Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg

Noch 120 Blindgänger in der Erde?

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Aus der Bildersammlung von Eugen Lux, dem Mann, der das Bombenkataster erstellt hat, stammt dieses Foto: Es zeigt die Goethestraße nach Angriffen im März 1944.

Offenbach - Vor dem Bau der S-Bahn hat die Stadt von Eugen Lux ein Bombenkataster erstellen lassen. Heute zeigt es Gebiete, wo besondere Sorgfalt angeraten ist. Von Thomas Kirstein 

Wäre die Bombe, die an der A3 mit gewaltiger Wirkung gesprengt wurde, schon bei ihrem Abwurf gegen Ende des Zweiten Weltkriegs explodiert, hätte sie womöglich keinen großen Schaden angerichtet: Befand sich dort am Hainbach doch eine der Scheinanlagen, die amerikanische, englische und französische Piloten in die Irre führen sollten. Experten bezweifeln freilich eine große Wirksamkeit solcher Ablenkungsmanöver. Nur zu schätzen ist die Zahl der Bomben, die zwischen 1939 und 1945 auf Offenbach niedergingen, wobei es auch die Lokalhistoriker-Meinung gibt, dass die Stadt nicht direktes Ziel war, sondern nur im Einzugsgebiet von Frankfurt in den Bombenhagel geriet. Entsprechend der Zahl der in die alliierten Flugzeuge verladenen Sprengkörper könnten bis zu 2600 schwere Bomben auf die Offenbacher Gemarkung geworfen worden sein.

So zeigt das Bombenkataster des Vermessungsamts die Einschläge in der Innenstadt. Rot markiert sind spätere Blindgänger-Funde. (Bild vergrößern)

„Etwa 30 Prozent davon lassen sich weder durch schriftliche Aufzeichnungen dokumentieren, noch sind sie auf Luftaufnahmen zu erkennen“, bemerkte Ende der 80er Jahre der Offenbacher Verwaltungsmann Eugen Lux, der aufgrund seiner Kenntnisse mit der Erstellung eines Katasters beauftragt wurde. 1800 Einschläge hat er aufgrund alliierter Aufzeichnungen und Luftaufnahmen dokumentieren können. Darunter sind auch die 90 nicht explodierten Bomben, die bereits zu Kriegszeiten entschärft wurden. Lux’ Erkenntnisse erlauben heute ein annähernde Antwort auf eine wegen des aktuellen Funds nahe liegende Frage: Mit wie vielen Blindgängern hat Offenbach noch zu rechnen? Nach dem Krieg wurden bis 1968 laut Polizeiauskunft 75 entschärft, danach bis heute gab es 20 weitere Funde. „110 bis 120 unentdeckte Bomben können noch irgendwo zwischen Main und A3 liegen“, sagt Detlef Ellger, im Vermessungsamt Sachgebietsleiter für geografische Informationssysteme.

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Er spricht dabei von den 25 bis 500 Kilogramm schweren Sprengbomben, die Häuser zerstören und Dächer abdecken sollten. Über die Zahl der anschließend abgeworfenen, etwa 40 Zentimeter langen und mit Phosphor gefüllten Stabbrandbomben, die nicht zündeten, gibt es keine Schätzungen. Offenbach ist nach Ellgers Einschätzung bislang insofern glimpflich davongekommen, als noch keine Sprengbombe mit Säurezünder gefunden wurde, wie sie vorgestern rund um die A3 ein Verkehrschaos auslöste. Zünder, die eine Detonation beim Aufschlag auslösen, lassen sich abschrauben; chemische können allein durch eine Verlagerung losgehen. „Ein Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist – die Bombe hat Jahre unter der Fahrbahn gelegen und Stöße abbekommen“, schaudert’s Ellger.

Krater auf der A3, Stau in der Region

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Anlass für Offenbach, ein Bombenkataster zu erstellen, war der Bau der S-Bahn, für den ab 1990 die gesamte Berliner Straße aufgegraben wurde. Die ausführende Deutsche Bahn hat es damals aber wenig interessiert, erinnert man sich im Rathaus: Vermutlich wären ihr Ausschreibungen mit Hinweis auf Gefahren im Untergrund zu teuer gekommen. Seit den frühen 80er Jahren könne kein privater Bauherr mehr gezwungen werden, vorsorgliche Leistungen des Kampfmittelräumdienstes in Anspruch zu nehmen, wenn eine Fläche laut Kataster als gefährdet gelte, bedauert Ellger. Die Stadt darf bei ihren Vorhaben kein Risiko eingehen. Jüngst hat sie sich die baumschonende Kampfmittelsondierung auf dem umzubauenden Hof der Beethovenschule mehr als 160.000 Euro kosten lassen. Gefunden wurden verrostete Reste von Stabbrandbomben.

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