Osterfest in orthodoxer Gemeinde in Tempelsee

Der Metropolit ist Ehrengast

+
Heute ist es wieder soweit: Fast 3 000 orthodoxe Christen pilgern wie letztes Jahr an Karfreitag durch die Straßen rund um ihre Gemeinde in Tempelsee.

Offenbach - Aus Offenbach und Umgebung strömen Griechen zum Osterfest in die orthodoxe Gemeinde in Tempelsee. Von Sarah Neder

Mehr Griechen auf je 10. 000 Einwohner als Offenbach hat keine andere deutsche Stadt. An die 4 000 Menschen mit hellenischen Pässen leben hier, von den Wurzeln her dürften es noch weitaus mehr sein.In diesem Jahr feiern sie als orthodoxe Christen am selben Tag Ostern, an dem die anderen Konfessionen der Auferstehung Jesu gedenken. Dass Orthodoxe, Protestanten und Katholiken am selben Datum das höchste christliche Fest begehen, kommt nur alle paar Jahre in unregelmäßigen Abständen vor. Stefanos Athanasiou, Theologe und Mitglied der griechischen Gemeinde in Offenbach, erklärt warum: „Die östlichen Kirchen berechnen das Osterdatum nach dem älteren julianischen, die westlichen nach dem gregorianischen Kalender.“

Vor der orthodoxen Kirche in Tempelsee unterhalten sich zwei junge Leute. Erst seit drei Tagen sind Stelios Matsigkos und seine Freundin Despina in Deutschland. Die beiden 30-Jährigen sind wegen der Krise in ihrem Heimatland ausgewandert und hoffen in Deutschland auf eine bessere Zukunft. Die kleine Gemeinde am Brunnenweg ist für sie daher eine bedeutende Anlaufstelle. „Ostern ist bei uns sehr wichtig“, erklärt Stelios. Nicht umsonst heißt die Karwoche bei den Griechen „Große Woche“. Heute zieht es besonders viele orthodoxe Christen nach Tempelsee, weiß Theologie-Dozent Athanasiou: „Letztes Jahr kamen so um die 3 000 Gläubige zur Osterprozession.“ Außerdem hat sich als Ehrengast der Metropolit Augustinus aus Bonn angekündigt. Die frühere Gastarbeiterkirche in Tempelsee genießt einen stetigen Zuwachs an Mitgliedern.

Gratis-Apps für Ostern

„Durch die Krise in Griechenland hat sich die Gemeinde noch einmal enorm vergrößert.“ In der Diaspora schaffe der Glaube eben ein vertrautes Umfeld, so Athanasiou, der an der Uni Bern lehrt und eigens zu diesem Anlass in seine Heimatkirche zurückgekehrt ist. Am „Großen Freitag“ schmücken Frauen ein weißes Tuch mit Blumen (Epitaphios) und legen es über den gekreuzigten Jesus, den die Gläubigen danach durch die Straßen tragen. Bis einschließlich heute wird gefastet: „Wir essen kein Fleisch und kein Öl. Manche verzichten zudem auf Butter, Milch und Eier. Aber jeder fastet, wie er möchte“, lacht Auswanderer Stelios und zündet sich eine Zigarette an.

Erst am Karsamstag wird die Fastenzeit mit einer Suppe aus Lamm-Innereien (Majiritsa) gebrochen. Ein weiterer Brauch ist, wie in Deutschland, das Eierfärben. Traditionell bevorzugen die Griechen dabei die Farbe Rot. Stelios weiß von einer Überlieferung, nach der sich sich Eier als Zeichen Gottes rot färbten, um einen Ungläubigen zu bekehren.

Am Karsamstag schlagen die Griechen die rotgefärbten Eier gegeneinander, und derjenige, dessen Ei ganz bleibt, hat Glück fürs nächste Jahr. In der Großen Woche besucht Stelios, wie die meisten Griechen, jeden Abend den Gottesdienst. In der kleinen, aber prunkvollen Kapelle riecht es stark nach Weihrauch, Kerzen erhellen den Raum. Vor der Ikonenwand ist ein Schrein mit dem Abbild Jesu aufgebaut, um das ein üppiger Blumenkranz gelegt wurde.

Nachdem die Gläubigen den Saal betreten und Kerzen angezündet haben, schreiten sie zu dem Bild, um es zu küssen und sich zu bekreuzigen (im Gegensatz zu Katholiken und Protestanten von rechts nach links).

Letztes Abendmahl: Das wurde aus den zwölf Aposteln

Letztes Abendmahl: Das wurde aus den zwölf Aposteln

Stelios und Despina nehmen in der Kirche Platz. Er setzt sich auf die rechte, sie auf die linke Seite. Dass Männer und Frauen in orthodoxen Gotteshäusern getrennt sind, ist heute noch Tradition. Außerdem ist es gang und gäbe, dass die Kirchgänger kommen und gehen, wann sie wollen.

Am letzten Tag der Karwoche, am Samstag, versammeln sich abends alle in der Gemeinde, um Jesu Auferstehung zu feiern. „Es ist Brauch, dass jeder eine Kerze anzündet und das heilige Licht mit nach Hause nimmt, das dann vierzig Tage brennen muss“, erklärt Stelios Matsigkos.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare