„Der kommt mit, egal wie“

+
Ein tolles Team: Ursula Lösch-Ehrenberg und ihr Pudelsenior Ivo.

Offenbach - Die Neugier hat er noch nicht verloren. Und den Appetit schon gar nicht. Jedesmal, wenn Ursula Lösch-Ehrenberg von der Couch oder vom Esstisch aufsteht, rührt sich etwas unter der Sitzbank im Wohnzimmer. Es könnte ja was zum Futtern dabei herausspringen. Von Dirk Beutel

Deshalb folgt Pudel Ivo seinem Frauchen auf Schritt und Tritt. Die beiden wirken so vertraut wie Weggefährten, die schon viele Jahre durch dick und dünn gegangen sind. In Wahrheit hat sie das Schicksal erst vor ein paar Monaten zusammengeführt.

Den Verlust ihrer Pudeldame Selli, die Ende Februar gestorben ist, hat die gebürtige Dresdenerin Lösch-Ehrenberg nur schwer verkraftet, zumal sie schon von Kindesbeinen an immer von Hunden umgeben war. „Ich konnte danach nicht zuhause bleiben, ich musste raus aus dem Haus“, erzählt die 82-Jährige, die 1951 nach Offenbach übersiedelte. Schließlich führte ihr Weg eines Tages zum Offenbacher Tierheim. Dort begegnete sie dem 17-jährigen Pudel Ivo. Weil sein Frauchen schlicht zu alt war, ins Pflegeheim musste und die Kinder sich nicht um ihn kümmern konnten, wurde er Anfang Februar ins Tierheim gebracht.

Kleiner Sonnenschein in der Nachbarschaft

Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Jeden Tag schnappte sich Ursula Lösch-Ehrenberg den zahnlosen Pudel zum Gassigehen. Schon nach vier Tagen rebellierte Ivo, wenn er wieder zurück in seine Tierheimbox musste. Schließlich holte die 82-Jährige, die bis vor sieben Jahren ein Schreibwarengeschäft in der Weikertsblochstraße geführt hat, Ivo am 11. März zu sich, obwohl ihr Umfeld dieser Zweisamkeit mit Skepsis gegenübertrat. „Warum holst du dir ausgerechnet einen so alten Hund ins Haus?“, fragten Nachbarn und Bekannte. Sogar die Tierärztin hatte Bedenken und gab dem Pudelsenior höchstens fünf oder sechs Wochen zu leben. „Ich habe mir gesagt, der kommt mit, egal wie“, sagt Lösch-Ehrenberg und lächelt zufrieden. Jetzt nachdem sie ihn ordentlich aufgepäppelt hat, lebt Ivo schon fast ein halbes Jahr bei ihr und ist der kleine Sonnenschein in der Nachbarschaft. Sogar mit Nymphensittich Paulinchen, der ab und zu aus ihrem Käfig darf, verträgt sich Ivo blendend. Nicht ein Wuff stößt er aus, wenn der gefiederte WG-Bewohner an seiner Nase vorbei hüpft.

Alte Hunde sind kaum gefragt

„Er hatte echtes Glück, dass er nur knapp einen Monat bei uns bleiben musste“, sagt Gudrun Lincke, die Leiterin des Offenbacher Tierheims. Denn alte Hunde sind leider nicht sehr gefragt. Etwa die Hälfte der derzeit 35 Hunde und etwa 40 Katzen im Tierheim sind deutlich über sechs Jahre alt. Meist teilen sie das Schicksal, dass Herrchen oder Frauchen sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kümmern können, so wie bei Ivo. Hinzu kommt ein neuer Trend, den Gudrun Lincke in den vergangenen fünf Jahren erkannt hat: „Es gibt immer mehr Menschen, die sich ihr Tier nicht mehr leisten können. Vor allem, wenn es unter einer chronischen Krankheit leidet oder sich altersbedingte Beschwerden einstellen“, sagt Lincke. Vielen wachsen dann die regelmäßigen Tierarztbesuche und die Kosten für Medikamente über den Kopf. Die Folge: Das Tier landet im Heim.

Mit dem Irrglauben, Tiere im Tierheim seien verzogen oder hätten irgendeine Macke, räumt Gudrun Lincke auf: „Wir kennen unsere Tier genau. Wir können genau sagen, um welchen Charakter es sich handelt, welches Krankheitsbild vorliegt, ebenso was Stubenreinheit und Kinderverträglichkeit angeht.“

Seit 1976 ist Lincke im Tierheim beschäftigt. Sie weiß, wovon sie spricht und freut sich dafür umso mehr für Pudel Ivo. „Wenn jemand gerade seinen Hund verloren hat, können Abschiedsschmerzen durchaus sehr lange andauern. Viele sind dann nicht mehr leidensfähig und verzichten ganz auf einen Hund“, sagt Linke. Umso mehr ist sie von Ivos neuem Frauchen so beeindruckt.

Tiere sind unglaublich dankbar

Obwohl Ursula Lösch-Ehrenberg schon viele Hunde hatte (darunter sieben Pudel), ist Ivo der erste aus dem Tierheim und noch dazu einer mit vielen Jahren auf dem Buckel. Mit ihrer guten Erfahrung möchte sie an andere Menschen appellieren, die sich einen Hund zulegen wollen, auch an die älteren Vierbeiner im Tierheim zu denken. „Diese Tiere sind so unglaublich dankbar“, sagt die 82-Jährige.

Und fit noch obendrein. Ivo leidet zwar an einem vergrößertem Herz und muss deswegen Medikamente nehmen, beim Gassi gehen kann er es aber locker mit seinen jüngeren Artgenossen aufnehmen. „Wenn ich schon groggy bin, läuft er noch weiter“, sagt Frauchen.

Gerade für Ältere eigenen sich ältere Hunde nun einmal am besten, sagt Gudrun Lincke. Allerdings bleibt die Vermittlung und dass bei bei Mensch und Tier gleich die Chemie stimmt, reiner Zufall und ein seltenes Glück für die Mitarbeiter im Tierheim. Vor allem aber für die, die sich gesucht und gefunden haben. So wie Ursula Lösch-Ehrenberg und Ivo.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare