Öffentliche Toiletten geschlossen

Kein Platz für private Bedürfnisse

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Ein Bild längst vergangener Tage: Unterirdische Toilettenanlage an der Ecke Kaiser-/Frankfurter Straße.

Offenbach - Wenn unterwegs die Blase drückt, sind die Möglichkeiten zur schnellen Abhilfe in der Stadt begrenzt. Dass seit Kurzem auch die letzte innerstädtische Anlaufstelle am Marktplatz geschlossen ist, sorgt für Unmut. Von Jenny Bieniek 

Wer beim Stadtbummel ein allzu menschliches Bedürfnis verspürt, muss sich in Offenbach auf lange Wege gefasst machen. Öffentliche Toiletten sind in der Stadt Mangelware. Wer Kaufhaustoiletten scheut und nicht auf das Verständnis von Wirten angewiesen sein will, muss Durchhaltevermögen beweisen. Leserin Renate K. hält mit ihrer Wut auf die Stadt nicht hinterm Berg – und spricht damit vielen Offenbachern aus der Seele. „Schlimm genug, dass es in der Innenstadt so gut wie keine öffentlichen Toiletten gibt“, macht sie ihrem Ärger Luft. Schließlich seien die Anlagen am Wilhelmsplatz nur an Markttagen geöffnet. „Doch jetzt ist auch die kostenpflichtige WC-Kabine am Marktplatz verschlossen. Und sowas nennt sich dann Großstadt!“ Tatsächlich verhindert ein großes Vorhängeschloss seit knapp drei Wochen den Zutritt zu der sich selbstreinigenden City-Toilette, deren Benutzung 50 Cent kostet. Matthias Müller vom städtischen Presseamt begründet dies mit anhaltendem Vandalismus. Während sich die Reparaturarbeiten früher „im Toleranzbereich“ bewegten, sei die Kabine in jüngster Zeit immer wieder aufgebrochen worden.

Derzeit ist die sich selbstreinigende City-Toilette am Marktplatz geschlossen. Noch steht nicht fest, wie es mit der Kabine weitergeht.

Ein Katz-und-Maus-Spiel: „Nach jeder Reparatur waren die Türen am nächsten Tag wieder beschädigt und standen offen.“ Weil auch der Vertragsservice der verantwortlichen Deutsche Städte-Medien GmbH (DSM) Grenzen hat und ein offenes Klohäuschen auf Pendler keinen guten Eindruck macht, hat die Stadt inzwischen reagiert. Aktuell laufen Neuverhandlungen mit der DSM, die die Kabine 1999 – damals am Standort Kaiserstraße – als Gegenleistung für innerstädtische Werbeflächen kostenlos errichtet hatte. Denkbar wäre ein resistenteres und formschöneres Modell, „aber so eine neue Anlage kostet 20.000 Euro“, erinnert Müller mit Blick auf die klamme Stadtkasse. Er verweist auf Kaufhäuser und die Toiletten im Rathaus. Mit Ersteren hat Leser Dietrich B. so seine Erfahrung gemacht. Auch er ist enttäuscht von seiner Heimatstadt, ärgert sich vor allem über mangelnden Kundenservice. Denn während KOMM, Galeria Kaufhof, C&A und M. Schneider Kundentoiletten anbieten, stand er beim Technik-Riesen Saturn kürzlich vor verschlossenen WC-Türen. „Ein Unding für ein Geschäft dieser Größe“, findet B. Auf Nachfrage erhielt er vom Personal den Hinweis, dass es dort keine Kunden-Toiletten mehr gebe. Er solle doch rüber zu Kaufhof zu gehen. „Die werden sich bedanken“, schimpft B. und ergänzt: „Wenn’s wirklich drückt, kann ich nicht erst aus dem dritten Stock runterfahren, rüberlaufen und dort wieder hoch fahren.“

Vandalismus auf Kundentoiletten

Auf Nachfrage bestätigt Saturn-Geschäftsführer Eray Yildirim, dass die Kundentoiletten wegen überhandnehmendem Vandalismus schon seit einigen Monaten geschlossen sind. Zu oft seien sie als Diebstahlecke missbraucht, leere Verpackungen in den Spülkasten oder ins Klo geworfen und runtergespült worden. Regelmäßig standen Kabinen unter Wasser. Auch von kaputtgeschlagener Einrichtung und mit Fäkalien beschmierten Wänden weiß Yildirim zu berichten. Um andere Kunden nicht zu verschrecken, habe man deshalb schließlich die Notbremse gezogen. Denn eine rechtliche Verpflichtung zur öffentlichen Befriedigung persönlicher Bedürfnisse gibt es für Warenhäuser nicht. Wer Kundentoiletten anbietet, macht dies aus reinem Servicegedanken. „Aber natürlich lassen wir unsere Kunden trotzdem nicht im Stich“, betont er. Wenn’s dringend sei oder Kleinkinder dabei sind, zeige man gern den Weg zur Personaltoilette. Leser Dietrich B. blieb dies verwehrt.

Hessens größtes Graffito

Hessens größtes Graffito

Nebenan bei M. Schneider vertritt man in Sachen Toilettenpolitik eine andere Haltung. „Natürlich haben wir Kundentoiletten, die sollte es doch in jedem Kaufhaus geben“, heißt es auf Nachfrage. Doch auch dort weiß man um das Problem der stets gut besuchten stillen Örtchen – auch durch Nicht-Kunden. „Manchmal sehen die Toiletten schon morgens schlimm aus. Deshalb haben wir eigens eine Reinigungskraft engagiert.“

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