Die Last des ewigen Aufstiegs

Berliner Künstler Jim Avignon vertont den Filmklassiker „Safety Last!“

Ich war omnipräsent und schwamm im Geld. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Kunst verraten hatte.“Jim Avignon über seine Karriere in den 1990ern
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Ich war omnipräsent und schwamm im Geld. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Kunst verraten hatte.“Jim Avignon über seine Karriere in den 1990ern

Vor einigen Jahren machte Jim Avignon Schlagzeilen, als er ohne Genehmigung in Berlin sein eigenes, denkmalgeschütztes Bild an der East Side Gallery übermalte. Jetzt ist der 51-jährige Künstler, Musiker und bekannte Kunstmarkt-Rebell gerade mit einer anderen künstlerischen Arbeit beschäftigt.

Offenbach – Mit dem Vertonen eines Stummfilms. „Safety Last!“ („Ausgerechnet Wolkenkratzer!“) aus dem Jahr 1923 soll ein neues akustisches Gewand bekommen. Es ist ein relativ aufwendiges Projekt, wie Avignon erzählt. Am 14. Februar wird er das Resultat live in den Offenbacher Parkside-Studios vorführen.

In seinem Berliner Wohnzimmer, das gleichzeitig sein Atelier ist, hat Jim Avignon eine regelrechte Forschungsarbeit zu dem Filmklassiker von Regisseur Hal Roach betrieben. Dessen Schlüsselszene ist eine der bekanntesten der Filmgeschichte: Schauspieler Harold Lloyd, der an der Fassade eines Hochhauses hinaufgeklettert ist, baumelt darin an einem Zeiger einer riesigen Uhr über dem Abgrund.

Unzählige Male habe er den Film angeschaut, erzählt Avignon, sich „tiefer und tiefer“ hineingedacht, die Musik analysiert, zerpflückt, Mini-Passagen herausgenommen und neu gesampelt. Entstehen soll ein neuer Soundtrack, ein Arrangement mit Nostalgie-Charme, Vintage-Orgeln und Charleston-Klängen, das über die sprunghaften Wechsel auf der Leinwand hinaus den Film kommentiert. „Es ist ein moderner Ansatz“, findet der Künstler.

Eine solch langwierige Arbeit ist nicht unbedingt typisch für Avignon, der eigentlich für sein hohes Arbeitstempo bekannt ist. Etwa vier Werke soll er pro Tag in seiner Hochphase produziert haben. „Naja, es kommt darauf an, wie groß die Arbeit ist“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Mittlerweile, schätzt der Künstler, habe er etwa 5 000 bis 10 000 Werke in der Welt verteilt – sie hingen in allen möglichen Settings: von der Studentenbude bis zum „Palast“. Die Preise für seine Arbeiten hätten sich in 20 Jahren praktisch nicht verändert – das sei Teil seiner „Niedrigpreis-Strategie“. „Es lohnt sich gar nicht, meine Kunst zu sammeln“, sagt der Wahl-Berliner. Damit will er auch ein Statement gegen die Mechanismen des Kunstmarkts setzen. „Das ist für mich Genugtuung.“ Wer von ihm ein Bild kaufe, der sehe das nicht als Investment.

Auch sein neues Projekt ist für den Markt nicht fassbar: Der Soundtrack für den Stummfilm wird nicht aufgezeichnet, es ist ein einmaliges Erlebnis, das später nur als Erinnerung existiert.

Mit mehreren Keyboards, einem Sampler und einem Laptop wird er in den Parkside-Studios Musik und Klänge erzeugen, die im Idealfall punktgenau zum Film passen. Einiges sei schon vorproduziert, viele Melodiebögen spiele er aber live, auch Geräusche, wenn zum Beispiel jemand fällt oder eine Ohrfeige schallt. Es ist eine sekundengenaue Arbeit. „Aber ich werde da schon nicht mit hochrotem Kopf stehen und gestresst sein. Immerhin habe ich solche Vertonungen schon vier Mal gemacht“, sagt Avignon.

Die Geschichte, die in „Safety Last!“ erzählt wird, handelt vom kleinen Mann, der sein Glück in der großen Stadt sucht und dort mit der Geschäftswelt zurechtkommen muss. Avignon liest die Komödie auch als eine Kritik am unbedingten Aufstiegswillen und Streben nach Erfolg. Irgendwie ist dieses „immer weiter, immer höher“ aber auch eine Geschichte über ihn selbst.

Um in den von Harold Lloyd gespielten Protagonisten einzutauchen, malte Jim Avignon ein Porträt des Schauspielers. Fotos:

„Es gab eine Zeit, da hatte ich immensen Erfolg“, erinnert sich der Künstler. Anfang der 1990er kam der gebürtige Münchner nach Frankfurt, nistete sich im Keller der Szenekneipe Café Eckstein an der Konstablerwache ein und wurde mit seinen Ausstellungen dort schnell bekannt. Der Electro--Club XS stellte ihn daraufhin an: Er sollte als Künstler den Look des Clubs ständig verändern, erinnert sich Avignon. Während der Partys malte er Wände an, baute Verkleidungen in den Raum. Im Auftrag von Frankfurter Clubs gestaltete er auch ihre Wagen für die Berliner Loveparade.

„Weil ich mit meiner Kunst aber nicht viel einnahm, hatte ich die Vorstellung, dass ich meine Motive an die Wirtschaft verkaufen und da viel verdienen könnte“, erzählt Avignon. Er arbeitete in Werbeagenturen, designte für den Uhrenhersteller Swatch, für Flugzeughersteller und Zigarettenfirmen. „Ich war omnipräsent und schwamm im Geld. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Kunst verraten hatte“, sagt er.

1997/98 machte er einen Cut, warf die Jobs hin und beschloss, 100 000 D-Mark aus dem Fenster zu werfen. Er mietete auf einer „Tour“ durch Europa ganze Hotels, in denen er Kunst ausstellte, in die er Freunde einlud und Partys feierte. „Das war mein Versuch, meine Freunde zurückzugewinnen, die ich schon verloren glaubte und letztendlich, das Geld wieder loszuwerden. Und dann war ich’s auch wieder los.“

Darüber ärgert er sich heute ein wenig. „Ab und zu hätte ich es später doch gut gebrauchen können“, gibt er zu. Mittlerweile habe er einen Weg gefunden, wie er genug, aber nicht zu viel Geld verdiene. Avignon arbeitet derzeit an Ausstellungen in einer Amsterdamer und einer Schweizer Galerie, außerdem sei ein neues Buchprojekt im Verbrecher-Verlag in der Planung. Und natürlich feilt er an seinem Auftritt in Offenbach. „Ich glaube nicht an den Traum des ewigen Aufstiegs und daran, immer noch erfolgreicher zu sein. Für mich ist Integrität viel wichtiger“, betont der Künstler.

Vorführung

Stummfilm & Ton mit „Safety Last!“ live vertont von Jim Avignon am 14. Februar, 20 Uhr, Parkside-Studios. Karten unter Tel.: 069/ 840004170

VON LISA BERINS

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