Ungewohnte Klänge vorm Altar

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Christof Sänger am Piano, Rudi Engel am Kontrabass und Tobias Schirmer am Schlagzeug boten ein besonderes musikalisches Erlebnis.

Bieber - Eine wochentags gut gefüllte Kirche und ein Konzertflügel neben dem Altar: Diese vielversprechende Mischung konnten Besucher der evangelischen Kirche in Bieber erleben. Von Claus Wolfschlag

Letztlich blieb es Pianist Christof Sänger vorbehalten, in der Reihe „Jazz-Trio spielt Klassik“ dem Raum und dem Abend Leben einzuhauchen.

Zum vierten Mal hatte die Kulturinitiative „Jazz-Session Offenbach“ in das Gotteshaus an der Aschaffenburger Straße geladen. Pfarrerin Angelika Meder zeigte sich erfreut über den regen Zuspruch, nicht nur von Gemeindemitgliedern. „Man muss schon verstehen, dass Musik in einer ganz anderen Situation präsentiert wird. Sonst spielen die Künstler in Offenbach oft in Restaurants. Hier aber herrscht Konzertatmosphäre. Niemand bestellt zwischendurch ein Schnitzel oder klappert herum.“

Der Eintritt war frei, jedoch wurde um eine Spende für die Musiker gebeten. In den vorangegangenen Jahren waren die Konzerte in Bieber auf Pfingsten oder den Reformationstag gelegt worden. Es war somit zu einer Kombination mit dem vorangegangenen Gottesdienst gekommen. Darauf war diesmal verzichtet worden. Der Fokus lag allein auf der Musik.

Jazz längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Initiator Axel Kemper-Moll sagte in seiner Begrüßungsansprache, dass Jazz längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Sogar klassisch sei er inzwischen geworden. Also gelte es, „heraus aus den Kellerlöchern“ zu kommen und sich in Räumen zu präsentieren, die auf den ersten Blick nicht mit Jazz in Verbindung gebracht würden.

Dann setzte sich Christof Sänger aus Wiesbaden an den vom Pianohaus Guckel bereitgestellten Steinway-Flügel und begann, in die Tasten zu hauen. Sänger ist seit 1985 konzertant aktiv. Zudem unterrichtet er an der Offenbacher „Modern Piano School“ und der Musikhochschule Frankfurt. Begleitet wurde er von den Würzburgern Rudi Engel am Kontrabass und Tobias Schirmer, der am Schlagzeug Platz genommen hatte. Sänger und Engel treten seit einigen Jahren gemeinsam auf. Beide haben unter anderem bereits mit dem zweifachen Grammy-Preisträger Ernie Watts zusammengearbeitet.

Aus allem möglichen etwas Jazziges machen

Das Trio bot einerseits jazzig interpretierte Stücke der Unterhaltungskultur, andererseits Bearbeitungen klassischer Werke. Auf den Klassiker „Just In Time“ folgte der Des-Dur-Walzer von Frédéric Chopin, nach dem 30er-Jahre-Hit „Over The Rainbow“ wurde Mozarts „Alla Turca“ angestimmt. Nach der Pause gab es zudem Eigenkompositionen zu hören. „Man kann aus allem möglichen etwas Jazziges machen“, scherzte Pianist Sänger.

Unter den knapp 70 Zuhörern kamen die Interpretationen offenkundig an. Viele Köpfe bewegten sich im Takt, und immer wieder brandete Zwischenbeifall auf.

In der Pause labte sich das Publikum am Sektstand, der im Kirchenfoyer aufgebaut war. Darunter waren Ulrike und Dietmar Kuschel, die sich sichtlich angetan von der Veranstaltung zeigten. „Jazz kann auch gute Laune machen“, meinte Ulrike Kuschel, Klavierschülerin Christof Sängers. Und ihre männliche Begleitung ergänzte: „Es ist eben etwas anderes, als diese Musik im klassischen Jazzkeller zu hören, auch wenn dort mittlerweile der zugehörige Rauch fehlt. Das hat Einfluss auf das Publikum. In diese Kirche kommen sicher nicht nur klassische Jazzfans. So aber wird wiederum Neugierde für die Musik geweckt.“

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