Offenbach 

Auf der Suche nach einer Altstadt

+
In der Sandgasse ist noch Fachwerk aus alten Tagen zu finden. Unter Denkmalschutz steht es allerdings nicht. 

Unter Federführung der CDU will die Tansania-Koalition einen „Paradigmenwechsel“ in der Stadtplanung und „traditionelle städtebauliche Strukturen“ in den Mittelpunkt rücken. Der entsprechende Antrag an die Stadtverordnetenversammlung ruft ein teils zugespitztes Medienecho hervor.

Offenbach – „Offenbach soll den alten Kern zurückerhalten“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Offenbach träumt von einer Altstadt light“ meint die Hessenschau zu dem, was uns vor einer Woche die Schlagzeile „Besinnung auf die Wurzeln“ wert war.

Wer die hiesigen kärglichen Überbleibsel alter Tage kennt, mag sich angesichts derart heraufbeschworener Rekonstruktions-Fantasien freilich gefragt haben, ob die bitterarmen Offenbacher den Frankfurtern nacheifern wollen. Die entsprechende Presseerklärung aus CDU-Feder – wir berichteten – kam jedenfalls recht pathetisch daher;

Es sei der Koalition „eine Herzenssache, den jahrzehntelang vernachlässigten historischen Innenstadtkern zwischen Berliner Straße und Main, sowie Herrnstraße und Großem Biergrund zum Gegenstand der städtebaulichen Aufwertung zu machen.“

Im Antrag an die Stadtverordneten heißt es konkret, „es sollten Ansätze entwickelt werden, die die Errichtung historischer Gebäude, zu denen Pläne vorhanden oder entsprechend aufgrund der Aktenlage wieder erstellt werden können, zum Gegenstand haben“. Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß, dessen FDP Teil der Koalition ist, relativiert inzwischen: Es gehe um „langfristig orientierte planerische Neuordnung“.

Gibt es einen „historischen Innenstadtkern“? 

Aber was wäre überhaupt dieser „historische Innenstadtkern“? Gibt es eigentlich ein Viertel, das jemals die Bezeichnung „Altstadt“ verdient hätte? Die Offenbacherin Gabriele Türmer, heute als Sozialdemokratin daheim im Ortsverein Lauterborn/Tempelsee, hat familiäre Wurzeln in jenem Gebiet, dem die Koalition zu einer kleinen Renaissance mit „traditionellen städtebaulichen Strukturen“ verhelfen will. In der heutigen Sandgasse 40, neben der Nummer 38 der zweite dort verbliebene Fachwerkbau, betrieben ihre Urgroßeltern eine Schmiede.

Für Gabriele Türmer war dort nie ein Stadt-, sondern höchstens ein Dorfkern: „Insbesondere in der Sandgass’ standen nämlich mehrheitlich kleine Bauernkaten. Fachwerkhäuser mit Höfen für Ställe und Scheuern, nach hinten begrenzt durch den – längst zugeschütteten – Schneggelbach (heute ein Gässchen zwischen Karlstraße und Sandgasse).“ Die Stadt entwickelte sich weiter westlich, an der Herrnstraße.

Heute gibt es in der Sandgasse eine türkische Großbäckerei mit anschließendem Supermarkt, das Jugend- und Kulturzentrum in der Nummer 26 (im Gegensatz zu den beiden Fachwerkhäusern als 1903 errichtetes städtisches Leihhaus unter Denkmalschutz stehend), die Turnhalle der Gewerblich-technischen Schulen und eine Moschee. Deren Gemeinde will umfangreich erweitern. Ob das „Entwicklungskonzept“ von Tansania in dieser Beziehung vielleicht Restriktionen einziehen solle, mutmaßt nicht nur die Leitende Oberstaatsanwältin Türmer.

„Altstadt, das ruft immer Vorstellungen von Fachwerk hervor“

Einer, der von Berufs wegen mit Offenbachs Historie befasst ist, unterscheidet lieber nach „Altgemeinde“ und „Neugemeinde“. Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, kennt aus Mittelalter und früher Neuzeit das einstige Bauern- und Fischerdorf Offenbach mit der Isenburgischen Residenz. Annähernd städtische Strukturen haben sich erst mit Ansiedlung der Hugenotten im frühen 18. Jahrhundert entwickelt: westlich des Schlosses, wo sich die Herrnstraße namentlich auf eine neue Bürger- und Kaufmannsschicht bezieht. Um 1700 hatte Offenbach 600 Einwohner, hundert Jahre später schon 6000, die sich bis 1900 verzehnfachten.

„Altstadt, das ruft immer Vorstellungen von Fachwerk hervor“, sagt der Kunsthistoriker. Der Gedanke, solche „sehenswerte“ Bausubstanz zu sanieren, sei erstmals in der NS-Zeit aufgekommen, in Frankfurt und auch im benachbarten Offenbach.

Wechselwirkung zwischen zwei Städten

Der Krieg verhinderte die Realisierung solcher Vorstellungen. Davon unbelastet rekonstruierte die Nachbarstadt in den 1980er Jahre frühere Bauten wie die Alte Oper und die Fachwerk-Ostzeile gegenüber dem Römer. Jetzt sind jenseits des Mains weitere Teile einer wiederaufgebauten Altstadt eingeweiht. Ein kontrovers diskutiertes Projekt: Viele finden’s gut und schön; andere sehen Heile-Welt-Attrappen oder gar reaktionäres Gedankengut dahinter, weil der erste Antrag dazu von den äußerst rechten Bürgern Für Frankfurt gestellt worden war. Eichenauer erkennt „Wechselwirkungen zwischen zwei Städten“. Wer zurückblickt, kann solche auflisten: Als Frankfurt nach dem Krieg seine Berliner Straße durch die zerstörte Altstadt schlug, musste auch Offenbach eine solche Schneise haben; die wiederaufgebaute Alte Oper hat als lederstädtisches Pendant das Büsingpalais. Ist es ein Zufall, dass jetzt in Offenbach über die bauliche Simulation eines historischen Kerns nachgedacht wird, wo sich die große Nachbarin anheimelnde mittelalterliche Fassaden leistet?

Der städtische Museumschef leistet sich zum Vorstoß der Tansania-Koalition keine öffentlich zu äußernde Meinung. „Als Kunsthistoriker freue ich mich über jedes historische Haus, das erhalten wird“, sagt er, „wenn etwas originalgetreu wieder entsteht, gefällt mir das auch – so lange es nicht zu einer Verniedlichung kommt.“ Sich nur an einer verklärten Vergangenheit zu orientieren, wäre für ihn ein Historismus, wie er in der Kaiserzeit in Mode kam.

VON THOMAS KIRSTEIN

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: 

Große Pläne für Offenbach - Altstadt soll umgestaltet werden

Die CDU spricht von einem Paradigmenwechsel. Häuser sollen rekonstruiert und alte Wegeverbindungen wiederhergestellt werden.

Konzept gegen Altersarmut gesucht

In Offenbach erarbeitet der Seniorenrat ein Konzept gegen Altersarmut. Der Antrag soll auch an den Magistrat gehen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare