Datenschutz und Kinderfotos

Die Zeit der Gesichtslosen

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Eines Tages, so die Horrorvision unserer Redaktion, könnten bei der Einschulung nur noch Bilder wie das obige entstehen. Noch ist es glücklicherweise nur unsere eigene Bildbearbeitung, die einer gesamten ersten Klasse ihre Gesichter raubt.

Offenbach - Seit die neue EU-Datenschutz-Verordnung im Mai dieses Jahres in Kraft trat, ist der Umgang mit Fotos für viele Institutionen zum heißen Eisen geworden. Von Marian Meidel 

Das tägliche Presserundschreiben der Stadt kommt seitdem fast ganz ohne Bilder von Menschen aus, und auf den Einschulungsfotos der Offenbacher Grundschulen werden immer mehr Gesichter unkenntlich gemacht. Wir haben Stadt und Schulleiter nach den Motiven dafür gefragt.

13 Kinder lächeln dem Betrachter freudig entgegen, sechs wenden ihm den Rücken zu. Der Anblick hat etwas Beklemmendes, dabei handelt es sich lediglich um eins der aktuellen Einschulungsfotos der Uhlandschule in Bürgel. So befremdlich das Bild wirkt, so profan ist die Erklärung für sein Motiv: Die Eltern jener Kinder, die vom Betrachter abgewandt stehen, haben lediglich nicht ihr Einverständnis gegeben, dass deren Gesichter fotografiert werden dürfen.

„Wir wollten deshalb zeigen, dass die Schüler vorhanden sind, ohne sie richtig zu zeigen“, erklärt Schulleiterin Carina Sigloch. „Und die Idee mit den Rücken finde ich schöner, als verpixelte, kaputte Gesichter zu zeigen.“ Aus welchen Beweggründen die Eltern die Foto-Erlaubnis verweigerten, wisse sie nicht. „Das ist auch nicht meine Aufgabe“, so Rektorin Sigloch. Dementsprechend könne sie auch nicht sagen, ob es seit Inkrafttreten der neuen EU-Datenschutz-Verordnung im Mai mehr Bildverweigerer geworden seien als noch in den Vorjahren.

Azubis im Rathaus.

Birgitt Stolz, Leiterin der Grundschule Buchhügel, erkennt hingegen einen klaren Trend: „Immer mehr Eltern wollen, dass von ihren Kindern keine Bilder gemacht werden“, berichtet sie. Stolz hat den Eindruck, dass sie maßgeblich wegen der „Gefahren im Internet“ besorgt seien. Was allerdings die konkreten Szenarien sind, die sie fürchteten, sei schwer zu bestimmen. „Bei Schuljahresbeginn kreuzen die Eltern auf dem entsprechenden Formular einfach ,nein’ an, einen konkreten Grund müssen sie dafür nicht äußern.“ Ihrer persönlichen Erfahrung nach spiele aber zunehmend auch ein ganz anderer Faktor eine Rolle: der muslimische Glaube. „Kinder von streng muslimischen Eltern dürfen wir generell nicht fotografieren“, so Stolz. Grund dafür ist wohl das Bilderverbot im Islam, das unter anderem auch dafür ursächlich ist, dass es in Moscheen und Koranhandschriften nie Abbildungen von lebenden Wesen gibt.

Einschulung 2018 in Offenbach: Bilder

Aber nicht nur aus den Schulen, auch aus dem Rathaus kommen Fotos von unkenntlich gemachten Gesichtern. Ausgerechnet auf dem Bild, das Oberbürgermeister Felix Schwenke mit den neuen Rathaus-Azubis zeigt, sind mehrere Personen unkenntlich gemacht. Stadtsprecher Fabian El Cheikh antwortet auf die entsprechende Nachfrage unserer Zeitung: „Die drei Personen mussten wir letztlich verpixeln, da diese unter 18 Jahre alt sind und wir kein Einverständnis beider Elternteile schriftlich vorliegen hatten.“ Eigentlich hätte das Foto ohne diese Personen gemacht werden müssen, räumt er ein. Aber so habe die Stadt nur nur die Wahl gehabt, das Bild zu verpixeln oder nicht zu veröffentlichen, was die anderen Azubis enttäuscht hätte. „Dass es sich um Auszubildende einer letztlich öffentlichen Verwaltung handelt, spielt hierbei überhaupt keine Rolle“, so El Cheikh. „Das Persönlichkeitsrecht betrifft jeden Einzelnen und hat auch mit dem Datenschutz erst mal nicht viel zu tun, sondern ist im Kunsturhebergesetz geregelt.“

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