Maler und Grafiker Hans Ticha

Offenbach: In der DDR unerwünschte Pop-Art

„Hätte ich die öffentlich gezeigt, wäre ich mit meinen Staatssatiren und meinem Malstil im Knast gelandet.“
+
„Hätte ich die öffentlich gezeigt, wäre ich mit meinen Staatssatiren und meinem Malstil im Knast gelandet.“

Der Tag des Malers und Grafikers Hans Ticha beginnt mit der Lektüre der lokalen Zeitung aus dem Verlagshaus der Offenbach-Post.

Offenbach – Doch das ist nicht seine einzige Verbindung zur anderen Mainseite: Der Mühlheimer Galerist Friedrich Witzel bietet seine Siebdrucke und Zeichnungen übers Internet an; regelmäßig druckte er seine Grafiken in Klaus Kroners Offenbacher „Druckerwerkstatt für Technik und Kunst“ in der Geleitstraße; im Klingspormuseum stellte er erstmals 1982 aus.

1980 ist Hans Ticha von Ost-Berlin in das Rhein-Main-Gebiet übergesiedelt und seit 1983 in Hochstadt ansässig. Seit seiner ersten Ausstellung mit Buchgrafik im Klingspormuseum (zu der er aus der DDR nicht anreisen durfte) hatte er Kontakt zu Museumsleiter Christian Scheffler. Von nun an wurden in der Herrnstraße Buchillustrationen und Originalgrafiken Tichas gesammelt, die bei den großen Beständen aber bisher kaum gezeigt wurden.

Zu normalen Öffnungszeiten des Museums kann man sich aber die in der DDR oftmals mit dem Preis „Schönstes Buch des Jahres“ ausgezeichneten Kunstwerke aus der Bibliothek vorlegen lassen, ebenso originale Kalendergrafik der Druckerwerkstatt. Ansprechpartnerin ist dabei die Bibliothekarin Martina Weiß. Auch Museumsleiter Stefan Soltek weist darauf hin und sagt: „Tichas Buchgrafik ist im Wechselverhältnis von Text und Bild, in der Ausgewogenheit und Konzentration der grafischen Sprache von großer formaler Meisterschaft. In seiner Vielfalt an Anknüpfungspunkten sind Tichas konstruierende, oft surrealistisch verfremdete kubische Figuren ein wichtiger Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts.“ Man muss ergänzen: auch im 21. Jahrhundert. Denn der 79-Jährige ist weiterhin produktiv in seiner Malerei und Grafik.

1940 im böhmischen Tetschen-Bodenbach geboren und in Schkeuditz bei Leipzig aufgewachsen, musste sich Ticha seinen künstleerischen Weg oft hart erkämpfen. Nach Lehrerausbildung und Tätigkeit als Kunstlehrer studierte er an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, an der westliche Moderne weitgehend ausgespart wurde und der Zugang zu Kunstbänden aus der BRD versperrt blieb. Ohne größere Kenntnis der in der DDR verpönten Pop-Art aus England und den USA näherte sich Ticha dieser Kunstrichtung.

Eine Busfahrt zu einer wichtigen Legér-Ausstellung in Posen wurde ihm noch Mitte der 70er Jahre verwehrt. Auch westliche Texte wurden aus Paketen entfernt. Mit der Staatsdoktrin, der „Sauce des Naturalismus“, konnte Ticha wenig anfangen. Schritt für Schritt „erfand“ er als Einzelgänger die Pop-Art für die DDR-Kunst neu, versteckte seine Malerei als freischaffender Künstler aber mit dem Gesicht zur Wand in seinem verwinkelten Atelier am Prenzlauer Berg. „Hätte ich die öffentlich gezeigt, wäre ich mit meinen Staatssatiren und meinem Malstil im Knast gelandet“, ist sich Ticha sicher.

Denn er hielt wie kein anderer DDR-Künstler die Absurdität politischer Inszenierung in Bildern fest wie „Der Klatscher“, „Hoch, hoch!“, „Jubel!“ und „Parteikader“. Daneben wirken Tichas Gemälde zu Sport- und Alltagsszenen unverfänglicher, aber auch sie waren den Formalisten nicht genehm. Tichas heitere Ikonografie eines sich selbst applaudierenden Staats geriet ins Stasi-Visier.

Aber er lebte nicht von seiner freien Malerei, sondern arbeitete fleißig an der Illustration von Büchern. Er durfte sogar Illustrationen für die Büchergilde in Westdeutschland machen, die ihn dort bekannt machten.

Der Mühlheimer Illustrator Klaus Puth sagt: „Während meines Studiums an der Offenbacher HfG kannten wir Ticha“. Das lag auch an Klassikern wie E.T.A. Hofmanns von Ticha zauberhaft illustriertem Märchen „Klein Zaches“ oder Carel Capeks wundervoll bebildertem Buch „Der Krieg mit den Molchen“.

Wie viel Durchblick der eher leise Künstler hat, merkt man auch im Klingspormuseum bei der Lektüre der „Ostberliner Treppengespräche“ von Jan Silberschuh, von Ticha als „letztes Buch der DDR“ illustriert und mit dem Nachsatz versehen „Wundes und Unumwundenes aus der Wendezeit“.

VON REINHOLD GRIES

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare