die Stadt für genau einen solchen Fall Vorkehrungen getroffen hat.

Offenbach – Ampeln fallen aus, auf den Straßen häufen sich in kürzester Zeit die Unfälle. Überall in der Stadt bleiben die Fahrstühle stecken, Telefonanlagen, automatische Türen, Lampen und Geldautomaten verwehren den Dienst – und das ist erst der Anfang. Ein flächendeckender Stromausfall über mehrere Tage hinweg gehört zu den gefährlichsten Szenarien, für die die Stadt sich wappnet. „Man glaubt kaum, was plötzlich alles nicht mehr funktioniert, wenn kein Strom mehr da ist“, sagt Feuerwehrchef Uwe Sauer. Dementsprechend sei heute die größte Katastrophe, für die man Vorkehrungen treffe, nicht etwa ein Kriegsszenario, sondern der Ausfall „kritischer Infrastruktur“. In einem solchen Fall greift der Sonderschutzplan des Hessischen Innenministeriums. Dieser sieht – je nach Dauer des Stromausfalls – eine nahezu unübersichtliche Vielzahl von Maßnahmen vor.

Auch Gordon Hadler, Leiter des Hauptamts, weiß, wie wichtig es ist, dass die Stadt für den Fall des Ausfalls gewappnet ist. „Nach zwei bis drei Tagen wird es langsam eng, und dann ist irgendwann die Regierung gefragt, zu organisieren, wie man an Lebensmittel und Kraftstoff herankommt.“ Im Falle eines Tage andauernden Stromausfalls werden schließlich auch fast alle Kühlungsmechanismen hinfällig – große Mengen an Nahrung verderben.

Offenbach: Milch- und Lebensmittelkarten sowie sogenannte Bezugsscheine gelagert

Um auf ein solches Szenario reagieren zu können, sind hinter einer Panzertür im Keller des Rathauses viele Tausend Milch- und Lebensmittelkarten sowie sogenannte Bezugsscheine gelagert, die für Güter wie Benzin ausgestellt werden können. „Wir als Hauptamt sind allerdings nicht zuständig für die Ausgabe von Lebensmittelkarten“, so Hadler. Wer diese wann und wie verteile, werde im Ernstfall von der zuständigen Katastrophenschutzbehörde festgelegt. „Angeschafft wurden die Karten nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Damals habe man dabei eher an einen Kriegsfall gedacht. „Wie viele es genau sind, kann ich nicht sagen, aber die Bestände werden regelmäßig geprüft und nachgezählt.“ Auch, wie lange die Lebensmittelmarken reichen würden, vermag Hadler nicht einzuschätzen.

Eine Vielzahl von Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen lagert die Stadt für den Katastrophenfall im unterirdischen Tresorraum, wie Hauptamtsleiter Gordon Hadler zeigt.

„Allgemein wird den Bürgern geraten, jederzeit Lebensmittel und Wasser für zwei Wochen zu bevorraten“, sagt Uwe Sauer. „Je länger die Bevölkerung sich selbst versorgen kann, umso mehr Zeit haben wir, die Situation unter Kontrolle zu bekommen.“ Und das kann – je nach Ursache – einige Zeit dauern.

Zugang zu Trinkwasser in Offenbach

Mit besonderer Sorgfalt hat sich die Stadt darauf vorbereitet, den Offenbachern Zugang zu Trinkwasser zu sichern. Die Wassertürme am Bieberer Berg fassen zweimal 7500 Kubikmeter, darüber können auch hoch gelegene Wohnungen kurzfristig versorgt werden. „Das Wasser läuft dann mit dem natürlichen Gefälle so weit, wie es in der Rohrleitung eben geht“, erläutert Uwe Sauer. Über Zapfstellen wie Waschmaschinenanschlüsse im Keller können Hausbewohner dann notwendiges Nass abfüllen. „Und wenn das nicht klappt, gibt es in der ganzen Stadt versteckte Trinkwassernotbrunnen, an denen das Technische Hilfswerk Wasser ausgeben kann.“ Wo diese positioniert sind, verrät Sauer aus strategischen Gründen nicht.

„Eine andere Frage ist aber: Wie kriegen wir die Leute an den Arbeitsplatz? In Offenbach gibt es keine einzige Tankstelle mit Notstrom – außer bei den OVB.“ Die Verkehrsbetriebe haben für ihre Busse daher einen sehr ausgedünnten Notlinienplan.

Tritt das Szenario flächendeckender Stromausfall ein, ruft Sauer seinen Stab zusammen, der sich dann eng mit der Energieversorgung Offenbach (EVO) abspricht. „Diese Zusammenarbeit ist essenziell“, so der Feuerwehr-Chef. Für den Katastrophenfall gebe es nämlich keinen offiziellen Einsatzleiter. „Diese Gesetzeslage existiert einfach nicht.“ Daher sei man darauf angewiesen, dass der Austausch mit unterschiedlichen Behörden, Unternehmen und übergeordneten Stromversorgern im Katastrophenfall kooperativ und partnerschaftlich verlaufe. „In der Vergangenheit hat es da schon viel Überzeugungsarbeit gebraucht, manche Beteiligte dazu zu animieren, dass sie in präventive Maßnahmen investieren“, so Sauer.

VON MARIAN MEIDEL

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