Wie gut kennen künftige Taxifahrer Offenbach?

Ortskenntnis-Prüfung im Selbsttest

Offenbach - „Im Blindflug durch die Stadt.“ So titelte die Redaktion im Oktober. Von Martin Kuhn 

Grund für die wenig schmeichelhafte Überschrift: Durchschnittlich fallen 42 Prozent bei der Ortskenntnis-Prüfung durch, die jeder bestehen muss, der in Offenbach Fahrgäste in einem Taxi, einem Mietwagen oder einem Krankenkraftwagen befördern möchte. Das kann doch nicht so schwer sein! Also startet der Autor den Versuch. Montag, 13.50 Uhr. Die Tür zum Bürgerbüro ist zu. Klar, die offizielle Sprechzeit endet um 13 Uhr. Ein weiterer Mann, Ranji (nicht sein richtiger Name), wartet ebenfalls. Man beäugt sich. Er stellt schließlich die Frage, als sich hinter und an der Tür nichts rührt: „Auch Orts-Prüfung?“

Jetzt bloß keine Vorurteile wegen des unvollständigen Fragesatzes. Er hat schließlich ausländische Wurzeln. „Ja. Wir müssen wohl noch ein wenig warten...“, sage ich. Das Eis ist gebrochen. „Ist es schwer?“ Na, keine Ahnung. Die Antwort ist ein Schulterzucken. Ich bin ja nur gekommen, weil ich in der Redaktion den Mund zu voll genommen habe. Aber das kann ich ja hier im Bürgerbüro nicht laut sagen. Das Ganze fußt auf einer gehörigen Portion Heimatstolz. Getreu dem Motto: Wer mit Mainwasser getauft ist, kennt sich in seiner Heimatstadt aus – und das mit dem flockigen Zusatz garniert: „Das schaffe ich locker.“ Oder auch nicht. Ein Blick in die Bürgerbüro-Statistik zeigt jedenfalls: Im vergangenen Jahr wurden 50 Ortskenntnis-Prüfungen abgenommen. Durchgefallen ist beinahe jeder Zweite, genauer: 42 Prozent der Teilnehmer. Ein Unding...

Kurz vor 14 Uhr bin ich nicht mehr ganz so zuversichtlich. Das liegt an demjenigen, der uns zum Prüfungs-Trio hat anwachsen lassen und die beinahe geflüsterte Frage nach dem Schwierigkeitsgrad noch vernommen hat: „Ich bin das letzte Mal durchgefallen.“ Na sauber! Das hätte er lieber für sich behalten. Ranji ist jetzt geradezu verschreckt und tief beeindruckt. „So schwer? Was wollen die wissen?“ Jetzt plaudert der dritte Mann, der nach eigenem Bekunden in Osteuropa geboren ist und seit nahezu 15 Jahren in Offenbach lebt, ein wenig. „Na ja, zum Beispiel: In welcher Straße ist das Amtsgericht? Oder das Krankenhaus. So was eben...“ Ranji erkennt eine Minimalchance, die Antwort auf etwaige Prüfungsfragen in letzter Sekunde zu erfahren. „Und, wo ist Gericht?“ Vielleicht ist’s ja bald ein Kollege. Daher flunkert der Neuankömmling nicht: „An der Kaiserstraße; Nähe Hauptbahnhof.“

Just in diesem Moment schwingt die Tür auf. „Sie wollen alle zur Ortskenntnis-Prüfung“, begrüßt Annette Wallisch die kleine Gruppe. Die Leiterin der Fahrerlaubnisbehörde bittet die Gruppe zunächst an den Tresen. Formular ausfüllen. Und wichtig: 50 Euro in bar. Der nicht ganz so vorlaute Prüfling lässt sich etwas zurückfallen, spricht leise mit der Leiterin. „Sie müssen sich gut überlegen, ob Sie teilnehmen. Die Gebühr wird auf jeden Fall erhoben. Auch wenn Sie es nicht schaffen sollten.“ Die Prüfung kann nach Belieben wiederholt werden. „Es gibt keine Begrenzung, allerdings auch keinen Rabatt“, erklärt Wallisch später. Nicht außergewöhnlich ist die reine Männerrunde: Lediglich zwei Frauen haben in diesem Jahr die Prüfung absolviert.

Während wir es uns mit dem Klemmbrett, Stift und Prüfungsbogen auf den üblichen Besucherstühlen bequem machen, schließt sich hinter Ranji wieder leise die Tür. Er ist nicht so selbstsicher wie der Autor dieser Zeilen. „Sie haben eine Stunde dafür“, erinnert Annette Wallisch. Na dann los. Natürlich dürfen an dieser Stelle nicht alle Aufgaben aufgeführt werden, eine an die Originalfragen angelehnte Auswahl jedoch schon. Fest steht: Am Ende muss der Probant 40 Punkte erreichen – von 50 möglichen.

Fallstricke gibt es einige. Und verflixt noch mal: Mir fällt partout nicht die Adresse der weiterführenden Schule ein. Dafür dessen Leiter und die letzte, nicht unerhebliche Investition, die die Stadt ins Gebäude gesteckt hat. Zählt aber alles nichts. Haken dran... Aber ich meistere den etwas kniffligen Teil: Mit Abstand scheitern die meisten Teilnehmer an der Wegbeschreibung: Wie komme ich von A nach B? Oft wählen die Teilnehmer Umwege, oder ihnen sind einzelne Straßen nicht bekannt. Um es an dieser Stelle zu verkürzen. Nach 23 Minuten gebe ich meine Antworten zur Ortskenntnisprüfung ab. „Schon fertig?“, fragen die Damen hinter dem Kunden-Tresen etwas erstaunt. „Nein. Aber besser wird’s auch nicht mehr.“ In der Redaktion wollen’s die Kollegen auch wissen; offenbar bin ich während meiner Abwesenheit zum Repräsentanten der Zeitungsgruppe geworden.

Um 16.46 Uhr blinkt mein elektronisches Postfach auf. Eine Mitteilung aus dem Bürgerbüro: „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben die Ortskenntnis-Prüfung mit 46,5 Punkten bestanden.“ Sag ich doch: „Kann doch nicht so schwer sein!“ Apropos: „Übungsbögen“, wie man es von der allgemeinen Fahrerlaubnisprüfung her kennt, gibt es nicht und sind nicht geplant. Vorgesehen ist vielmehr eine Stoffliste mit Fallbeispielen sowie eine Auflistung sämtlicher Straßen und der meisten Einrichtungen in der Stadt. „Allerdings bieten Taxi-Funk und Taxi-Ruf Offenbach Übungsmaterial beziehungsweise Kurse an. Unabhängig davon kann sich jeder selbst mit einem Stadtplan und Internetzugang vorbereiten“, sagt Annette Wallisch.

Aber mal im Ernst: Später nutzen viele Taxifahrer ohnehin Smartphone oder Navigationsgerät. Ist die Prüfung denn überhaupt noch zeitgemäß? Ja. Denn der erforderliche Nachweis über die jeweilige Ortskenntnis ist gesetzlich genau geregelt – nach Paragraf 48 Fahrerlaubnisverordnung.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare