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Alarmierende Sprachprobleme: Immer weniger Schulanfänger können fehlerfrei Deutsch

Immer weniger Schulanfänger können fehlerfrei Deutsch
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Immer weniger Schulanfänger können fehlerfrei Deutsch

Die Zahl der Schulanfänger, die gut Deutsch sprechen, ist drastisch gesunken – das geht aus dem Jahresbericht 2018 des Stadtgesundheitsamtes hervor.

Offenbach - Was dabei besonders ins Auge sticht: 64,5 Prozent der untersuchten Kinder haben Migrationshintergrund – und nur 17,2 Prozent von ihnen sprechen fehlerfrei Deutsch. 2017 sind es noch 28,4 Prozent gewesen, die die Sprache ohne Probleme beherrschten, im Jahr davor 32. Die Zahl ist also merklich gesunken.

Sogar bei Kindern, deren Mütter fehlerfrei Deutsch sprechen, haben sich die Defizite intensiviert. Nur 48 Prozent haben keine Probleme mit der Sprache – im Vorjahr waren es noch 55 Prozent. Woran liegt’s? Dr. Barbara Schneider, Sachgebietsleiterin für Kindermedizin im Gesundheitsamt, erklärt: „Wir hatten relativ häufig den Fall, dass Eltern, die hier geboren sind und bereits in zweiter Generation hier leben, zuhause nur die Sprache ihrer alten Wurzeln sprechen.“ Diese Eltern hätten bei der Untersuchung oft sehr erschrocken darauf reagiert, wie schlecht ihre Kinder eigentlich Deutsch könnten. „Sie haben das eben alles dem Kindergarten überlassen.“

Überprüfung der Deutschkenntnisse von Kindern ohne Migrationshintergrund

Erstmals überprüften die Ärzte 2018 auch die Deutschkenntnisse von Kindern ohne Migrationshintergrund. Auch hier können sie kein Gütesiegel verleihen: Nur 58,7 Prozent sprechen gut. Schneider fasst zusammen: „Wenn man alle gemeinsam bewertet, sprechen 32 Prozent aller Kinder fehlerfrei Deutsch.“ Eine längere Kita-Besuchsdauer, so zeige die Statistik, führe indes eindeutig zu Verbesserungen der Deutschkenntnisse.

Sozialdezernentin Sabine Groß nutzt dieses Stichwort, um bei der Vorstellung des Gesundheitsberichtes zu betonen, dass die Stadt bereits an Lösungen für das Problem arbeite. „Wir haben an der Kita 18 ein Pilotprojekt gestartet“, verrät sie. Dessen Konzept: Sogenannte Vorlaufkurse, die derzeit für Kinder mit lückenhaften Deutschkenntnissen im letzten Kita-Jahr angeboten werden, sollen nicht mehr wie bisher an Schulen stattfinden, sondern in der Kita selbst. Denn die räumliche Trennung ist nach Groß’ Auffassung nicht nur logistisch eine Herausforderung: „Auch aus pädagogischer Sicht trägt das nicht, weil die Kinder aus ihrem Alltag und ihren Gruppen gerissen werden.“

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Konzept fürs Pilotprojekt wird erarbeitet

Eine Erzieherin des städtischen Eigenbetriebs Kindertagesstätten (EKO) erarbeite nun das genaue Konzept fürs Pilotprojekt und evaluiere, wie es sich in Bezug auf den Spracherwerb auswirke. „Das ist eine zusätzliche Stelle“, so Groß. „Und weil die Stadt kein Geld hat, habe ich mich mal umgehört, wer sie bezahlen könnte.“ Die private Stiftung „Kinder Zukunft Fördern“ habe die Kosten in Höhe von 75  000 Euro für zunächst ein Jahr übernommen und eine Verlängerung um ein weiteres in Aussicht gestellt.

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Defizite sehen die Ärzte auch bei den grobmotorischen Fähigkeiten der untersuchten Kinder. Seit 2016 ist die Zahl der diesbezüglich auffälligen Kinder von 10,5 auf 14,8 Prozent gestiegen. Dr. Barbara Schneider vermutet, dass das mit übermäßigem Medienkonsum zusammenhängen könnte. „Den werten wir jedoch nicht aus, weil die Angaben meist nicht vertrauenswürdig sind.“ Sie habe aber bei Untersuchungen sogar mit Eltern zu tun gehabt, die selbst mit dem Handy spielten, während sie mit ihnen sprach. „Das ist kein Vorbildverhalten.“

VON MARIAN MEIDEL

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