Am ersten Wochenende 800 DDR-Gäste

Begrüßungsgeld von Karstadt

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Unser damaliger Fotograf Lukas Lowack dokumentierte die Szenen, die sich in Offenbach nach der Öffnung der Schlagbäume abspielten.

Offenbach - Claudia Dölker denkt zurück an „ein Riesenereignis, der Kontakt mit den Menschen war ein absolutes Super-Erlebnis“.

Im denkwürdigen November 1989 war die heutige Mitarbeiterin des Eigenbetriebs Kindertagesstätten die städtische Frau fürs Bare: Sie verantwortete die Übergabe des Begrüßungsgelds an DDR-Bürger.

Aber nicht erst in den Tagen des Ansturms nach dem 9. November. Schon vorher war die Sozialamtsmitarbeiterin zur Stadtinformation abgeordnet worden. Im Pavillon, wo heute die Polizei berät, war sie dafür zuständig, Offenbach-Besucher von jenseits des Eisernen Vorhangs mit je 100 Mark zu beglücken und mit Ärzten abzurechnen, die zur Behandlung aufgesucht worden waren. „Das ist schon ein paar Jahre vorher immer mehr geworden, als nicht nur die Rentner mal ausreisen durften“, erinnert sich Dölker.

Claudia Dölker (rechtes Foto sitzend) war schon vorher mit der Auszahlung der 100-Mark-Gabe an DDR-Bürger betraut.

Nachdem die Schlagbäume an der innerdeutschen Grenze hochgingen, musste auch die Offenbacher Verwaltung auf eine Gästeflut reagieren. Am Morgen des 11. November, einem Samstag, alarmierte Bürgermeister Heinz Nickel den Presseamtsleiter Matthias Müller: „Wir müssen Begrüßungsgeld auszahlen.“ Müller aktivierte umgehend seine Leute. „Die haben mich am Samstag praktisch vom Pferd wieder in den Dienst geholt.“ Claudia Dölker lacht, als sie an eine unterbrochene Reitstunde zurückdenkt. Sie ist in diesen historischen Tagen gern außer der Reihe an ihren Schreibtisch gekommen. Die Emotionalität, die sie erleben durfte, war hinreichender Ausgleich.

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Die Auszahlung freilich lief nicht ganz so glatt. 800 DDR-Bürger kamen, doch hatte die Stadt keine 80.000 Euro in der Schublade liegen. Die Städtische Sparkasse sollte helfen, aber es dauerte, bis am freien Samstag zwei zum Öffnen des Tresors berechtigte Mitarbeiter des Instituts gefunden waren.

Gut, dass damals noch Karstadt um die Ecke an der Frankfurter Straße lag. Die Geschäftsleitung half ganz unbürokratisch und griff leihweise in die eigenen Kasse. Das Kaufhaus-Geld überbrückte, bis die Sparkasse liefern konnte. Die Hausbank musste am Wochenende dreimal nachliefern. 

tk

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