Visitenkarten der Branche

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Für ihre Doppelkanne für Essig und Öl und eine Antipasti-Schale wurde Silberschmiedin Sabine Heyne ausgezeichnet.

Offenbach - Ob maßgeschneiderter Anzug, Autoreparatur oder neuer Haarschnitt: Kompetente Handwerker sind immer gefragt. Die besten Nachwuchskräfte Hessens wurden jetzt im Capitol geehrt. Von Jenny Bieniek

Ohne Abitur und Studium kommt man heute nicht mehr weit. Mit diesem Vorurteil hat das Handwerk seit langem zu kämpfen. Noch immer geraten Eltern in Panik, wenn der Nachwuchs nach der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung erhält.

Dabei bietet das Handwerk ebenso gute Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft. Bestes Beispiel dafür sind die 55 hessischen Handwerksgesellen, die am Donnerstag im Capitol zu den besten ihres Fachs gekürt wurden. Darunter waren Uhrmacher, Parkettleger, Kürschner, Schornsteinfeger, Kosmetiker und Konditoren.

„Es kommt auf den Einzelnen an“

Bernd Ehinger, Präsident des Hessischen Handwerkstags, betonte in seiner Grußrede die Bedeutung guter Gesellen für die Branche: „Trotz der großen Zahl an Betrieben gehen unsere Lehrlinge in der Masse nicht unter. Denn das Handwerk ist eher klein strukturiert, da kommt es auf jeden Einzelnen an.“

Die ausgezeichneten Nachwuchshandwerker waren während ihrer Lehre durch besonders gute Leistungen aufgefallen. Kein Wunder also, dass sie auch beim Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks auf Landesebene überzeugten. „Eine Leistung, auf die wir alle stolz sind“, so Ehinger.

Stolz waren auch die Landessieger selbst, die sich unter knapp 9.000 Teilnehmern durchsetzen konnten. In einer kleinen Ausstellung präsentierten einige von ihnen ihre Wettbewerbsarbeiten. Silberschmiedin Sabine Heyne punktete mit einer Doppelkanne für Essig und Öl. „Ich mag die italienische Küche und fand die Idee ungemein praktisch“, verrät sie die Intension für ihr Designer-Prüfungsstück.

Ausgezeichnet in ihrem Fach: Graveurin Susanne Schmidt und der Offenbacher Informationselektroniker Claus Michael Heße.

Als beste Graveurin schnitt die Offenbacherin Susanne Schmidt ab, die im Capitol von Schwester Sabine vertreten wurde. Schmidt überzeugte die Jury mit einem künstlerischen Kupferstich. „Theorie ist gut, aber Praxis ist besser. Das liegt uns eher“, erzählt Sabine Schmidt, die wie ihre Schwester im Handwerk tätig ist. Von der Auszeichnung erhofft sich Susanne Vorteile bei der weiteren Bewerbung. Glaubt man Michael Boddenberg, dem hessischen Minister für Bundesangelegenheiten, sieht die Zukunft für die anwesenden Gesellen rosig aus: „Wir müssen wegkommen von der Hysterie, dass man es im Handwerk nicht weit bringen könne“, betonte Boddenberg, der beruflich einst im Fleischerhandwerk Fuß fasste und seinen Meister machte. Denn anders als in vielen anderen Branchen sei Arbeitslosigkeit im für Krisen weniger anfälligen Handwerk selten. „Die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften wird in den nächsten Jahren weiter steigen.“

Nicht alle Handwerker teilen Optimismus

Ganz so optimistisch sehen es jedoch nicht alle Nachwuchskräfte. Der Offenbacher Claus Michael Heße ist gelernter Informationselektriker für Geräte- und Systemtechnik. Im Außendienst repariert er Computer, Fernseher und Telefone, installiert Sat-Anlagen auf Dächern oder hantiert mit Starkstrom.

Sein Prüfungsstück war ein Messgerät für Kondensatoren, mit dem er die Funktion eingebauter Teile in Großgeräten prüfen kann. „Neben der Funktion war das Design und die ordentliche Verarbeitung entscheidend“, erzählt der 23-Jährige.

Seine Zukunft sieht Heße jedoch eher nicht in Deutschland. Er plane, noch zwei Jahre in seinem jetzigen Betrieb zu bleiben und dann vielleicht in die USA zu gehen. Dort erhofft er sich größere Karrierechancen, „weil dort viel Technik der Zukunft produziert wird“. In der Industrie verdiene man zwar besser, aber sein Beruf sei vielseitig und mache Spaß. „Dafür gibt man sich auch mit weniger Gehalt zufrieden.“

Susanne Schmidt sieht es ähnlich: „Als Graveurin hat man es heutzutage schwer, sich durchzusetzen, weil der Bedarf nicht so groß ist.“ Ihre Tätigkeit verliere an Ansehen, der Anspruch an Qualität sinke, wenn’s dafür billiger sei. Das Interesse an verzierten Klingelschildern, Waffen und Münzen lasse nach. „Auf künstlerischen Gebiet ist es eben immer schwerer.“ Deshalb hat Schmidt vorsichtshalber kürzlich eine Zweitausbildung zur Buchbinderin begonnen. Sicher ist sicher.

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