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Kinderärzte in Offenbach an Belastungsgrenze: Viele Patienten, wenig Personal

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Von: Veronika Schade

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Schöner Beruf voller Herausforderungen: Kinderärzte arbeiten am Limit. Corona verstärkt das Problem.
Kinderärzte arbeiten am Limit. Corona verstärkt das Problem. © dpa

Eine sehr hohe Patient:innenzahl, knappes Personal und zu wenige Praxen gibt es in Offenbach. Kinderärztinnen und -ärzte arbeiten am Limit. Das Problem spitzt sich seit Jahren zu.

Offenbach ist eine junge, geburtenreiche Stadt. Doch der steigenden Zahl der Kinder steht in acht Kinderarztpraxen eine überschaubare Zahl an Kinder- und Jugendmedizinern gegenüber. „Offenbach ist ganz klar unterversorgt“, sagt Dimitra Hamm Le Clément Kasfiki, die mit ihrem Mann John eine Praxis an der Berliner Straße betreibt. Zwar sind laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) 16 Pädiater mit 12,5 Versorgungsaufträgen in Offenbach tätig, es gibt keinen freien Kassensitz. „Das sieht auf dem Papier zwar gut aus“, so die Ärztin. Aber die Realität sei eine andere. „Nicht auf jeden Sitz kommt eine volle Arztstelle, im Medizinischen Versorgungszentrum ist es jeweils nur eine Viertelstelle.“ Man könne im fachlich gemischten MVZ nicht sichergehen, dass ein Kind auch tatsächlich immer von einem Kinderarzt gesehen werde, gibt Alexander Balzer zu bedenken, der an der Rathenaustraße eine Praxis leitet.

Die Lage wird sich in absehbarer Zeit verschärfen, denn vier der Offenbacher Kinderarztpraxen werden von Medizinern geführt, die bald das Rentenalter erreichen. „Nachfolger gibt es meines Wissens nach keine“, sagt Tim Gründler, der selbst die Nachfolge seines Vaters Matthias Gründler in dessen Rumpenheimer Praxis übernommen hat – ein glücklicher Ausnahmefall.

„Müssen leider sehr viele Absagen erteilen“

Pro Quartal versorgt er rund 1500 Kinder und Jugendliche aus Bürgel, Rumpenheim, Waldheim und An den Eichen. Anfragen aus anderen Stadtteilen werden aus Kapazitätsgründen abgelehnt. „Wir müssen leider sehr viele Absagen erteilen“, bedauert der junge Arzt. Ähnlich geht es seiner Kollegin in der Stadtmitte, in deren Gemeinschaftspraxis am Tag rund 180 Patienten versorgt werden. „Wir haben zirka zehn Neuanfragen pro Woche.“ Bevorzugt werden Geschwisterkinder und Neugeborene aufgenommen. Hinzugezogenen wird empfohlen, bei nicht allzu weiter Entfernung beim bisherigen Kinderarzt zu bleiben. Ansonsten kommen sie auf die Warteliste. „Das kann aber bis zu vier Quartale dauern“, bedauert Hamm Le Clément Kasfiki. Absagen zu erteilen fällt ihr schwer: „Wir Kinderärzte haben alle ein Gefühl der Verantwortung und irgendwie ein Helfersyndrom.“

Auch Balzer kennt diesen Gewissenskonflikt nur zu gut. Mittlerweile vergibt seine Praxis Termine bereits im letzten Drittel der Schwangerschaft, sodass man einer Familie, die sich erst nach der Geburt des Kindes meldet, keinen Platz mehr anbieten kann. „Das und der Corona-Babyboom haben dazu geführt, dass wir in diesem Quartal bereits jetzt unsere eigentliche Höchstzahl an Neu-Patienten überschritten haben“, berichtet er. Anfragen für Kinder, die nach Offenbach gezogen sind oder deren Eltern die Praxis wechseln möchten, müsse man ablehnen, etwa zehn pro Tag. „Eine Warteliste führen wir nicht mehr. Das hat vermehrt zu Konflikten geführt.“ Pro Quartal versorgt er gut 2600 Patienten.

Medizinische Fachangestellte sind ein rares Gut

Fehlendes Personal ist ein weiteres großes Problem. Die Medizinischen Fachangestellten sind unentbehrlich für einen reibungslosen Ablauf – ein rares Gut. „Der Beruf ist anspruchsvoll, mit viel Verantwortung verbunden und dafür verhältnismäßig schlecht entlohnt“, weiß Gründler. Das hohe Arbeitspensum mit den (zu) vielen Patienten lasse die Arbeitszufriedenheit des Personals nicht steigen – ein Teufelskreis. „Viele Praxen können dadurch ihre potenziell vorhandenen Kapazitäten also gar nicht erst ausschöpfen.“

Gerade in der Corona-Zeit sind viele MFAs in andere Berufe abgewandert. Auch darüber hinaus hat die Pandemie die ohnehin am Anschlag arbeitenden Praxen stark gefordert. Die Abläufe dauern durch den Infektionsschutz länger, sind komplizierter – zudem waren sämtliche Teams durch Quarantäne und Isolation sehr belastet. „Phasenweise war die Belegschaft von normalerweise fünf Angestellten auf eine anwesende Auszubildende reduziert“, berichtet Balzer.

Mehr Angst- und Essstörungen bei jungen Patienten

Auch bei den Patienten kamen Probleme hinzu, die viel Zeit fordern: „Neben Adipositas diagnostizieren wir viel mehr emotionale Störungen, Angststörungen, Essstörungen“, so Gründler. Das bestätigt seine Kollegin. Sechs junge Patienten musste sie in den vergangenen beiden Jahren wegen Selbstgefährdung in die Psychiatrie überweisen. „In den acht Jahren zuvor war es nur einer.“ Viele Kinder hätten sich sozial zurückgezogen. Balzer: „Sie stecken fest und finden nicht den Weg zurück zur Schule.“

Die kinderärztliche Versorgung in Offenbach steuert, warnt er, auf eine Katastrophe zu, wenn sich keine neuen, jungen Kollegen niederlassen. „Man ist in der eigenen Praxis Arzt, Personalchef, Hausmeister und Manager zugleich. Hinzu kommt die Verpflichtung zum Notdienst. Das schreckt viele ab.“ Gründler appelliert. „Hier ist auch die Politik gefragt. Anreize innerhalb einer Wirtschaftsförderung könnten ein Mittel sein.“

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