Bewerbungsvideos

Mit Bewegtbildern zum Job

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Spaß beim Dreh: Authentisch präsentieren sich Arbeits- und Ausbildungsplatzsuchende in den Bewerbungsvideos.  

Offenbach - Wenn der Hauptschüler mit strahlenden Augen vom Wunsch-Ausbildungsplatz als Kfz-Mechaniker erzählt oder die Frau mit russischem Akzent glaubhaft vermittelt, dass sie gern putzt, handelt es sich um keine gewöhnlichen Stellensuchen. Von Veronika Schade 

Bewerbungsvideos sind ein neues Angebot des kommunalen Jobcenters Mainarbeit. Damit will es Emotionen, Persönlichkeit und das „Menschelnde“ statt trockener Bewerberdaten an den Arbeitgeber bringen.

In Hessen ist dies einmalig – selbst deutschlandweit bieten bisher erst wenige Jobcenter diese Möglichkeit. Die Idee selbst ist nicht ganz neu. „In den USA und in der Schweiz sind Bewerbungsvideos üblich“, sagt Mainarbeit-Sprecherin Sarah Hohmann. Den Anreiz fürs Offenbacher Jobcenter gab der Dienstleister, der die Videos dreht: der Frankfurter Medienspezialisten Wolf Kunik. Die ersten Resonanzen geben ihm Recht. „Die Arbeitgeber reagieren sehr positiv“, freut sich Hohmann. Mehr als 60 Kunden haben bereits Videos von sich drehen lassen.

Zwei- bis dreiminütige Clips

In den zwei- bis dreiminütigen Clips stellen Arbeitsuchende sich vor, beschreiben ihren Werdegang und ihre Fähigkeiten, erzählen auch mal Privates – und warum sie genau der/die Richtige für den Job sind. Die Filme werden auf die Internetseite der Mainarbeit gestellt, unterteilt nach beruflichen Schwerpunkten und Branchen. Arbeitgeber bekommen einen Zugangscode, mit dem sie Zugriff auf die Videos haben. Bei Interesse können sie Kontakt zum zuständigen Arbeitsvermittler aufnehmen. Alternativ kommen die Vermittler in die Firmen und haben Tablets dabei, auf denen sie Arbeitgebern potenzielle Mitarbeiter präsentieren. Arbeitsuchende können selbst Videos per E-Mail verschicken. Sie bekommen sie kostenlos, auch der Dreh kostet sie nichts.

Robert Fuchs ist einer der ersten Bewerber, die sich haben filmen lassen. „Es war ein komisches Gefühl, sich vor die Kamera zu stellen und sich selbst im Film zu sehen“, erzählt der 51-Jährige. Doch Filmer Wolf Kunik habe ihm die Scheu genommen. „Er hat es sehr professionell gemacht und mit mir die besten Aufnahmen ausgesucht.“ Seinen Text hat Fuchs vorbereitet, ihn aber frei gesprochen – das wirkt natürlicher. Der studierte Grafikdesigner war eineinhalb Jahre auf Jobsuche, nachdem er seine freiberufliche Tätigkeit aufgegeben hatte. Sein Schritt zum Videodreh wurde belohnt. Als Maurizio Pittello, Geschäftsführer des Offenbacher Bürobedarf-Unternehmens Hain, den Clip sah, spürte er, dass die Chemie stimmt. Beim Vorstellungsgespräch bestätigte sich der positive Eindruck. Mittlerweile ist Fuchs fester Mitarbeiter der Firma Hain.

Top Ten der unbeliebten Berufe

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Sein Chef Pittello ist ein großer Fan der Videobewerbung. „Es ist eine ganz andere Möglichkeit, sich zu präsentieren. Wie die Person rüberkommt, wie sie sich gibt, das kann man anhand einer schriftlichen Bewerbung nicht ahnen.“ Diese seien im Grunde immer gleich: „Die üblichen Aufzählungen, die gleichen Schlagwörter. Kennt man eine Bewerbung, kennt man alle.“ Videos seien individueller und gäben ihm ein Gespür dafür, was dem Bewerber zuzutrauen sei. „Es ist nicht leicht, sich vor die Kamera zu stellen und zu erzählen. Aber von meinen Mitarbeitern erwarte ich, mit ungewohnten Situationen fertig zu werden.“

Auch für „Pflegefälle“ der Mainarbeit wie langjährige Hilfsempfänger oder Jugendliche ohne Schulabschluss seien die Videos eine gute Plattform, ist sich Hohmann sicher. Ein Kollege mit Kundenkontakt, der namentlich nicht genannt sein möchte, gibt ihr Recht. „Die Videos dreht ein Profi in einem geschützten Rahmen, die Personen sind aber sehr authentisch. Der Arbeitgeber kann Sympathien für einen Bewerber entwickeln, auch wenn dieser auf dem Papier vielleicht nicht ganz so geeignet erscheint.“ Seiner Meinung nach ersetzen die Clips langfristig sogar die klassischen Bewerbungsschreiben. Die Mainarbeit will die Zahl der Videos zunächst auf 150 ausweiten und die Resonanz auswerten. Stimmt sie, wird das Angebot fester Bestandteil der Vermittlung.

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