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Unterirdische Schatzkammer: Auf Erkundungstour in den Tresorräumen des Rathauses

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Hinter der ersten Panzertür verbergen sich lediglich Akten.

„Achtung“ steht in dicken, schwarzen Lettern auf dem vergilbten Papier. „Bei Einlegen oder Abholen von Geldbeträgen (. . . ) darf sich jeweils nur Eine Person im Tresorraum und MUSS sich Eine Person im Tresorvorraum aufhalten.“ Schon seit Anfang der 70er Jahre hängt dieser Sicherheitshinweis an der tonnenschweren Stahltür im Keller des Rathauses.

Offenbach – Benötigt wurde er allerdings nie, denn in dem bald halben Jahrhundert seiner Existenz hat der Tresorraum zu keinem Zeitpunkt Geld beherbergt. „Bei seiner Grundsteinlegung 1969 brauchte das Rathaus noch einen Tresorraum, weil damals die Gehälter der Stadtverwaltung noch in bar ausgezahlt wurden“, berichtet Gordon Hadler, Leiter des Hauptamtes. „1971, als das Rathaus eröffnet worden ist, war dann aber schon auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr umgestellt.“ In dem 60 Quadratmeter großen Panzerraum werden deshalb von Beginn nicht etwa Banknoten, sondern Akten gelagert.

Doch das ist nur eine von vielen Anekdoten, die mit den Kellerräumen unter der Berliner Straße 100 verbunden sind. Gordon Hadler gibt unserer Zeitung eine persönliche Führung und offenbart, was sich im zweiten Tresorraum verbirgt, der zwar keine ganz so wuchtige Stahltüre hat wie der erste, aber dafür einen deutlich faszinierenderen Inhalt.

Im zweiten Tresorraum präsentiert Hauptamtsleiter Gordon Hadler die Amtskette des Oberbürgermeisters mit der dazugehörigen Stiftungsurkunde. 

„Die Tür ist nur halb so dick, aber trotzdem relativ schwer“, sagt Hadler, während er auf der digitalen Tastatur den Öffnungscode eintippt. „Das ist solide Technik, die hat uns noch nie im Stich gelassen.“ Neben der Tastatur befindet sich noch das ursprüngliche Zahlenschloss mit Drehmechanismus. Visuell weckt es Erinnerungen an alte Ganovenfilme, auch wenn es schon seit vielen Jahren nicht mehr funktioniert. Hadler presst den Griff nach oben, und die vier massiven Stahlbolzen ziehen sich ins Gehäuse zurück. Die 500 Kilo schwere Panzertür lässt sich nun mit einigem Kraftaufwand öffnen.

Regale, Kisten, Schränke – auf den ersten Blick wirkt der Raum dahinter nicht sonderlich spektakulär. „Das ist ein gesichertes Lager“, so Hadler.

In Kisten, die Kühltruhen gleichen, verbirgt sich das alte Melderegister. „Das ist veraltet und wird noch entsorgt, aber man kommt eben nicht gleich zu allem.“ Heute werde nicht mehr mit Papierdokumenten, sondern mit einem bundesweiten elektronischen Meldenetzwerk gearbeitet. „Wie sollte es anders gehen?“

Gordon Hadler angelt einen alten Eisenschlüssel aus der Hosentasche und deutet auf einen massiven Schrank. „In diesem Stahlschrank sind die wichtigen Verträge der Stadt“, verrät er. „Teilweise auch aus sehr alter Zeit. Das ist zum Beispiel der Vertrag darüber, wie man gemeinsam das Deutsche Ledermuseum betreibt, oder Partnerschaftsurkunden.“

Daneben steht ein weiterer Panzerschrank, und der entpuppt sich als wahre Schatzkiste. „Hier haben wir die Münzsammlung der Stadt“, sagt Hadler und entnimmt eine flache Holzschatulle. „Das sind Gedenkmünzen, die wir teilweise von Partnerstädten bekommen haben. Zum tausendjährigen Stadtjubiläum von Offenbach sind Silbermünzen geprägt worden.“ Die Münzsammlung werde einmal jährlich durchgezählt und überprüft. Jede einzelne steckt in einer durchsichtigen Plastikhülle, die Münzen teilen sich ihre Schatulle mit dem Siegelring des Oberbürgermeisters.

Die Sicherheitsvorschriften

Nicht aus Silber, sondern natürlich aus Gold ist dessen Amtskette, die ein Fach höher sicher weggesperrt ist. „Die Geschichte der Amtskette ist insofern eine anekdotische, als dass die Initiative dafür von der Bürgerschaft ausging“, erzählt Hadler. „Anfang der 60er Jahre gab es namhafte Bürger, die gesagt haben, sie finden es blöd, dass der Offenbacher Oberbürgermeister im Vergleich zu seinen Amtskollegen immer ‘so nackert’ daherkommt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es keine Amtskette mehr gegeben, während des Krieges sei sie vermutlich im Zuge von Goldsammlungen eingeschmolzen worden. In den 60er Jahren habe die Stadtverordnetenversammlung aber aus finanziellen Erwägungen mit der Anschaffung einer neuen gehadert. „Dann gab es erste Goldspenden. Die Leute sind wirklich aufs Rathaus gekommen und haben angefangen, Zahngold abzugeben, alte Eheringe, und so etwas.“ Das habe eine gewisse Dynamik erzeugt, die am Ende dazu geführt habe, dass die Sparkasse irgendwann gesagt habe, sie stelle für die Kette einen Grundsockel an Gold zur Verfügung. „Dann gab es kein Zurück mehr.“ Die Stiftungsurkunde der Amtskette ist auf den 27. Januar 1966 datiert.

Und da ist die Tour durch die unterirdische Schatzkammer auch schon am Ende angekommen.

Von Marian Meidel

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