Wirtschaftskraft stagniert

Offenbach ist unverändert arm – „Diese Zahlen überraschen nicht“

Offenbach: Riesiges Gewerbegebiet für die Stadt geplant 
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Große Hoffnungen ruhen auf neuen Unternehmen, die sich auf dem Alessa-Areal ansiedeln sollen.

Wieder wurde in Offenbach schmerzlich bewusst, wie sehr die Stadt bei Gewerbesteuereinnahmen anderen, auch kleineren Städten hinterherhinkt.

Offenbach – Einst war Offenbach eine wohlhabende Stadt, doch seit gut 100 Jahren gilt sie als arm. Als es jüngst um die Frage eines freiwilligen Angebots für einen Fahrdienst zum Impfzentrum in Frankfurt ging, wurde vielen wieder einmal schmerzlich bewusst, wie sehr Offenbach bei Gewerbesteuereinnahmen anderen, auch kleineren Städten hinterherhinkt. Doch nicht nur bei den Stadtfinanzen, auch in punkto Kaufkraft und Bruttoinlandsprodukt (BIP) rangiert Offenbach teils deutlich hinter anderen Städten. Das BIP ist ein Maß für die Wirtschaftskraft eines bestimmten Wirtschaftsraumes, ob der Bundesrepublik, eines Bundeslandes oder einer Kommune.

Laut Industrie- und Handelskammer Offenbach lag das BIP 2018 in der Stadt bei 37 008 Euro pro Einwohner – im Kreis dagegen bei 41 103 Euro und hessenweit bei 45 339 Euro. Die Wirtschaftskraft eines Offenbachers lag aber nicht nur unterm Kreis- und Hessendurchschnitt, sondern auch unter dem deutschlandweiten Schnitt (40 339 Euro).

Offenbach weiterhin arm: „Diese Zahlen überraschen nicht“

Auf die Erwerbstätigen umgerechnet, bleibt Offenbach noch deutlicher hinter Bund, Land- und Kreis zurück: Während das BIP pro Erwerbstätigem 2018 deutschlandweit bei 74 561 Euro lag, hessenweit bei 81 703 Euro und im Kreisdurchschnitt bei 85 538 Euro, erwirtschaftete ein Offenbacher Erwerbstätiger 69 434 Euro. Für die Jahre zuvor zeigt sich ein ähnliches bild: Offenbachs BIP stagniert unter dem Bundes- und Landesdurchschnitt.

„Diese Zahlen überraschen nicht, sie zeigen, was sich über viele Jahre entwickelt hat“, sagt Matthias Schulze-Böing. Bis Ende 2020 war er Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, seine Publikationen zur statistischen Entwicklung Offenbachs genießen größte Anerkennung.

Offenbach: Trotz Bevölkerungszuwachs liegt das BIP weit hinten – das hat mehrere Gründe

Weshalb Offenbach trotz Bevölkerungszuwachs und Zuzug von kaufkräftigeren Schichten dennoch beim BIP weiter hinten liegt, hat mehrere Gründe: Einer ist, dass zwar mehr Menschen nach Offenbach ziehen, um hier zu leben, sie aber nicht in der Stadt arbeiten. „Wir haben einen deutlichen Auspendlerüberschuss in die Region“, sagt er, „der Wohn- und der Wirtschaftsstandort sind inzwischen entkoppelt.“

Das bedeutet, dass nicht im gleichen Maße, wie Wohnmöglichkeiten geschaffen wurden, auch sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden sind. „In Offenbach hatten wir teilweise die höchsten Wachstumsraten beim Zuzug, aber die Zahl der Beschäftigten, die in der Stadt arbeiten, stagniert seit den 90er Jahren“, sagt Schulze-Böing. Größen wie Rowenta, die viele Arbeitsplätze boten, verließen die Stadt. „Das waren richtige Schwergewichte an Arbeitsplätzen, die uns weggebrochen sind.“ Da die Arbeitsplätze der neuen Einwohner hauptsächlich im Umland liegen, verweilt das BIP pro Einwohner auf einem relativ niedrigen Stand im Vergleich zu anderen Kommunen.

Offenbach: Im Dienstleistungsbereich übertrifft die Stadt Kassel

Auch was die Wertschöpfung bei den Arbeitsplätzen betrifft, zeigt sich ein Ungleichgewicht. Die einst prägenden Industriearbeitsplätze spielen für die heutige Wirtschaft der Stadt keine Rolle mehr, doch im Gegenzug entstanden nicht ausreichend gleich- oder höherwertige Arbeitsplätze in anderen Branchen. „In Offenbach haben sich im Gegensatz zu Frankfurt mit seinem Finanzsektor vor allem weniger wertschöpfungsstarke Branchen entwickelt – die dennoch sehr interessant sein können, etwa die Kreativwirtschaft“, sagt Schulze-Böing.

Vergleiche mit Frankfurt oder Darmstadt, die ein wesentlich höheres BIP aufweisen, sieht er jedoch kritisch. „Frankfurt ist mit seiner Finanzbranche ein eigener Fall; wir haben Offenbach eher mit Kassel verglichen.“ Immerhin, was die Produktivität im Dienstleistungsbereich anbelangt, übertrifft Offenbach die Nordhessen.

Offenbach: Im Ländervergleich unverändert arm präsentiert

Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Offenbach sich im Landesvergleich unverändert arm präsentiert. „Der Strukturwandel ist nichts Historisches, etwas längst Abgeschlossenes, sondern er ist für Offenbach immer noch eine Aufgabe, die es zu bewältigen gilt“, so Schulze-Böing. Daher sei es für die nächsten Jahre unabdingbar, dass der Fokus nicht nur auf der Schaffung von Wohnraum, sondern vor allem auf sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen liege. „Glücklicherweise wird das ja auch im Masterplan so gesehen“, sagt er. Mit dem Allessa-Gelände stehe ein großes Areal zur Wirtschaftsansiedlung bereit, aber auch sonst müsse darauf geachtet werden, dass Flächen für Unternehmen zur Verfügung stünden – sei es, um sie in Offenbach zu halten oder um sie neu anzusiedeln.

Nur so kann langfristig der Trend gewendet und das BIP pro Einwohner oder Erwerbstätigem im Vergleich zu anderen Kommunen erhöht werden. (Frank Sommer)

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