„Offenbach ist innovativ“

Thomas Iser will sich verstärkt um die Integration von Jugendlichen in Arbeit kümmern. „Mit Blick auf den demografischen Wandel und den drohenden Fachkräftebedarf ist es wichtig, möglichst jeden jungen Menschen in Ausbildung zu bringen“, sagte der neue Chef der Agentur für Arbeit Offenbach im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Herr Iser, Sie sind der neue Chef der Agentur für Arbeit Offenbach. Was hat Sie an den Main gezogen?

Ich bin ein Kind des Rhein-Main-Gebiets. Geboren wurde ich im Ried. 27 Jahre habe ich in Darmstadt gelebt. Ich bin seit 18 Jahren bei der Bundesagentur und habe in unterschiedlichen Bereichen im Rhein-Main-Gebiet verschiedene Funktionen ausgeübt. Ich war unter anderen in der Agentur in Darmstadt und Wiesbaden, auch in der Regionaldirektion in Frankfurt.

Zuletzt haben Sie Aufgaben in Ostdeutschland wahrgenommen.

Es war eine interessante Zeit. Die Arbeitslosigkeit ist natürlich im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet dort wesentlich höher.

Wo waren Sie genau?

Ich war in Oschatz. Das wird nur wenigen bekannt sein. Der Ort liegt in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden. Es gibt dort viele Langzeitarbeitslose - insbesondere Ältere. Auffällig ist auch, dass sich in der Gegend zahlreiche Baubetriebe angesiedelt haben. Wenn man Montag früh auf der A7 oder der A5 fährt, dann sieht man viele Wagen mit Handwerkern, die aus den neuen Bundesländern kommen und ins Rhein-Main-Gebiet fahren.

Haben Sie sich denn schon in Offenbach eingelebt?

Ich bin seit drei Monaten in Offenbach. Ich fühle mich hier sehr wohl. Im Februar werde ich nach Offenbach ziehen. Damit will ich bewusst ein Zeichen setzen. Mein Lebensmittelpunkt soll im Bezirk der Arbeitsagentur liegen. Ich will sehen, wie der Puls in der Stadt und im Landkreis schlägt.

Warum haben Sie sich für Offenbach entscheiden?

Ich wollte schon vor Jahren nach Offenbach. Das hat sich damals nicht so ergeben. Ich finde, dass Offenbach eine interessante Stadt ist. Es ist eine Stadt, die sehr innovativ ist. Offenbach lebt viel von Netzwerken, die es beispielsweise zwischen Kommunen, Verbänden und städtischen Einrichtungen gibt. Sie beschäftigen sich unter anderem mit den Themen Arbeitslosigkeit und Jugendliche. Ich versuche schnell Kontakte aufzubauen.

Neue Besen kehren gut, sagt der Volksmund. Was werden Sie bei der Agentur ändern?

Wichtig ist mir eine Intensivierung der Kontakte zu den Arbeitgebern. Verstärkt will ich mich auch um die Integration von Jugendlichen in Arbeit kümmern. Mit Blick auf den demografischen Wandel und den drohenden Fachkräftebedarf ist es wichtig, möglichst jeden jungen Menschen in Ausbildung zu bringen. Ich denke, dass sollte ein Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit der Politik, den Verbänden und der Handwerkskammer sein. Es darf gerade bei jungen Menschen keine Verstetigung der Arbeitslosigkeit geben.

Wie wird sich die Lage auf dem Lehrstellenmarkt in Offenbach in diesem Jahr entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass sich die Chancen für Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt ständig verbessern. Schließlich nimmt das Angebot an Ausbildungsstellen weiter zu. Wegen der demografischen Entwicklung gibt es aber immer weniger junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Die Entwicklung führt beispielsweise in den Handwerksberufen dazu, dass einige Lehrstellen gar nicht mehr besetzt werden können.

Unternehmen haben zunehmend Probleme, ihre Lehrstellen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Wie steuert die Arbeitsagentur gegen?

Wir bieten zum Beispiel ausbildungsbegleitende Hilfen an. Damit unterstützen wir Auszubildende während der Lehre, wenn sich Schwachstellen zeigen. Zudem investieren wir in berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen. Damit wird Jugendlichen geholfen, die die Ausbildungsreife noch nicht haben. Wichtig ist natürlich auch, über die Berufsberatung und den Arbeitgeberservice die jungen Menschen aus der Schule heraus in Ausbildung zu bringen.

Unterstützt die Agentur auch Hauptschüler?

Es gibt ein spezielles Förderprogramm des Landes Hessen. Dabei erhalten Arbeitgeber, die Hauptschüler einstellen, im ersten Ausbildungsjahr einen Zuschuss in Höhe von 50 Prozent der Vergütung, im zweiten Jahr sind es 25 Prozent. Anträge müssen bis zum 31. März gestellt werden.

Was raten Sie Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen?

Sie sollten sich auf jeden Fall bei der Berufsberatung melden, auch mit Eltern und Lehrern sprechen, selbst aktiv werden und zum Beispiel über das Internet nach einer Ausbildungsstelle suchen. Schon frühzeitig sollten Jugendliche, wann immer die Möglichkeit besteht, Praktika in Betrieben absolvieren. Und sich dabei nicht nur auf die bekannten Berufe beschränken. Es gibt eine unendliche Vielzahl an Berufen, über die viele junge Leute nichts wissen. Der erste Schritt kann sein, sich über unsere Internetseite http://berufenet.arbeitsagentur.de einen Einblick zu verschaffen.

Wird jeder Jugendliche eine Lehrstelle bekommen?

Ich denke, es gibt genügend Ausbildungsstellen für alle, die willig und geeignet sind. Die Noten spielen natürlich auch eine Rolle. Ich denke aber, wenn die sozialen Kompetenzen und der Wille, sich zu engagieren, vorhanden sind, stellen die Arbeitgeber heute auch junge Leute ein, die sie in der Vergangenheit nicht genommen hätten. Ausschlaggebend ist die Motivation der jungen Menschen.

Haben Jugendliche mit Migrationshintergrund es schwieriger, eine Lehrstelle zu finden?

Der Migrationshintergrund kann auch eine Chance sein. Denken Sie nur an die Sprache, die die Jugendlichen mitbringen. Kulturelle Vielfalt ist immer eine Bereicherung und kein Defizit.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Offenbacher Arbeitsmarkt in diesem Jahr?

Ich fasse den Offenbacher Arbeitsmarkt gar nicht so eng. Er ist Teil des Arbeitsmarkts im Rhein-Main-Gebiet. Wenn man die Pendlerströme betrachtet, sieht man, dass sich viele Menschen aus Stadt und Kreis in der ganzen Region bewegen. Das Rhein-Main-Gebiet bietet viele Chancen. Mit Prognosen muss man aber vorsichtig sein, weil die Wirtschaft auch stark vom Export abhängt.

Der Offenbacher Arbeitsmarkt hat sich schlechter entwickelt als im restlichen Hessen. Warum?

In den letzten Jahren sind viele Stellen im gewerblichen Bereich abgebaut worden. Einiges konnte über Dienstleistungen kompensiert werden. Zahlreiche Menschen, insbesondere in der Stadt Offenbach, haben aber Schwierigkeiten, Alternativen in gewerblichen Berufen zu finden. Ein Aufbau von gewerblichen Arbeitsplätzen hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

Unter den von Ihrer Agentur für Arbeit gemeldeten freien Stellen sind immer mehr Jobs für Leiharbeiter. Verdrängen sie langsam die Stammbelegschaften?

Ich würde nicht von einem Verdrändungswettbewerb sprechen. Man muss aber sehen, was in den letzten Jahren durch die Wirtschaftskrise geschehen ist. Viele Unternehmen hatten auch auf das Instrument der Kurzarbeit gesetzt. Jetzt verbessert sich die Auftragslage wieder. Das führt dazu, dass die Firmen zunächst einmal die Kurzarbeit zurückfahren und ihre Mitarbeiter wieder in Vollzeit beschäftigen. Viele Unternehmen warten jetzt ab, wie sich die Wirtschaft weiter entwickelt. Sie investieren nicht sofort in Vollzeitstellen. Stattdessen setzen die Firmen auf Leiharbeiter.

Gibt es noch viel Kurzarbeit in Stadt und Kreis?

Die Zahlen sind massiv runter gegangen. Und: Die Firmen nutzen Kurzarbeit nur noch zu einem geringen Anteil.

Welche Altersgruppen haben die schlechtesten Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Offenbach?

Die Älteren ab 50 Jahren. Ich denke aber, in der Zukunft müssen die Unternehmen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels die Älteren noch mehr weiterbilden und weiter beschäftigen. Die Firmen erkennen langsam, welches Potenzial und welche Erfahrung sie haben. In Zukunft sollte daher noch mehr in Ältere investiert werden.

Habe wir einen Fachkräftemangel in Offenbach?

Ich würde von einem Fachkräftebedarf sprechen. In den Pflegeberufen, bei den Erziehern und den Ingenieuren ist der sicherlich vorhanden. Auch in einigen handwerklichen Bereichen kann man von einem Fachkräftebedarf sprechen.

Rubriklistenbild: © dpa

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