Tag der Arbeit

Vermummung ist Pflicht: 50 Personen demonstrieren unter Corona-Bedingungen

Demo am 1. Mai: Trotz Corona-Beschränkungen durften 50 Personen teilnehmen. Sie forderten etwa mehr Geld für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen.
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Demo am 1. Mai: Trotz Corona-Beschränkungen durften 50 Personen teilnehmen. Sie forderten etwa mehr Geld für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen.

Der 1. Mai gehört der Arbeiterbewegung. Und die setzte sich in den vergangenen Jahren vom Gewerkschaftshaus in der Berliner Straße zum Wilhelmsplatz in Bewegung. Um die 200 Teilnehmer sorgten eigentlich nie für Schlagzeilen.

Offenbach – Das soll sich ausgerechnet in Corona-Zeiten ändern. Der überschaubare Offenbacher Protest- und Solidaritätsmarsch dürfte einer der wenigen gewesen sein, die 2020 stattgefunden haben.

Der Aufruf ist wohl ebenso auf die Schnelle zustande gekommen wie die Genehmigung. Auf Initiative von Emanuel Schaaf vom Gesundheitskomitee Dreieich, Michael Köditz (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und Christa Führer-Rössman (Offenbacher Friedensinitiative) sei es gelungen, das lokale Ordnungsamt zur Zustimmung zu einer Demo zu bewegen. Unter besonderen Auflagen: maximal 50 Personen, Mindestabstand von 1,5 Meter, Mundschutz.

Finden sich bei nasskaltem Regenwetter, als der Zug vor dem Gewerkschaftshaus startet, gut zwei Dutzend Aufrechte ein, versammelt sich zur Kundgebung vor dem Rathaus die zugelassene Teilnehmerzahl. „Völker, hört die Signale…“ Die Internationale wird bei Kundgebungen zum Tag der Arbeit schon lange nicht mehr gesungen. Doch drehen sich in Corona-Zeiten die Redebeiträge nicht – wie sonst üblich – allein um soziale Gerechtigkeit.

Emanuel Schaaf, von Beruf Heilpraktiker, verwies auf den Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastung in der Luft und der Schwere von Corona-Erkrankungen und forderte die Abschaltung aller Kohlekraftwerke auch in Offenbach sowie die Reduzierung des Autoverkehrs. Vorwürfe gingen an die Politik mit Blick auf die Kapazitäten in Krankenhäusern. In den letzten 20 Jahren seien unzählige Kliniken geschlossen oder privatisiert worden.

Christa Führer-Rößmann erinnert an gleich zwei Jubiläen in diesem Jahr. „Vor 100 Jahren ließ der bisher größte Generalstreik in Deutschland den rechtsgerichteten Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik scheitern. Und vor 75 Jahren endete der 2. Weltkrieg und Deutschland wurde von der Nazi-Barbarei befreit.“ Um so wichtiger sei es, auch in Corona-Zeiten die daraus erwachsenen demokratischen Rechte zu wahren.

Derweil weicht der internationale Kampftag der Arbeiterklasse ins Netz aus. Unter dem Motto „Solidarisch ist man nicht alleine“ sendet der DGB am 1. Mai einen dreistündigen Livestream aus der Berliner Zentrale. „Dies ist ein historisches Ereignis“, so der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. „Zum ersten Mal seit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbunds gibt es in diesem Jahr keine Demos und Kundgebungen auf Straßen und Plätzen zum Tag der Arbeit. Solidarität heißt in diesen Tagen: Mit Anstand Abstand halten.“

Neben den Statements der verschiedenen Einzel-Gewerkschaften unter dem Dach des DGB gibt es reichlich Kunst – mit einer wohlüberlegten Wahl des Liedguts. Liedermacherin Sarah Lesch singt „Der Einsamkeit zum Trotze”; das gleichnamige Album auf CD oder LP erscheint am 22. Mai. Springt da jemand auf den Corona-Zug auf? Eher nicht. Fertiggestellt wurde das Album 2019. Und die Liedermacherin erklärt in einem Statement: „Armut, Trauer, Krankheit, Alter, Flucht, Heimweh, Trennung, Ausgrenzung, Tabus, Diskriminierung, Soziale Medien, Macht, Angst und Perfektionismus. All das macht uns einsam.“

Später stimmt Heinz Rudolf Kunze, Schriftsteller, Liedermacher und Musicalübersetzer, für den DGB-Livestream „Die Zeit ist reif“ an. Auch das passt in diesen Zeiten, an diesem Tag: „Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen. Und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.“ Was fehlt? Für den Offenbacher ganz klar: gute Gespräche und ein 1.-Mai-Gerstentrunk auf dem Wilhelmsplatz. Von Zuhause aus (oder in diesem Fall aus dem Büro) wünscht man sich das für 2021. Mit hoffentlich deutlich mehr als den gestrigen 50 Teilnehmern.

VON PETER KLEIN UND MARTIN KUHN

Zu einer Demo zum Thema Black Lives Matter in Offenbach kamen rund 160 Personen.

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