„Es wird einfach Zeit“

Offenbacher Institution macht dicht

Vor knapp 30 Jahren hat Renate Nordquist das Geschäft von ihrer Mutter übernommen. 
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Vor knapp 30 Jahren hat Renate Nordquist das Geschäft von ihrer Mutter übernommen. 

Das Geschäft „Wolle und Mode“ in Offenbach macht dicht. Der Hintergrund ist traurig.

  • Institution in Offenbach macht bald dich
  • „Wolle und Mode“ wird es schon bald nicht mehr geben
  • Geschäft hat lange Tradition

Offenbach – Renate Nordquist nimmt das Wollknäuel, das ihr die Kundin in Offenbach reicht, prüfend in die Hand. „Sie wollen Socken stricken?“, fragt sie, die junge Frau nickt. „Das sind keine 100 Gramm, das wird nicht reichen“, sagt Nordquist und legt zur Bestätigung ihrer Einschätzung das Wollknäuel auf eine kleine Messingwaage. Knapp über 80 Gramm zeigt diese an, die 77-Jährige lächelt. „Mit der Zeit hat man halt ein Gefühl dafür, wie schwer die Knäuel sind. “.

Offenbach: „Wolle und Mode“ ist eine wahre Institution

Ihr Geschäft „Wolle und Mode“ in der Großen Marktstraße 17 ist eine wahre Institution: Wer Material zum Stricken sucht, wird hier seit Jahrzehnten fündig. Gegründet wurde es vor 82 Jahren von Nordquists Mutter Margarete.

Handarbeiten liegen wieder im Trend und doch wird Nordquist noch im ersten Quartal ihr Geschäft schließen. „Es wird einfach Zeit: Mein Mann ist im letzten Frühjahr schwer erkrankt, seitdem überlege ich, den Laden zu schließen.“ Wann genau, das stehe noch nicht fest. „Ob im Februar oder März, das muss ich noch entscheiden“, sagt sie.

Offenbach: „Wolle und Mode“ schließt - Suche nach Nachfolger bleibt ohne Ergebnis

Gerne hätte sie das Geschäft in Offenbach an eine Nachfolgerin übergeben, und kurzzeitig sah es auch so aus, als würde dies gelingen. Die Interessentin musste dann aber wegen einer Krankheit von ihrem Vorhaben abrücken. „Und weitere Interessenten gibt es leider nicht“, sagt Nordquist. Also werde sie nun die Bestände abverkaufen und das Geschäft dann schließen.

„Handarbeiten liegen zwar bei jüngeren Leuten wieder im Trend, aber das Augenmerk liegt auf Nähen, weniger auf Stricken“, sagt sie. Schon ihre Mutter habe gesagt, dass die Begeisterung für Handarbeit wellenförmig verlaufe: Auf drei gute Jahre folgten drei eher mäßige. „Um das Geschäft anzufeuern, müsste ich etwa Kurse geben – aber dafür fehlt mir einfach die Geduld“, sagt sie. Wenn sie um Rat gefragt werde, dann helfe sie aber natürlich weiter. „Meine Mutter ging dabei sogar so weit, dass sie Nähte, die nicht sauber gelegt waren, wieder aufgetrennt hat und den Kunden sagte, das müssten sie eben noch mal ordentlich machen“, erinnert sie sich und lacht.

Offenbach: Stammkunden von „Wolle und Mode“ wissen schon länger bescheid 

Nordquist schaut an den hohen, mit Wolle und Vorlagen gefüllten Regalen entlang. „Eigentlich wird hier schon viel länger Material für Handarbeiten verkauft“, sagt sie. Bis 1938 gehörte das Geschäft einer Familie Berg, ihre Mutter Margarete war dort Kundin. Da Familie Berg jüdischen Glaubens war, wurde sie vom NS-Staat verfolgt. „Die Familie hat dann meine Mutter gefragt, ob sie nicht den Laden übernehmen will, da sie ihnen gut bekannt war. Und sie hat dem zugestimmt.“ Gern würde Nordquist mehr über die Vorbesitzerfamilie und deren Schicksal erfahren. „Leider hat sich das nicht ergeben. Dabei wäre es doch interessant, zu wissen, wer diese Offenbacher Familie war.“

Ihre Stammkunden von „Wolle und Mode“ in Offenbach wissen bereits von Nordquists Entschluss, aufzuhören. „Sie wird mir fehlen“, sagt eine. „Bei ihr habe ich seit Jahren meine Wolle gekauft und sie hat immer Rat und Tipps bereit, welche Wolle sich für was am besten eignet.“ So viele andere Geschäfte, die auf Wolle spezialisiert seien, gebe es in der Region nicht, sagt eine andere Kundin, im Internet zu bestellen, das komme für sie nicht infrage. „Ich muss doch vorher fühlen, wie die Wolle ist.“

Offenbach: Nordquist von „Wolle und Mode“ freut sich über Wertschätzung

Nordquist lächelt bei diesen Worten. „Es tut gut zu wissen, dass man geschätzt wird“, sagt sie. „Aber irgendwann muss halt Schluss sein: Mir fällt es zunehmend schwerer, im Laden zu sitzen.“ Bis zum endgültigen Aus für das Geschäft wird sie weiterhin täglich mit dem Rad zum Laden fahren und morgens die Auslage mit Waren vor ihrem Schaufenster aufstellen. Und dann Strickneulingen Tipps geben oder Selbstgestricktes von Kundinnen begutachten.

VON FRANK SOMMER

Ein weiteres Traditionsgeschäft hat Offenbach dicht gemacht: Regina Noe-Peters verkaufte in ihrem Tee- und Kaffeehaus Nummer 15 am 16. März zum letzten Mal Teemischungen und Kaffeebohnen.

Es ist eine Liebeserklärung an die Heimatstadt: Fanshop-Betreiber gründen das neue Modelabel „FFNBCH“. Aus Offenbach – für Offenbach.

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