Infrastruktur für Räder wird ausgebaut

Offenbach wird zur Fahrradstadt

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So könnten künftig die sechs Fahrradstraßen beziehungsweise -achsen (rot) verlaufen: Taunus-, Arndt- und Schumannstraße (1), Senefelderstraße (2), Karl- und Tempelseestraße, Hainbach (3), Geleitsstraße (4), Von-Behring-Straße (5) und Am Schneckenberg, Linzer, Seligenstädter Straße (6). Weiterer Blick voraus des ADFC: Ein Schnellweg (grün) Steinheim-Mühlheim-Offenbach.

Offenbach - Offenbach wird zur Fahrradstadt. Zumindest ein bisschen mehr. Das Bundesumweltministerium hat die Mittel für ein Projekt bewilligt, das Radfahrern Vorfahrt einräumt. Dafür fließen 4,53 Millionen Euro aus Berlin. Von Martin Kuhn

Die Senefelderstraße (hier an der Kreuzung mit der Christian-Pleß-Straße) wird zur Teststrecke für die Fahrradstraßen.

Als „Fahrradstraße zum Anfassen“ richtet die Stadt im September auf der Senefelderstraße einen Testabschnitt ein. Was Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) gestern vor Journalisten präsentierte, muss der Magistrat formell heute noch absegnen ... geschenkt. Die Tansania-Koalition wird das ganze wohl im Spätherbst als Projektbeschluss im Parlament beschließen. Auf den ersten Blick verwundert es, dass in dieser Konstellation auch die eher autoaffinen Christdemokraten und Liberalen dem Radverkehr grünes Licht geben. Weiß, tief in der Offenbacher Kommunalpolitik verwurzelt, bekennt, dass das, was einst als Thema für ideologische Auseinandersetzungen taugt, „Debatten von gestern“ sind. Und der FDP-Politiker verdeutlicht, dass man beim Thema Mobilität nicht mehr am Velo vorbeikommt. „Luftreinhaltung, Stickoxid-Reduzierung, Erreichen von Klimazielen – das Fahrrad spielt da eine wichtige Rolle.“ Und es gibt hier auch externe Impulse. Nicht umsonst muss die Stadt das Projekt dem Land Hessen vorlegen, das kritisch den sogenannten Luftreinhalteplan überwacht. Zudem gibt Weiß allen kritischen Stimmen zu bedenken: „Offenbach wächst. Bei uns ist es an vielen Ecken aber eine Nachverdichtung. Den zusätzlichen Verkehr können wir nur bewältigen, wenn wir den Öffentlichen Personennahverkehr und das Fahrrad attraktiver für die Nutzer machen.“

So sieht die künftige Markierung aus.

Die Stadt setzt konsequent eine angestoßene Entwicklung fort: Öffnung der Einbahnstraßen für Radverkehr in Gegenrichtung, Öffnung der Fußgängerzone für Velos, neue Radwegweisung. Und nun folgt das Projekt Fahrradstraßen. Denn im Vergleich mit anderen Städten hat Offenbach „Nachholbedarf“ erkannt. Das lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Verkehrsmix machen Radler bisher nur 9,2 Prozent aus. Bundesweit liegt dieser Wert bei etwa 11 Prozent. „Wenn wir die Radachsen ausbauen und auf den Fahrradstraßen Vorfahrt gewähren, schaffen wir Anreize, damit die Menschen gerade auf kurzen Strecken umsatteln“, sagt Weiß.

Das Stadtplanungsamt hatte im Herbst 2017 den Förderantrag für den Bundeswettbewerb „Klimaschutz durch Radverkehr“ eingereicht, der kürzlich vom Bundesumweltministerium bewilligt wurde. „Unser Ziel ist es, innerhalb von drei Jahren ein gut ausgebautes Netz an Radrouten über annähernd das ganze Stadtgebiet zu spannen, das sichere Wege für alle Generationen schafft“, sagt die Projektleiterin Ivonne Gerdts. Die Gesamtkosten des Projekts liegen bei nahezu sechs Millionen Euro. Das Projektmanagement obliegt der Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft (OPG) der Stadtwerke Holding.

„Wir haben sechs Radverkehrsachsen ausgewiesen, die wichtige Verbindungswege in Offenbach und ins Umland abdecken und bisher nicht entsprechend ausgebaut sind“, erläutert OPG-Projektmanager Ulrich Lemke. Dort sollen Fahrradstraßen, neue Radwege und Schutzstreifen eingerichtet werden, deren Verlauf Ziele wie Schulen, Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen mit einbindet. In den Fahrradstraßen hat der Radverkehr Vorrang, Radfahrer dürfen nebeneinanderfahren, und es gilt maximal Tempo 30 für alle. Die neuen Wege werden auffällig gestaltet, um die Sicherheit zu gewährleisten und die Orientierung zu erleichtern. Weitere Maßnahmen sehen vor, Kreuzungen und Knotenpunkte fahrradfreundlich umzugestalten, Lücken im Radverkehr zu schließen und die Anbindung an die Nachbarkommunen auszubauen.

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Zeitnah möchten die Verantwortlichen das Projekt mit dem Aufbau einer Teststraße auf den Weg bringen. Die „Fahrradstraße zum Anfassen“ entsteht im September in der Senefelderstraße zwischen der Marienstraße und Starkenburgring. Eine Infoveranstaltung stellt vor allem den Anwohnern die näheren Pläne vor: Alle Bewohner der umliegenden Straßen sind eingeladen, sich am Mittwoch, 8. August, zwischen 16.30 und 18.30 Uhr an der Roland-Passage zu informieren und mit Projektbeteiligten auszutauschen. Denn eins ist den Planern wichtig: Sie „fahren“ ein offenes Projekt, die endgültige Ausgestaltung der Fahrradstraßen ist noch nicht fix – auch nicht an der Senefelderstraße. Durch die aktive Mitarbeit der Bevölkerung erhofft man sich eine höhere Akzeptanz.

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