„Natürlich Bieber-Waldhof“

Neue Wohngebiete in Offenbach: Bau-Gegner kapern Grünen-Veranstaltung

Grünen-Fraktionschefin Ursula Richter (links) sah ihren Rundgang von organisiertem Protest gegen die Waldhof-Bebauung vereinnahmt.
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Grünen-Fraktionschefin Ursula Richter (links) sah ihren Rundgang von organisiertem Protest gegen die Waldhof-Bebauung vereinnahmt.

Die in der Offenbacher Tansania-Koalition mitregierende Grünen-Fraktion hatte zum Rundgang durch die neu entstehenden Wohngebiete Bieber-Nord und Waldhof-West geladen, um „Ideen und Konzepte für die Stadt von morgen“ vorzustellen und zu diskutieren.

Offenbach – Coronabedingt war eine vorherige Anmeldung erforderlich: Das nutzten die Mitglieder der Bürgerinitiative „Natürlich Bieber-Waldhof“, die die Bebauung von Waldhof-West konsequent ablehnt – sie meldeten sich reihenweise an, um die Infoveranstaltung zur Protestaktion umzufunktionieren. Jedoch ließen sich die Grünen nicht ohne Weiteres das Heft aus der Hand nehmen.

Vorteil der grünen Veranstalter eines Rundgangs durch künftige Wohngebiete war die Technik, für die sie sich coronabedingt entschieden hatten: Gesprochen wurde über Mikrofon, der Ton kam über zuvor verteilte Ohrhörer. So gelang es der Bürgerinitiative gegen die Waldhof-Erweiterung erst nach zwei Stunden, mit einem sehr lauten Gegenvortrag die Veranstaltung mehr oder minder an sich zu reißen. Der vorgesehene Austausch über neue Wohnkonzepte und Wohnbedürfnisse kam aber nicht mehr zustande.

Zu Beginn hatte, nach einleitenden Worten am Treffpunkt vor dem Bieberer Friedhof in der Dietesheimer Straße, Fraktionsvorsitzende Ursula Richter das Wort an die Stadtverordnete Sabine Leithäuser übergeben. Die ist selbst Stadtplanerin und hatte den 2019 ausgeschriebenen Ideenwettbewerb zu einer nachhaltigen Bebauung von Waldhof-West als Jurymitglied begleitet.

Der erste Teil des Spaziergangs führte nach Bieber-Nord, wo bereits die ersten Häuser stehen und überall rege Bautätigkeit herrscht. Hier wurde die klassische Bauplanung aus den neunziger Jahren vorgestellt, die jetzt unter heutigen Aspekten umgesetzt wird.

Im Anschluss zog die Gruppe weiter nach Waldhof-West: Dort steht man noch ganz am Beginn der Entwicklung. Im Unterschied zu Bieber-Nord, wo erst geplant und dann der Eingriff in Natur und Landschaft ausgeglichen wurde, wurde in Waldhof-West zuerst geschaut, wo möglichst wenig in die Natur eingegriffen wird. Während in Bieber-Nord jedes Grundstück mit dem Auto anfahrbar ist, liegt der Fokus in Waldhof-West mit einer Hauptstraße und einer großen Quartiersgarage auf Wegverbindungen für Fußgänger und Radfahrer. Dadurch erhoffte man sich eine „andere Geschwindigkeit und Entschleunigung“, erwartet „eine Nachbarschaft“.

Etliche Interessenten konnten nicht am Rundgang teilnehmen: Bei 25 Teilnehmern war Schluss, um sämtliche Abstands- und Hygienemaßnahmen beherzigen zu können. Die Mitglieder der Bürgerinitiative waren bei der Voranmeldung so schnell, dass mehr als die Hälfte aus Protestierenden der BI bestand.

Der Protest der Bürgerinitiative richte sich gegen den Grundsatzbeschluss zu der etwaigen Bebauung von Bieber-Waldhof-West, der im September von der Stadtverordnetenversammlung gefasst wurde, erklärte Daniel Wiljotti aus dem Vorstand der BI. Er mahnte an, dass durch die Erschließung des Gebiets „der letzte wertvolle zusammenhängende Biotopverband zwischen den Ortsteilen unwiederbringlich zerstört“ werde, das Kaltluftentstehungsgebiet für beide und auch die umliegenden Ortsteile würden zerstört.

Vorstandssprecher Peter Janat pflichtete ihm bei: „Die Biodiversität spielt bei den Grünen keine Rolle mehr und reduziert sich auf sogenannte Ausgleichspunkte.“ Dabei ließ er außer acht, dass die Fraktion ursprünglich selbst gegen die Weiterbau des Wohngebiets in Waldhof-West als Baugebiet gekämpft hatte und der Devise „Erst die Natur, auf der Restfläche die Bebauung“ zustimmt: Für die Erschließung entschlossen sich die Grünen erst durch die Ergebnisse des Ideenwettbewerb, die gezeigt hätten, dass die Stadt ökologische Belange sehr wohl an erste Stelle setze und die Vereinbarkeit von Ökologie und Stadtbau gewährleiste. Die angesprochenen Kaltluftschneisen etwa seien durch die Anordnung der Gebäude gegeben „Natürlich schauen wir da auch in der Umsetzung weiter hin“, erklärte Sabine Leithäuser, „ob das auch wirklich alles naturräumlich verträglich ist.“ (Jan Schuba)

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