Offenbach hat keine anerkannte Heilquelle mehr

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Er bleibt: Kaiser Friedrich III., „der Gütige“, ist als Büste die letzte Erinnerung an den Traum von der Kurstadt Offenbach.

Offenbach - Offenbacher Kaiser-Friedrich-Wasser wird schon seit 1996 nicht mehr abgefüllt. Jetzt ist dem einst hoch geschätzten Mineralwasser auch sozusagen der amtliche Totenschein ausgestellt worden. Von Lothar R. Braun

 Im Hessischen Staatsanzeiger zeigte der Regierungspräsident in dürren Worten an: „Die staatliche Anerkennung als Heilquelle für die Kaiser-Friedrich-Quelle Offenbach am Main wird hiermit widerrufen“.

Das trifft sich mit baulichen Veränderungen. Entlang der Ludwigstraße aufgestellte Bauzäune signalisieren bereits: Demnächst werden die Räumgeräte anrücken. Die Eigentümer-Familie Schumacher/Franke hat die Hälfte des lange brach liegenden Areals verkauft. An wen, will Dr. Wilhelm Franke nicht verraten: „Wir haben damit nichts mehr zu tun.“ Oberbürgermeister Horst Schneider bestätigt, dass der Bauantrag für ein Seniorenheim auf einem Teil des riesigen Geländes genehmigt ist. Für ihn eröffnet das „städtebauliche Chancen zur Erweiterung des Westends durch Wohnungsbau“.

Den Status einer staatlich anerkannten Heilquelle hatte der Brunnen 1936 erlangt. Aber schon seit 1888 war das natrium- und lithiumhaltige Wasser aus dem Brunnen an der Ludwigstraße ein Produkt, mit dem sich Offenbacher Identität verband. Seit 13 Jahren erinnern nur noch die fremd genutzten Betriebsgebäude daran, doch auch ihnen hat die Stunde geschlagen. Erhalten bleibt nur das Eckhaus Ludwigstraße-Geleitsstraße, das von der Rhein-Main-Abfall GmbH genutzt wird. Vor ihm steht eine Büste des Kaisers Friedrich III. Sie soll an dieser Stelle erhalten bleiben, versichern die Eigentümer. Sie wird als letzte Erinnerung an einen Offenbacher Traum alten Glanz bezeugen.

Den deutschen Kaiserthron hatte Friedrich im März 1888 sterbenskrank bestiegen. Nur 99 Tage später erlag er einem Krebsleiden. Zum zweiten Mal in einem Jahr war ein Kaiser zu begraben.

Für den Offenbacher Maschinenfabrikanten Adam Neubecker indes wurde das ein Jahr des Triumphs. Drei Jahre lang hatte ganz Offenbach sich darüber amüsiert, dass er scheinbar erfolglos nach Wasser bohrte, um von der städtischen Versorgung unabhängig zu werden.

Als er auch in 200 Meter Tiefe noch nicht fündig geworden war, soll er grimmig geschworen haben: „Ich bohre, bis ich den Kamerunern die Fußsohlen kitzele“. Fündig wurde er dann auf einer Tiefe von 300 Metern. Doch was er dort traf, war ein für seine Zwecke unbrauchbares Mineralwasser. Immerhin, Neubecker verstand es, daraus ein Geschäft zu machen. Er gab dem Wasser den Namen des toten Kaisers und füllte es zum Verkauf in Flaschen ab. Stolz meldete die Offenbacher Zeitung am 8. September 1888: „So viel können wir schon jetzt sagen, dass die Entwicklung für Offenbach einen Wendepunkt bedeutet“.

Verblüfft sah die Stadt sich an der Schwelle zu einem Kurort. Im April 1891 berichtete das in Wien und Berlin erscheinende „Illustrierte Bade-Blatt“: „Im Frühjahr 1889 hat der Versand des Wassers der Kaiser-Friedrich-Quelle begonnen, die seither die höchste Auszeichnung von allen Mineralwässern, das Ehrendiplom und die goldene Medaille, erhalten. Dieser Versand nimmt hoch erfreuliche Dimensionen an, wie auch Offenbach bereits eine stattliche Anzahl von Kurgästen zu verzeichnen hat.“

Das Fachblatt berichtet von einer „reizenden Trinkhalle“, einem „prächtigen Kurpark“ und den Klängen einer Kurkapelle. Es erkennt einen „Weltruf“ des Offenbacher Wassers und malt die Vision einer „vielbesuchten Kurstadt Offenbach“ aus. Das blieb zwar nur ein kurzer Traum. Das Wasser jedoch behielt seinen Ruf. Bald konnte man es im Berliner Hotel „Adlon“ ebenso ordern wie in der Ersten Klasse von Übersee-Dampfern. 1936 erhielt es sogar die staatliche Anerkennung als Heilwasser. Kohlensäurefrei konnte man es in Apotheken kaufen.

Zu dieser Zeit hatten bereits die Eigentümer gewechselt. Die Kaiser-Friedrich-Quelle war Aktiengesellschaft geworden, und Neubeckers Maschinenfabrik war nur noch ein Nachbar. Mittlerweile gibt es auch sie nicht mehr. 1982 gingen die Rechte an der Marke Kaiser-Friedrich-Quelle an eine Gesellschaft über, die die Eignerfamilie Schumacher mit einem Rosbacher Mineralwasser-Unternehmen gebildet hatte. Inzwischen ist die Marke in Bad Vilbel gelandet.

Im Besitz der Familie Schumacher blieb das Grundstück mit den Brunnen, die dann 1996 geschlossen wurden. Am 31. Dezember 2003 erlosch auch die zeitlich befristete wasserrechtliche Genehmigung zum Fördern des Wassers. Und im April 2009 zeigte das Regierungspräsidium Darmstadt im Staatsanzeiger an: „Ein Antrag auf Bewilligung des Wasserrechts liegt nicht vor. Ein berechtigter Grund zur Erhaltung der staatlichen Anerkennung der Kaiser-Friedrich-Quelle als Heilquelle zum Wohle der Allgemeinheit ist nicht mehr gegeben“.

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