Bundesweit wird heftig gestritten

Ohne Deutsch keine Einschulung - Debatte geht an Realität in Offenbach vorbei

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Ohne Deutsch nicht in die Regelklasse - Debatte geht an Realität in Offenbach vorbei

Bundesweit wird heftig darüber gestritten, ob Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen die Einschulung verweigert werden soll. An der Realität an den Offenbacher Bildungseinrichtungen geht die Debatte vorbei.

Offenbach – Wer die Grundschulangebote in Offenbach kennt, mag das aktuell heiß diskutierte Thema mit Verblüffung verfolgen. Geht nicht sowohl das, was CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann hinsichtlich der Sprachkompetenz von Schulanfängern vorschlägt, als auch die Empörung darauf an der Realität vorbei?

„Ja“, sagt Offenbachs Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß, „ich wundere mich ebenso über den Auslöser der Debatte wie über die Entgegnungen darauf.“ Christdemokrat Linnemann hat eine erweiterte Vorschulpflicht und eine spätere Einschulung bei fehlenden Deutschkenntnissen vorgeschlagen.

Schulreife wird in Hessen individuell überprüft

„Das ist nicht auf der Höhe der Zeit, so etwas haben wir im Prinzip längst“, erläutert der Offenbacher Freidemokrat, ohne zu bestreiten, dass es auch in den Regelklassen noch viele Kinder gibt, die in Deutsch erheblich gefördert werden müssen. Wie für ganz Hessen vorgeschrieben, sollen Kinder mit sprachlichen Defiziten nicht gleich in reguläre Klassen gelangen. Weiß beschreibt das Verfahren: Demnach wird schon bei der Anmeldung der schulpflichtigen Kinder von Gesundheitsamt und Bildungsinstitut die Schulreife individuell überprüft.

Dazu gehören, neben etlichen anderen Kriterien wie Motorik oder soziale Entwicklung, auch die sprachlichen Fähigkeiten, die ausreichen sollten, um mit Verständnis am Unterricht teilzunehmen. Bestehen Zweifel an der Reife, geht’s erst einmal in die Vorklasse, wo auch intensives Sprachtraining im Mittelpunkt steht. Getestet wird in Offenbach früh, schon Vierjährige müssen sich vorstellen, dann wird die Entwicklung beobachtet. Über sprachliche Vorlaufkurse sei der Eigenbetrieb Kindertagesstätten mit staatlichen Institutionen im Gespräch, erläutert der Stadtrat. Zudem hätten Offenbachs Kitas bereits ein „ausgetüfteltes Konzept“ für eigene Sprachförderprogramm.

„Ohne Deutschkenntnisse landet keiner mehr in der 1. Klasse“

„Ohne Deutschkenntnisse landet keiner mehr in der 1. Klasse“, unterstreicht Weiß, „die Zeiten, dass Lehrer verzweifelt waren, sind 20 Jahre her.“ Elf Vorklassen gab es 2018/19 an 15 städtischen Grundschulen, in ihnen lernen 134 Kinder. Die Hafenschule hat zwei; Anne-Frank-, Ernst-Reuter-, Friedrich-Ebert-, Buchhügel und Tempelsee kommen ohne aus.

Der Wechsel in den Regelunterricht ist bei guten Fortschritten jederzeit möglich, auch während des Schuljahrs. Jene, bei denen es nach der Vorklasse noch hapert, besuchen neben dem Unterricht Deutschförderkurse, zwei Stunden pro Woche.

In Intensivklassen wird Deutsch gelernt

Auf ältere zugewanderte Kinder mit null oder schwachem Deutsch warten zunächst sogenannte Intensivklassen. „Da wird nur Deutsch gelernt“, sagt Weiß. Manche Schulen ziehen allerdings die Aufnahme in Regelklassen vor, die von Sprachkursen flankiert werden.

22 Intensivklassen bestanden im vergangenen Schuljahr an zwölf Grundschulen und weiterführenden Schulen, darunter auch ein Gymnasium und die drei Integrierten Gesamtschulen der Stadt. Sie wurden von fast 300 jungen Leuten besucht.

Stadtrat Weiß ergänzt dazu, dass die von 160 Nationen bewohnte Stadt parallel große Anstrengungen durch weitere Angebote unternehme. Beispielsweise mit dem „Deutsch-Sommer“, den Sprachferien für Grundschüler zwischen drittem und viertem Schuljahr.

VON THOMAS KIRSTEIN

Weitere Infos auf offenbach.de

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