Fremde und eigene Kultur

Ledermuseum blickt voraus auf 100-jähriges Bestehen

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Zu den erfolgreichsten Sonderausstellungen im Ledermuseum stellten die „Schuh-Werke“ im vergangenen Jahr.

Offenbach - Mit einigen Sonderausstellungen und öffentlichen Veranstaltungen feiert das Ledermuseum in zwei Jahren 100-jähriges Bestehen. Das kündigte Leiterin Dr. Inez Florschütz beim Erzählcafé der Arbeiterwohlfahrt im Else-Herrmann-Haus an. Von Lothar R. Braun

Sie begegnet Gründer Hugo Eberhardt jeden Tag: Die Urne mit seiner Asche ist im Eingang eingemauert. Die Anfänge seiner Sammlung zeigte der Gründer zunächst in den von ihm geleiteten Technischen Lehranstalten, aus denen die heutige Hochschule für Gestaltung (HfG) entstand. 1922 konnte er größere Räume in der Fabrikantenvilla Pfaltz nutzen. Sie stand dort, wo heute die Hallen der Internationalen Lederwarenmesse das Bild der Kaiserstraße beherrschen. 1938 wurde dem Museum das städtische Lagerhaus an der Frankfurter Straße überlassen, ein Bau aus dem Jahr 1828.

„Als ganz Offenbach nach Leder roch“ – so lautete der Titel einer Nachmittagsveranstaltung im Else-Herrmann-Haus. In der Tat fanden sich unter den Gästen einige Zeitzeugen mit sehr persönlichen Erinnerungen an diese Zeit. Zum Beispiel die Feintäschnerin Ute Kriegsmann und die Stepperin Hannelore Beilstein. Sie gehörten zu der Mehrheit der Gäste, die nach eigenem Bekenntnis das Ledermuseum mindestens schon einmal besucht hat. Andere hatten an diesem Nachmittag wohl ihre erste Begegnung mit Exponaten aus allen Zonen der Erde und Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte.

Mit Bildern führte Dr. Florschütz sie zu Höhepunkten in der 30 000 Exponate umfassenden Sammlung. Das öffnete Fenster zur Kunst und zu fremdem Alltag, zur Völkerkunde und der eigenen Kultur. Goethes Hutkoffer und die Kleidung der Eskimos, Napoleons Aktentasche und die Welt der Indianer, das Portemonnaie Kaiser Wilhelms II. und asiatische Schattenspiele, die Schuhe der Kaiserin Sissi und die Boxhandschuhe des deutschen Weltmeisters Max Schmeling: Es gibt keinen Bereich des Lebens, aus dem sich im Ledermuseum nicht die Anfänge vieler Geschichten fänden.

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Zur Sprache kam indes auch der Schwund der Branche, die Offenbach einst berühmt machte. Noch in den 1950er Jahren fanden sich in Stadt und Kreis Offenbach um die 400 Lederwarenhersteller mit zusammen etwa 10.000 Beschäftigten. Schon für die 70er Jahre konnte Dr. Florschütz nur noch etwa 3000 Beschäftigte nennen. 2003 waren es zirka 100. Doch die Branche lebt nicht nur weiter in Resten und in der Internationalen Lederwarenmesse. Dr. Florschütz weiß von jungen Startups aus dem Umfeld der Hochschule für Gestaltung zu berichten, die sich als Designer auch von Lederwaren angezogen fühlen. Der seit Jahrtausenden genutzte Werkstoff Leder hat nichts von seiner Faszination verloren, und das reizt offenbar auch die Kreativen mit dem Gestaltungsdrang.

Es wäre seltsam, wenn dieser Nachmittag im Else-Herrmann-Haus nicht etliche Teilnehmer zu einem abermaligen oder auch zu ihrem ersten Besuch im Ledermuseum ermuntert hätte...

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