Wegen Mordes angeklagt 

Paul M. soll seine Lebensgefährtin getötet haben - jetzt steht er vor Gericht 

In der gemeinsamen Wohnung in der Luisenstraße wurde die Tote gefunden. 
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In der gemeinsamen Wohnung in der Luisenstraße wurde die Tote gefunden. 

Paul M. aus Offenbach muss sich vor in Darmstadt vor Gericht verantworten: Er soll seine Lebensgefährtin erstochen haben. Sein ältester Sohn attackiert ihn mit harten Worten. 

Offenbach - Eifersucht kennt keine Altersbegrenzung. Am 18. März dieses Jahres ersticht der 70-jährige Paul M. seine Lebensgefährtin, weil sie ihn verlassen will. Jetzt muss sich der Offenbacher vor dem Schwurgericht in Darmstadt verantworten. Die Anklage: Mord aus niedrigen Beweggründen.

Drei Jahrzehnte sind M. und die 57-Jährige ein Paar, drei Kinder gehen aus der Verbindung hervor. 30 Jahre sind sich beide treu, leben in der gemeinsamen Wohnung im fünften Stock in der Luisenstraße. Bis die Beziehung brüchig wird.

Der Vater, der nie viel zum Lebensunterhalt beigetragen haben soll, zieht sich weiter zurück, kennt nur noch seine eigenen Interessen für Film- und Fotoaufnahmen. Als seine Partnerin an Brustkrebs erkrankt, findet er nicht zum zehn Minuten entfernt liegenden Sana-Klinikum. Ihr Befinden scheint ihn kalt zu lassen, was der älteste Sohn bitter beklagt. Penibel vermeidet er bei seiner Zeugenvernehmung das Wort Vater. „Mein Erzeuger hat keine Anteilnahme an ihrer Krankheit gezeigt“, so der 27-jährige Nebenkläger. 

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Volker Wagner, was denn M. für ein Mensch gewesen sei, kommt eine vernichtende Antwort: „Mein Erzeuger hat immer schon zuhause den Pascha gespielt. Er hat einfach nichts gemacht. Hat immer vom Amt gelebt, aber den Haushalt komplett meiner Mutter überlassen. Als ich mit der Lehre fertig war, habe ich mit meinem Einkommen die Familie unterstützt.“

Paul M. aus Offenbach steht in Darmstadt vor Gericht - Anklage wegen Mord 

Doch dann lernt die Mutter ein Jahr vor ihrem Tod den Bruder ihrer Freundin kennen. Der 53-jährige Gärtner besorgt ihr einen Aushilfsjob im Blumenladen, nimmt sie mit zur Grünpflege. Aus dem kollegial-freundschaftlichen Verhältnis wird Liebe. Drei Wochen vor der Tat gesteht die 57-Jährige dem Angeklagten das Verhältnis. „Sie erzählte mir, dass er darauf nicht sonderlich bewegt reagiert hätte. Wieso auch, die beiden haben ja schon lange nicht mehr als drei Worte am Tag gewechselt. Sie hat danach noch ein paar Mal mit ihm über uns geredet“, erklärt der Offenbacher. Deshalb habe er sich auch keine Gedanken gemacht. Im Gegenteil, M. habe geäußert, nach dem Auszug seiner Lebensgefährtin trotz Angst vor Obdachlosigkeit wieder zurück nach Münster gehen zu wollen. Für die Wohnungssuche bietet der „Neue“ ihm sogar seine Hilfe an: „Ich bin eben sozial eingestellt.“

Doch innerlich muss es bei M. brodeln. Am 17. März, einen Tag vor der Tat, hat der älteste Sohn Geburtstag. Er kommt erst abends aus Heidelberg, doch M. nimmt den Tag auch ohne seine Anwesenheit zum Anlass, eine Whiskyflasche zu leeren.

Über Verteidigerin Raluca Ricker lässt M. den ausführlichen Tatablauf und ein Geständnis verlesen. „Mein Mandant ist Alkohol nicht gewohnt, aber alle ein bis zwei Jahre betrinkt er sich bei besonderen Anlässen. Dann kann er nicht schlafen. So auch in der Nacht nach dem Geburtstag des Sohnes. Er läuft umher, kommt nicht zur Ruhe. Das Paar hat schon länger getrennte Schlafbereiche.“ Am frühen Morgen habe M. dann auf Fotojagd gehen wollen. Dafür habe er schon alle Utensilien zusammen gelegt - einschließlich eines Küchenmessers, das er zum Bauen einer Tarnecke für die Vogelbeobachtung braucht. 

Vorher will er aber noch etwas erledigen. Als die Lebensgefährtin aus dem Bad kommt, bittet er sie zum Gespräch und setzt sie aufs Bett. „Er hatte zwei Wochen vorher von den Kindern erfahren, dass sie einen neuen Freund habe und wollte nun aus ihrem Munde hören, ob das stimmt“, so die Anwältin.

Paul M. aus Offenbach: Sein ältester Sohn attackiert ihn vor Gericht mit harten Worten

Als die Gefragte dies bestätigt, reagiert er geschockt. „Sein unerschütterliches Vertrauen war wie weggeworfen. Alles war unwiederbringlich verloren. Er nimmt das Küchenmesser und sticht zu. Wie oft, kann er nicht sagen.“ Dass er zusätzlich mit dem Fotostativ auf sie eingeschlagen haben soll, sei ihm fremd. Die 57-Jährige stirbt infolge einer klaffenden Wunde, ihre Halsschlagader ist durchtrennt. M. flieht mit seinem Motorroller, fährt plan- und ziellos umher. Zwei Wochen nach der Tat wird er in seiner Wahlheimat Münster geschnappt, als er einen neuen Ausweis beantragen will. „Er hoffte innerlich, dass sie gefunden und gerettet werden würde“, behauptet Ricker. Ob und wie groß der Einfluss des Alkohols am Tag der Tat war, muss noch vor Gericht rekonstruiert werden. Die Anklage Mord sieht die Verteidigerin allerdings als unzutreffend an: „Es war eine klassische Affekthandlung. M. kann bis heute nicht begreifen, was er getan hat.“

Alle drei Kinder nehmen ihr Recht als Nebenkläger wahr und verfolgen den Prozess persönlich mit je einer Anwältin. Rechtsmediziner, ein psychiatrischer Sachverständiger und viele Zeugen sollen an den insgesamt vier geplanten Verhandlungstagen bei der Tataufklärung helfen.   Von Silke Gelhausen

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