Wie Offenbach das Klinikum retten will

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Der Neubau hat den wirtschaftlichen Druck aufs Klinikum in Offenbach weiter erhöht. Als Rettungsanker gilt jetzt eine intensive Zusammenarbeit mit den städtischen Krankenhäusern von Hanau, Darmstadt und Wiesbaden.

Offenbach - Die Angst geht um bei den 2 600 Beschäftigten von Offenbachs größtem Arbeitgeber. Es gibt viele bange Fragen: Wie lange kann sich der Konzern Klinikum noch gegen einen Verkauf stemmen? Von Peter Schulte-Holtey

Gibt es vielleicht schon längst „Gespräche im Hintergrund“ mit privaten Klinikbetreibern? Sinken bei einer Privatisierung unsere Gehälter? Im Krankenhaus am Starkenburgring wird seit Monaten heftig über diese Fragen diskutiert. Denn fast jeden Tag wird es deutlicher: Die Sorgen sind nicht unberechtigt, überhaupt nicht. Die Kosten für den Neubau (852 Betten) schnellen in die Höhe, inzwischen gehen die Verantwortlichen von (mindestens) 150 Millionen Euro aus. Zudem wurde bekannt, dass das Klinikum noch mit einem Schuldenberg von 30 Millionen Euro bepackt ist; offenbar handelt es sich um Altlasten, unter anderem aus früheren Jahresverlusten. Spricht das nicht alles für die These „Abschuss frei! Das Klinikum wird privat“?

Noch winken Kommunalpolitiker ab. Sie setzen auf das Zauberwort „Verbundlösung“: Man will Krankenhäuser in Wiesbaden, Hanau und Darmstadt mit ins Boot holen, „Synergieeffekte“ eines Klinikverbunds zum Beispiel durch eine Zusammenführung von Verwaltung und Einkauf nutzen. Kräftige Unterstützung für diesen Rettungsweg kommt durch ein Gutachten, das die vier Kliniken bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO Deutsche Treuhand in Auftrag gegeben hatten. Von 35 Millionen Euro ist jetzt nach Fertigstellung der Untersuchung die Rede; so viel könnten die vier Kliniken bei einem Verbund und Zentralisierung von Aufgaben sparen, fanden die BDO-Experten heraus.

„Jetzt eine historische Chance“

Als einer der „Väter“ der Verbundlösung sieht sich auch Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Klinikums Offenbach. Vehement kämpft er für die Vierer-Gruppe. „Ich bin vor sechs Jahren für die Umsetzung von drei Ideen in die Klinik-Spitze gekommen: die GmbH, den Neubau und die Verbundlösung“, sagt er, und es klingt wie eine Mahnung an die Kommunalpolitiker in Offenbach. Dass er die Situation als sehr ernst einstuft, wird auch angesichts der Geschwindigkeit deutlich, die er bei der Umsetzung des Verbunds einfordert: „Wir haben jetzt eine historische Chance. Und wir haben nur eine einzige, so etwas hinzubekommen.“ Wenn die Gebietskörperschaften, sprich die Kommunalparlamente, den Vertrag nicht zeitnah zimmern würden, dann könne es durchaus sein, dass man den Offerten von privaten Klinikträgern nachkommen müsse, sagt er und schickt noch hinterher: Die Gebietskörperschaften müssten Macht abgeben.

Die finanzielle Lage der Kliniken im Gesundheitswesen werde sich ja bestimmt nicht verbessern, meint Schmidt. Ein weiteres BDO-Gutachten, Anfang des Monats veröffentlicht, stützt diese Besorgnis. Demnach steht jedes zweite Krankenhaus in Deutschland vor einem Haushaltsdefizit, das künftig sogar weiter wachsen wird. Dies gelte sowohl für Kliniken in privater als auch öffentlicher Trägerschaft. Die Ursachen liegen nach Angaben der Wirtschaftsprüfer vor allem in den steigenden Kosten für das Fachpersonal - doch genau dort sei der Investitionsbedarf besonders hoch. Die vom Staat zuletzt bereitgestellte 3,5-Milliarden-Euro-Extrazahlung sei angesichts des Personal- und Finanzierungsnotstands nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, so BDO-Experte Ralf Klassmann. Er verweist auch auf Einschätzungen von Klinikchefs, die nach Entwicklungschancen befragt wurden. Demnach sieht eine große Mehrheit von ihnen trotz leerer Kassen im Ausbau des qualifizierten Fachpersonals die größte Chance für eine positive Entwicklung ihres Hauses. Strategisch setzen die Kliniken zudem auf Spezialisierung ihrer Leistungen und raschen Ausbau von Marketingmaßnahmen für Patienten.

Zusammenarbeit mit anderen Kliniken soll gefördert werden

Wir müssen uns schneller weiterentwickeln“, sagt auch Schmidt. Alles sei drin - von der Kooperation bis zur Fusion. Dabei verweist er auf „Vorleistungen“ des Klinikums in Offenbach: „Wir sind ja das einzige kommunale Krankenhaus, das es bis jetzt geschafft hat, gesellschaftsrechtliche Verbindungen zu anderen, in einer anderen Gebietskörperschaft im Rhein-Main-Gebiet, hinzubekommen, zum Gesundheitszentrum Wetterau. Dieses Konzept wird in den Gesamtverbund mit eingebracht.“ An das Logistikzentrum, das in Offenbach geplant ist, und an die Gourmet-Werkstatt (Zentralküche) in Bad Nauheim könnten sich noch andere Kliniken „dranhängen“.

Schmidt erinnert auch an die Zusammenarbeit zwischen der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt und dem Klinikum am Starkenburgring. Der Offenbacher Ärztliche Direktor und Leiter der Radiologie, Professor Dr. Norbert Rilinger, fungiert in Frankfurt als Chefarzt der Abteilung Diagnostische und Interventionelle Radiologie. Professor Dr. Reinhard Hoffmann, Chefarzt der Offenbacher Chirurgischen Klinik II und stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums, hat in Frankfurt gleichzeitig die Aufgaben des Ärztlichen Direktors und des Chefarztes der Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie übernommen. Die Leitende Ärztin der Offenbacher Pathologie, Dr. Susanne Braun, erbringt für die BGU pathologische Leistungen und Dr. Rolf Teßmann, Chefarzt der Anästhesie in Offenbach, ist gleichzeitig BGU-Chefarzt.

„Bis Mitte 2010 müssen wir es hinbekommen“

Diese Aktivitäten seien nicht vom Verbund berührt, sagt Schmidt. Er will Gas geben und berichtet von „konstruktiven Gesprächen“ auf der Managementebene, er lobt die miteinander vernetzten Betriebsräte. „Wir arbeiten jetzt ganz konkret an operativen Kooperationsmodellen, die keine gesellschaftsrechtlichen Verbindungen brauchen.“ Auffallend oft spricht er von einer „historischen Chance“. Der Klinik-Geschäftsführer weiß, dass ihm die Kommunalwahlen 2011 und (unter Umständen verängstigte) wahlkämpfende Kommunalpolitiker einen Strich durch die Rechnung machen könnten. „Wenn man den Verbund will, hat man ein kleines Zeitfenster“, schätzt Schmidt die Situation in den betroffenen Kommunen sicherlich realistisch ein. Und er ist Optimist: „Wenn wir gut sind, bekommen wir noch in diesem Jahr eine grundsätzliche Entscheidung der Stadtparlamente. Bis Mitte 2010 müssen wir es hinbekommen.“

Unterstützung bekommt der Klinikchef vom einflussreichen Verbund-Befürworter Michael Beseler. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender, Kämmerer und Beteiligungsdezernent in Offenbach und fasst die wohl „herrschende Meinung“ im Kommunalparlament zusammen: „Wir legen ein klares Bekenntnis zur kommunalen Trägerschaft in schwerer Zeit ab. Das Klinikum ist doch auch Teil der Identität Offenbachs.“ Ein Klinikverbund hätte ganz andere Möglichkeiten der Spezialisierung und damit einer Verbesserung der Leistungsqualität; dies werde dann auch zur wirtschaftlichen Absicherung führen, so Beseler. Zugleich räumt er ein: „Eigentlich brauchen wir im Klinikverbund 5 000 bis 6 000 Betten. Aber wir finden derzeit keinen weiteren Partner. Wir setzen also zunächst auf den Viererbund.“ Nach seinen Angaben konzentriert sich Offenbachs Kommunalpolitik derzeit auf drei Hürden - sprich Fragen: Wie kann die Kooperation umgesetzt werden, muss der Sanierungstarifvertrag verlängert werden, und wie geht die Stadt mit ihren Altverbindlichkeiten beim Klinikum um?

„Funkstille“ in Hanau

Auch außerhalb von Offenbach gibt es noch einige Stolpersteine. „In Wiesbaden sind die Vorteile sicherlich schon lange erkannt worden, die beiden Standorte zusammenzuführen - als zwei Partner. Wir haben jetzt die Möglichkeit, es fair für beide Seiten hinzubekommen“, sagt der Klinikchef und spielt damit auf Erfahrungen aus dem 2002 zwischen den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) und dem Klinikum Offenbach abgeschlossenen Geschäftsbesorgungsvertrag an. Besonders prekär für die Vierer-Verbundlösung: In Darmstadt ist die Stadtspitze uneins über das weitere Vorgehen. Und in Hanau ist von „Funkstille“ die Rede; dabei ist der wachsende wirtschaftliche Druck auf Offenbachs Nachbarstadt nicht zu übersehen: Am Klinikum wird gerade für 50 Millionen Euro gebaut, zugleich macht das Haus derzeit jedes Jahr Verluste in Höhe von zwei bis drei Millionen Euro, ein Sanierungstarifvertrag (mit Lohneinbußen für die Beschäftigten) scheint unvermeidlich zu sein.

Gewerkschaftler haben die Dramatik der Situation schon seit langem erkannt. Mit großen Engagement unterstützen sie Bemühungen, kommunale Kliniken in Rhein-Main zu erhalten, statt sie an Firmen wie Rhön, Helios oder Asklepios zu veräußern. Schmidt: „Synergie heißt ja eindeutig Arbeitsplatzabbau, das ist ver.di durchaus klar. Die Gewerkschaft, die intensiv in die Verhandlungen einbezogen ist, will die Themen Tarifbindung und Sozialverträglichkeit sicherstellen, sie wollen ein Harakiri verhindern.“ ver.di-Vertreter sagen es deutlich: Der Lohnverzicht, den die Mitarbeiter etwa in den Kliniken von Offenbach und Wiesbaden seit mehreren Jahren leisten, soll nicht vergeblich gewesen sein. Die öffentlich-rechtliche Struktur müsse bleiben. Heißt das also: Der Tarif des öffentlichen Dienstes hat zu gelten, die Mitbestimmung in den Aufsichtsräten muss gesichert sein? Gewerkschafter Christian Rothländer ist kompromissbereit: „Wir prüfen auch eine Verlängerung des Offenbacher Sanierungstarifvertrags.“

Kommunen müssen überzeugt werden

Als „größtes Problem“ bezeichnen die Beteiligten, Politiker in den vier Kommunen zu überzeugen. Diese müssten Einfluss abgeben, wenn es zu einer Fusion der Kliniken kommen sollte. Schmidts „Schlachtplan“ läuft bereits auf vollen Touren: „Im Oktober oder November wollen wir alle Stadtverordneten der Standorte zu einer Podiumsdiskussion einladen, wir wollen zeigen, wie wir das gebietsübergreifend hinbekommen können. Das ist ja nichts Neues, nur in Rhein-Main bekommt man das bislang nicht hin.“

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