Offenbacher Kitas

Nach erschreckenden Zahlen: Umfassendes Programm zur Sprachförderung

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Erzähltheater nach japanischem Vorbild: Erzieherin Karima Bourahda übt mit den Kindern beim Kamishibai spielerisch Worte und Grammatik ein, Stadträtin Sabine Groß verfolgt die Lektion. 

Die Ergebnisse der jüngsten Schuleingangsuntersuchung in Bezug auf die Sprachkompetenz der Kinder waren erschreckend: Lediglich 32 Prozent der Erstklässler sprachen 2018 fehlerfrei Deutsch, 28 Prozent wurden „erhebliche Fehler“ attestiert.

Offenbach - Und das, obwohl die Stadt Offenbach bundesweit zu den Vorreitern in Sachen Sprachförderung in Kindergärten zählt.

„Die Zahlen haben uns aufgerüttelt“, sagt Claudia Kaufmann-Reis, Leiterin des Eigenbetriebs Kindertagesstätten Offenbach (EKO). Die Sprachförderung der Kinder habe in der Stadt schon eine lange Tradition, doch sei es nicht „nur eine reine Erfolgsgeschichte“, sagt Kaufmann-Reis. Mit Sozialdezernentin Sabine Groß (Grüne) ist sie sich einig, dass sprachliche Bildung eben nun noch stärker als bisher in den Kitas verfolgt werden müsse.

Dabei ist das von der Stadt entwickelte und in 20 der 29 städtischen Kitas verfolgte Konzept wissenschaftlich abgesichert und auf dem neuesten Stand, wie Karin Bahlo von der Fachberatung des EKO betont. „Seit 2004 werden von Universitäten begleitete Förderprogramme in unseren Einrichtungen umgesetzt“, sagt sie. Setzte man anfangs noch auf ein zeitlich begrenztes Zusatzangebot, wird in den Offenbacher Kitas seit 2016 ein anderer Ansatz verfolgt.

Offenbach: Erschreckende Zahlen zu Deutschkenntnissen rütteln auf 

„Eine halbe Stunde am Tag den Plural einzuüben, reicht nicht, wenn sie ihn den restlichen Tag über nicht hören“, sagt Bahlo. Auch Verkürzungen, um Kindern, die bisher über geringe Deutschkenntnisse verfügen, entgegenzukommen, seien kontraproduktiv. „Auf die Garderobe zu zeigen und ‘Anorak’ zu sagen, damit sie ihre Jacken aufhängen, mag gut gemeint sein, hilft den Kindern aber langfristig nicht“, sagt Bahlo.

Stattdessen müsse ganztägig im Umgang mit den Kindern auf korrekte Sprache geachtet werden, statt einzelner Lerneinheiten wird ein spielerischer Förderansatz in den Kitas verfolgt. Auch die Eltern werden stärker miteinbezogen, um die Kinder zuhause zu unterstützen.

Ein Blick in die Kita 4 im Mathildenviertel zeigt, wie der Ansatz der „alltagsintegrierten und reflexiven Kompetenzentwicklung“, so der Name des Konzepts, in der Praxis ausschaut: Erzieherin Karima Bourahda nutzt etwa das japanische Erzähltheater „Kamishibai“, um mit den Kindern bei einer Bildergeschichte nicht nur bestimmte Wörter, sondern auch die Grammatik einzuüben. So wird etwa ganz nebenbei und ohne jeden Druck die richtige Verwendung der Präposition „auf“ eingeübt – allein durch die Beschreibung der gezeigten Bildergeschichten. Gleichzeitig achtet Bourahda darauf, dass die in der Geschichte gezeigten Gegenstände nicht nur korrekt benannt, sondern im Zusammenhang mit Hauptsätzen verwendet werden. „So wird die richtige Nutzung gleich eingeübt“, sagt Fachberaterin Bahlo.

Erzieher Wendel Burkhardt übt die Wortzusammenhänge etwa mit einem Bewegungsspiel ein. Bei der „Löwenjagd“ wird getanzt, pantomimisch gespielt und gesungen – und geübt, dass „über“ die Straße gegangen, aber „am“ Straßenrand auf das Ampelsignal gewartet wird.

Der Ansatz ist natürlich sehr fordernd für die Erzieher, sie müssen sehr kreativ sein und sich selbst sehr genau kontrollieren, dass sie stets korrekt sprechen“, erzählt Bahlo. Die Stadt hat zudem in jeder Kita eine Stelle für eine Fachkraft geschaffen, die die Kita-Leitung bei der Umsetzung des Förderprogramms unterstützt.

„300 000 Euro stehen uns für Fortbildung im Jahr zur Verfügung, davon können andere Kommunen nur träumen“, sagt EKO-Leiterin Kaufmann-Reis, „aber es ist gut angelegtes Geld.“ Obwohl das Konzept von den Erziehern mehr Einsatz fordert, wirkt es sich nicht negativ auf die Stellenbesetzung aus.

„Ich bekomme immer wieder von Bewerbern und Erziehern gesagt, dass sie sich bewusst für Offenbach wegen dieses Konzeptes entschieden haben“, sagt Kaufmann-Reis. „Wir können hier mit Qualität punkten: Dass wir in Fortbildung investieren, ist ein großer Pluspunkt für uns“, sagt Sozialdezernentin Groß.  Von Frank Sommer

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