Neubau an der Berliner Straße 

Befürworter in Unterzahl

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Die Perspektive aus dem Sockelgeschoss des östlichsten Blocks. Die verantwortlichen Architekten zeichnen auch für den neuen Penny-Markt an der Arthur-Zitscher-Straße verantwortlich.

Offenbach - Fehlende Bürgerbeteiligung, Versäumnisse der Stadtplanung, mangelnder Sinn für Ästhetik: Bei einer Bürgerversammlung brachten Anwohner ihre Bedenken zum geplanten Neubau an der Berliner vor. Von Jenny Bieniek 

„Streichholzschachteln“, „potthässliche 70er-Planung“ „Knastmauer“, „Plattenbau 2. 0“, „ein No-Go im Zentrum Offenbachs und ein Affront gegen die Bewohner der Bahnhofstraße“. Solche oder ähnliche Bezeichnungen für den geplanten Neubau an der Berliner Straße fielen bei der Bürgerversammlung zur Bebauung des Parkdecks zuhauf. 35 Interessierte waren am Donnerstag zum Goetheplatz gekommen, um, moderiert von Matthias Kittmann, mit Künstler Johannes Kriesche, Denkmalschützer Gerhard Plath und Stadtplanungsamtsleiter Markus Eichberger über den Entwurf zu diskutieren.

Allein: Die Stadt hat das Grundstück bereits verkauft, den Entwurf bewilligt. Voraussichtlich im Sommer 2015 weicht das Parkdeck damit vier Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 72 Wohneinheiten à zwei bis fünf Zimmern. Darunter sollen ebenerdig 70 öffentliche Stellplätze sowie 72 private in einer Tiefgarage entstehen.

Laut Magistratsvorlage betrug der Kaufpreis für die zu bebauende Fläche 2.278.800 Euro. Macht einen Quadratmeterpreis von 675 Euro. Investor und Bauträger ist das Frankfurter Unternehmen Elischer, das sich das Projekt 18 Millionen kosten lässt.

„Aber bitte nicht so“

Zwar befürwortet das Gros der Anwesenden die Bebauung des Areals prinzipiell. „Aber bitte nicht so“, lautet der Tenor. Die Vorwürfe: Fehlende Einbeziehung der Bürger, das voreilige Verscherbeln eines städtebaulichen Filetstücks, die Notwendigkeit eines Stadtleitbilds und damit mehr städtische Gestaltungsvorgaben für Investoren. „Sonst machen die doch, was sie wollen.“

Das sehen auch Kriesche und Plath so. Ersterer erntet für seine Feststellung, dass die Stadt hier Brachialität statt der für diesen zentralen Punkt angebrachten Sensibilität habe walten lassen, zustimmendes Nicken.

Durch die angedachten 25 Meter Bauhöhe sieht Johannes Kriesche den Blick auf die Gründerfassade in der Bahnhofstraße versperrt und befürchtet einen zweiten Mainpark. „Wer will so eng wohnen? Und wer will auf diese Kisten gucken?“ Er fordert eine „gewisse Genialität“ der Architekten, um hier für Abhilfe zu sorgen. Denkmalschützer Gerhard Plath betont die zentrale Bedeutung des Grundstücks. „Der Platz war früher mal die Visitenkarte der Stadt.“ Und auch, wenn seine Funktion als Lokalbahnhof inzwischen verloren sei, dürfe der Platz nicht derart zerstümmelt werden. „Hier wird ohne Nachzudenken mit Klapperarchitektur modernisiert!“

Die Perspektive aus dem Sockelgeschoss des östlichsten Blocks. Die verantwortlichen Architekten zeichnen auch für den neuen Penny-Markt an der Arthur-Zitscher-Straße verantwortlich.

Bauamtsleiter Markus Eichberger hält dagegen: „Moderne Architektur muss nicht immer schlechter sein als historische. Und der Bahnhof ist lange verschwunden, neue Wohnbebauung deshalb legitim.“ Anders als andere Städte habe Offenbach keine einheitliche Architektur, sondern viele Brüche. Eine Gestaltungsvorgabe sei deshalb wenig sinnvoll. Zuvor seien Alternativen von reinen Parkplätzen über einen Lebensmittelmarkt bis zu Ein-Zimmer-Appartements diskutiert worden. „Wir glauben aber, dass nur dauerhaftes Wohnen zu einer Belebung des Quartiers führt.“ Wohnungsgrößen und Lage seien hierfür optimal - alles sei fußläufig erreichbar. Ziel sei das Zurückkommen der Menschen in die Innenstadt.

Nächtliche Probleme

Breite Zustimmung erhält Plath für den Hinweis, dass die Ecke aufgrund der benachbarten Diskothek und einer Shisha-Bar mit nächtlichen Probleme zu kämpfen habe, die sich durch den geplanten Neubau noch verschlimmern könnten.

Und die Sorgen der Bürger? „Für Normalbürger nicht bezahlbar“ sagen die einen, „Wegfall von Parkplätzen“ monieren die anderen. Schon jetzt sei es tagsüber schwierig, einen Parkplatz zu finden, vom Wochenende ganz zu schweigen. Dieses Argument will Grünen-Stadtverordneter Jürgen Schmittel jedoch nicht gelten lassen. Er weist auf leer stehende Parkhäuser hin, etwa jenes am Toys’R’us, und moniert, dass es im Vorfeld eine nur unzureichende Informationspolitik gegeben habe. Für diesen Einwand muss Schmittel jedoch Kritik einstecken, waren die Grünen doch beteiligt am Entscheidungsprozess.

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„Der geplante Bau nimmt der Bahnhofstraße Licht, Licht und Leben. Mal sehen, welches Klientel dort nach Fertigstellung noch wohnen möchte“, heißt es aus Publikumsreihen. Auch die geschlossene Fassade des Neubaus im Erdgeschoss stößt auf breiten Widerstand.

Bauamtsleiter Markus Eichberger versucht zu beruhigen: Die Bebauung orientiere sich an Vorhandenem in der Umgebung, in puncto Fluchtlinie und Höhe vor allem in Richtung Kaiserlei. „Die bisherigen Pläne sind nur grobe Entwürfe für einen ersten Eindruck.“ Zwar sei der bewilligte Baukörper mit seinen Höhen bindend, über Einzelheiten wie Fassadendetails oder Balkone müsse sich der Bauträger aber eng mit der Stadt abstimmen. Er rechnet bis Ende des Jahres mit der Vorlage eines Bauantrags.

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