Arbeitsmarkt ist leergefegt

Offenbach - Die Räume strahlen in frischen Farben, die Dachterrasse lädt zum Toben ein, in der Küche brutzelt frisches Essen auf dem Herd. Die Krabbelstube „Zwergenstübchen“ an der Bieberer Straße 95-97 ist ein Ort, an dem sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen. Von Veronika Schade 

Dennoch ist die im September 2014 eröffnete Einrichtung nur zu zwei Dritteln belegt. Und das trotz Wartelisten. Ein Widerspruch, der einfach zu erklären, aber schwer zu lösen ist: Es fehlt an Erziehern. „Es ist ein echter Horror“, sagt Melanie Haferberg, die mit ihrem Mann Sven Pfaff das „Zwergenstübchen“ in Trägerschaft des gleichnamigen Vereins leitet. 30 von 48 Plätzen sind belegt, mehr Gruppen kann die Betreuungsstätte ohne entsprechendes Personal nicht einrichten. „Dabei sitzen viele Eltern in den Startlöchern, fragen nach, wann wir ihr Kind endlich aufnehmen“, so Haferberg. „Es ist schmerzhaft, sie ständig vertrösten zu müssen.“

Mit dem seit August 2013 gültigen Rechtsanspruch auf Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren ging der Ausbau von Betreuungsangeboten einher. Allein in Offenbach sind in den vergangenen sechs Monaten vier neue Einrichtungen entstanden. Gleichzeitig stellt das neue Kinderförderungsgesetz (KiföG) höhere Anforderungen an den Personalschlüssel. „Die Regelung ist gut für das Kindeswohl. Aber wir stehen mittlerweile mit dem Rücken zur Wand“, sagt Pfaff. Derzeit beschäftigt seine Krabbelstube sechs feste Erzieher, eine Praktikantin und die beiden Leiter, wobei Melanie Haferberg sich derzeit auf die Arbeit in den Kindergruppen konzentrieren muss. „Wir bräuchten noch fünf qualifizierte Vollzeitkräfte“, sagt sie. Kämen derzeit Bewerber, handele es sich meist um Umschüler, die noch nicht als vollwertige Kräfte anerkannt seien.

Mit solchen Erfahrungen steht das „Zwergenstübchen“ nicht allein da. Auch städtische Einrichtungen haben seit der Gesetzesänderung Probleme, genügend pädagogische Fachkräfte zu finden. Auf Stellenausschreibungen würden sich deutlich weniger Fachkräfte bewerben als vor dem Ausbau an Krippenplätzen. „Der Zunahme an vorhandenen Plätzen steht kein Äquivalent an ausgebildeten Erziehern gegenüber“, sagt Claudia Kaufmann-Reis, stellvertretende Leiterin des Eigenbetriebs Kindertagesstätten Offenbach (EKO). Spätestens mit dem Beschluss zur Einführung des Rechtsanspruchs hätte von Seiten des Landes die Anzahl der Ausbildungsplätze in den Fachschulen erheblich erweitert werden müssen, findet sie. „Das erfolgt leider erst seit kurzer Zeit.“ Mittlerweile habe sich die Situation etwas entspannt, die Kitas des EKO seien ausgeglichen besetzt. „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist jedoch so fragil, dass sich die jetzige Besetzung bei der hohen Fluktuation, die ein solcher Mangel unweigerlich nach sich zieht, ganz schnell wieder ins Gegenteil verkehren kann“, weiß Kaufmann-Reis.

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

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Auch kirchliche Einrichtungen sind davor nicht gefeit. Das Evangelische Dekanat sucht dringend Erzieher, viele katholische Kitas sind unterbesetzt, beispielsweise St. Nikolaus in Bieber. Die im Januar eröffnete Kita der AWO auf dem Gelände der Werkstätten Hainbachtal indessen freut sich über eine komplette Belegschaft. „Bis Jahresende haben wir alle fünf Gruppen offen. Es war kein Problem, Erzieher zu finden“, sagt Sprecherin Jasmin Rack. Dass die Einrichtung neu ist und im Wald liegt, habe sie wohl besonders attraktiv gemacht: „Uns ist aber bewusst, dass der Arbeitsmarkt leergefegt ist.“ Auch in der Bieberer Krabbelstube „Tagträume“, die im September eine Zweigstelle in Waldhof eröffnet hat, sind alle Stellen besetzt. „Wir haben 18 Erzieher eingestellt, ohne eine Stellenausschreibung“, sagt Leiterin Anja Limberger. Sie weiß um die Probleme in anderen Einrichtungen, lege daher Wert auf gute Arbeitsbedingungen sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das „Zwergenstübchen“ wirbt mit Zusatzleistungen und einem neuen Team. Pfaff hängt seit Monaten Stellenausschreibungen an relevanten Orten aus, inseriert in Zeitungen. Er weiß, dass ein wichtiger Faktor die niedrigen Tarife im Beruf sind. „Da muss der Staat umdenken.“ Das sehen die Gewerkschaften genauso: Am Donnerstag waren in Offenbach zwölf Kitas wegen Streik geschlossen.

Rubriklistenbild: © dpa

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