„Stadtgeschichte sichtbar machen“

25 Jahre Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft

Anton Jakob Weinberger an der Mauer der ehemaligen Synagoge in der Hintergasse.
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Anton Jakob Weinberger an der Mauer der ehemaligen Synagoge in der Hintergasse.

Seit 25 Jahren ist es Ziel der Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft, die jüdische Geschichte in Offenbach sichtbar zu machen. Aber nicht nur das.

Offenbach – Vor 25 Jahren, am 21. Juni 1995, wurde im Bücherturm der Stadtbibliothek die Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft gegründet. Ihr Vorsitzender, Anton Jakob Weinberger, berichtet über Erfolge und Pläne. Herr Weinberger, der Verein ist aus Offenbach nicht mehr wegzudenken. 

Erklärtes Ziel ist ja die Sichtbarmachung der jüdischen Geschichte der Stadt...

Ja, aber nicht nur. Neben der Erinnerung an die liberale jüdische Tradition Offenbachs ist auch der Dialog der verschiedenen jüdischen Strömungen Deutschlands unser Ziel. Wir verstehen uns als kulturell-wissenschaftliche Vereinigung.

Wie kam es eigentlich zur Vereinsgründung?

Den Ausschlag gab die Begegnung mit Heinrich Schwarzwald: Ich war von der Frankfurter in die Offenbacher jüdische Gemeinde gewechselt und lernte ihn bei einer Veranstaltung zum Gedenken an den Novemberpogrom kennen. Das war ein echter Offenbacher Bub, der mir über seine Jugendzeit und die alte Synagoge, das heutige Capitol, erzählte. Zeitgleich stellte ich für die Offenbach-Post in Artikeln auch Klaus Werner mit seiner Dissertation über die Juden in Offenbach während der NS-Zeit und Sven Beckert, Gewinner des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, vor. Beckert hatte ehemalige Offenbacher Juden interviewt, die unter anderem nach Palästina emigriert waren.

Sie bekamen also von drei Seiten Informationen über die ehemalige jüdische Gemeinschaft?

Ja, dazu kam ich in Kontakt mit dem damaligen Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel, als es um die Publikation des Werks von Klaus Werner ging. Das war eine der ersten historischen Regionalstudien. Allerdings wies das Werk einen gewissen Mangel auf: Das Spezifische der Geschichte der Juden in Offenbach wurde nur punktuell angesprochen, nicht aber systematisiert.

Sie wollten wissen, was die Israelitische Religionsgemeinde, so hieß sie ja damals, auszeichnete?

Und das im Zusammenspiel mit der Entwicklung der Gemeinden der Umgebung. Wir wollten ein Stück Offenbacher Stadtgeschichte wieder sichtbar machen und als Teil der Geschichte des in der Schoa vernichteten deutschen Judentums verstehen.

Also haben Sie einen Verein zur Erforschung gegründet...

(lacht) Daran hatte ich nie gedacht. Ich bin so gar kein Vereinsmensch. Aber ziemlich schnell sprachen mich verschiedene Leute an und machten mir klar, dass es ohne Vereinsstatus kein Geld für die Erforschung geben würde. Bis zur Gründung vergingen dann eineinhalb Jahre, denn ich wollte auch unbedingt Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde dafür begeistern. Allerdings war das Wissen um die einstige liberal-reformatorische Ausrichtung Offenbachs verloren gegangen – ich hörte damals oft: „Was ist denn liberales Judentum?“ Die ganze bedeutende Tradition war nach dem Krieg in Vergessenheit geraten. Dabei war Offenbach eine der ersten Gemeinden, die sich 1821 der noch jungen jüdischen Reformbewegung anschloss.

Und später wurde hier die erste Frau zur Rabbinerin ordiniert...

Auch das wird immer noch teils falsch publiziert: Entweder wird die Ordination nach Berlin verlegt oder Regina Jonas, die von Rabbiner Dienemann 1935 in Offenbach ordiniert wurde, gänzlich unterschlagen. Da muss unsere Gesellschaft oft Briefe oder E-Mails schreiben, um Fehler in Publikationen zu berichtigen.

Wie wurde die Gründung der Gesellschaft eigentlich aufgenommen?

Ich bekam durchweg positive Reaktionen darauf – es waren ja auch viele bekannte Offenbacher unter den Gründungsmitgliedern, Professor Dancygier vom Stadtkrankenhaus oder Günter Stier von der Sparkasse. Und wir haben mit unserer Gesellschaft den Weg zum Dialog auch innerhalb der jüdischen Gemeinden aufgetan: Unsere Auftaktveranstaltung mit dem Judaisten und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich hieß „Das Judentum ist pluralistisch“.

Die Vielfältigkeit des Judentums musste also erst wieder ins Bewusstsein gerufen werden?

Muss sie noch immer. Eine unserer Grundideen ist es, dem Eindruck entgegenzuwirken, dass das Judentum eine monolithische, festgefügte Veranstaltung sei – aber das ist es nicht und war es auch nie.

Ihr Verein hat aber in 25 Jahren viel getan, diesen Eindruck zu ändern...

Ja, seit Dezember 1995 bieten wir Vorträge, damals vor allem zum Thema Holocaust-Denkmal: Mir war aufgefallen, dass sich die jüdischen Gemeinden wenig zu dem Thema geäußert haben. Das wollten wir ändern. Und seit 96 gibt es regelmäßig Lesungen, mit denen wir die jüdische Innensicht vermitteln wollen. Wir wollen mit allen unseren Veranstaltungen zur Diskussion anregen. Dabei haben wir uns einiges getraut: Vor uns gab es schlicht keine Diskussion zwischen liberalen und orthodoxen Rabbinern, die wurde von unserer Gesellschaft angestoßen.

Erklären Sie das genauer.

Wir hatten damals zur Diskussion zum Thema „Juden in Deutschland zwischen Orthodoxie und Assimilation“ geladen, das gab es vorher nicht – denn für Orthodoxe gab es schlicht kein liberales Judentum. Der Zentralrat hatte es sogar abgelehnt, überhaupt mit liberalen Gemeinden in Kontakt zu treten. Wir haben dann zur Podiumsdiskussion in den jüdischen Gemeindesaal eingeladen und Ignatz Bubis, der damalige Zentralratsvorsitzende, sagte zu. Das Interesse war gewaltig: Wir hatten über 500 Besucher, obwohl der Saal nur für 200 ausgelegt ist. Wir mussten im benachbarten Hochhaus bei den Mietern klingeln und um Stühle bitten. Der Südwestfunk hat die Diskussion aufgezeichnet.

Nicht der Hessische Rundfunk?

Nein, der hatte kein Interesse. Auf jeden Fall war es das erste Mal, dass ein Repräsentant des Zentralrats sich öffentlich mit Angehörigen der liberalen Gemeinden auf ein Podium gesetzt und sich mit ihnen ausgetauscht hat. Und am Ende sagte Bubis dann öffentlich, dass die liberalen Gemeinden unter das Dach des Zentralrats gehörten.

Sprechen wir einmal über die Zukunft: Was wünschen Sie sich für Ihren Verein?

Wir haben die üblichen Probleme vieler Vereine: Der Altersdurchschnitt liegt bei 50 plus und so viele Aktive gibt es nicht.

Wären Kooperationen denkbar? Etwa mit Schulen?

Für eine große Jugendarbeit fehlen uns die Leute, das würde uns organisatorisch überfordern. Aber bei Interesse arbeiten wir gern mit Schulen zusammen, jüngst etwa mit der Schillerschule. Die Schüler waren sehr interessiert und die Lehrerin hatte sie gut vorbereitet. Dabei fiel mir nur wieder auf, dass das Judentum vielen Schülern doch unbekannt ist…

Aber es gibt doch gute Infoangebote, etwa den „Happy Hippie Jew Bus“ – da wird niedrigschwellig informiert…

Sicher, aber mir fällt auch auf, dass diese Angebote eher von außen kommen – aus den jüdischen Gemeinden selbst kommt leider wenig.

Eine stärkere Verzahnung wäre also ein Wunsch ?

Nicht nur. Ich würde sehr gern unseren Stadtplan für den Rundgang zu den Stätten jüdischen Lebens in Offenbach neu auflegen, aber das überfordert uns finanziell. Ohne Spenden ist das nicht machbar. Außerdem sind wir gerade dabei, die Bestandsaufnahme des alten jüdischen Friedhofs an der Hebestraße abzuschließen. Und dann gibt’s noch die Idee, im Eingangsbereich der ehemaligen Synagoge, dem heutigen Capitol-Theater, mit einer multimedialen Gestaltung an die einstige Nutzung zu erinnern.

Das Interview führte Frank Sommer

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