Ein Leben für die Kunst

Plakatkünstler Günther Kieser wird 90 Jahre alt

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Günther Kieser vor einem berühmten Jazzfest-Plakat, für das Instrumentenbauer Erwin Klier ein eigenes Modell mit vielen Lötstellen fertigte.

Plakatkünstler Günther Kieser aus Offenbach hat das grafische Gesicht unserer Region geprägt.

Offenbach – Herzlichen Glückwunsch! Der Offenbacher Grafikdesigner und Bildhauer Günther Kieser wird heute 90 Jahre alt. „Ich möchte, dass um meine Person nicht viel Aufhebens gemacht wird, auch nicht zu meinem Geburtstag, ich begehe ihn in der Stille und schaue in mich hinein“, sagt der bescheidene, sensible Künstler, der gut hört und sieht, in ordentlicher Verfassung ist und ein großartiges Gedächtnis besitzt. Seit dem Tod seiner Ehefrau Helly (geb. Appel) 2016 ist es noch ruhiger um ihn geworden.

Immer noch pflegt der Vater zweier Töchter aber Kontakte zur Kunstszene, auch zum Offenbacher Klingspormuseum, das viele Plakate Kiesers besitzt und ihm in diesem Jahr eine eigene Hommage widmen will. Bibliothekarin Martina Weiß bringt die Bedeutung des Gestalters auf den Punkt: „Kiesers Plakate prägten in meiner Kindheit und Jugend das Straßenbild oder das der U-Bahn-Stationen. Sie waren das grafische Gesicht des Rhein-Main-Gebietes. In der Plakatkunst gehört Kieser zu den ganz Großen des 20. Jahrhunderts“.

Da winkt der Künstler aber erst einmal ab, bevor er einen Rundgang durch sein Leben und seine künstlerische Laufbahn macht. Er erinnert sich an schwere Zeiten im Zweiten Weltkrieg, den er bei Angriffen auf die Kunstgewerbeschule im Isenburger Schloss oder unter einem Zug im Frankfurter Hauptbahnhof überlebte. 1944 begann der künstlerisch hochbegabte Volksschüler eine Ausbildung in der Offenbacher Meisterschule des deutschen Handwerks, dem Vorläufer der Werkkunstschule.

Weltberühmt: Günther Kieser machte Werbung für Jimi Hendrix.

Von 1946 bis 1949 studierte er an der Werkkunstschule, damals geleitet von Henry Gowa. Kieser: „Wir wussten damals nichts über moderne Kunst oder Bauhaus, wir waren alle ahnungslos.“ Er lernte vor allem Lithographie und Stahlstich kennen, machte gerne Holzschnitte.

Konzertveranstalter Horst Lippmann wurde auf den Nachwuchskünstler aufmerksam und verpflichtete ihn noch in der Hochschule als Designer seiner Plakate. Mit Plakatkampagnen zu Dizzy Gillespie, Count Basie und den aus Paris nach Frankfurt vordringenden Hot-Club- und Big-Band-Jazz machte Kieser aufmerksam. Auch seine Plattencover waren gefragt.

„Von 1953 an arbeitete ich gemeinsam mit Hans Michel für zehn Jahre in einer Ateliergemeinschaft in Bürgel“, erinnert sich der Künstler, „in einer ehemals jüdischen Setzerei“. Auch in Plakaten für die noch bestehende Barrelhouse Jazzband fand Kieser zu eigener Bildsprache. Seine oft per Großbildkamera erfassten Motive verbanden plakative Entwürfe mit objekthaften Arrangements und dreidimensionalen Fantasieobjekten, die er für seine Plakate herstellen ließ. „Für ein Plakat zum Deutschen Jazzfest in Frankfurt fertigte mir Instrumentenbauer Erwin Klier in Bergen-Enkheim ein eigenes Modell mit vielen Lötstellen. Mit der Kamera modellierte ich das wie ein Gemälde“, erinnert sich Kieser ans Jahr 1999.

Als Hans Michel nach Hamburg zog, betrieb Kieser zunächst ein Atelier im Frankfurter Lokalbahnhof, dann eines in seiner gut 250 Quadratmeter großen Altbauwohnung. Als Beraterin stand ihm seine Ehefrau zur Verfügung, die er an der Werkkunstschule kennen und lieben gelernt hatte. „Ohne meine Frau wäre ich all das nicht geworden“, sagt er, „wir kannten uns 68 Jahre und waren 62 Jahre verheiratet.“

Auch an das einschneidende Jahr 1989 erinnerte G

Inspirationen bezog Kieser auch vom barocken Objektmaler Guiseppe Arcimboldo oder dem Surrealisten René Magritte. Daneben malte er Bilder, schnitt mit farbigem Papier, baute Objekte und Skulpturen. Da gab es vom Hessischen Rundfunk oder der Agentur Lippmann & Rau über Jahrzehnte kaum ein Jazzfest, Rock- oder Popkonzert, dessen Plakat nicht von Kieser stammte. Auch fürs American Folk and Blues-Festival bestellten Horst Lippmann und Fritz Rau regelmäßig bei ihm, wie die Frankfurter Oper. Nebenbei gestaltete der Designer Briefmarkenreihen der Post.

1981 ließ sich Kieser überreden, eine Professur für Visuelle Kommunikation an der Bergischen Universität in Wuppertal zu übernehmen. Doch seine Hauptaufgabe blieb, „dafür zu sorgen, dass die Konzertsäle nicht leer blieben.“ Dazu bezog der Jazzfan auch anderweitig plakativ Stellung: für den Frieden, die Bewusstmachung historischer Ereignisse oder die Erhaltung von Natur und Umwelt. „Mein Ziel war es immer, neugierig zu machen und meine Bildformeln im öffentlichen Raum zu behaupten“, resümiert Kieser. Wie die von ihm verehrten Jazz-Musiker lebte er von Einfällen und Variationen, die bis heute unvergesslich sind.

VON REINHOLD GRIES

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