Gemeinde klagt gegen Streichung

Pfarrer Bundschuh verlässt Stadtkirche nach 17 Jahren

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Pfarrer Joachim Bundschuh hat den letzten Gottesdienst in seiner Stadtkirche gefeiert; nur die Verabschiedung folgt noch. Der 59-Jährige, der in eingetragener Partnerschaft mit Stefan Gehrmann lebt, muss auch das geliebte Pfarrhaus verlassen.

Offenbach - Einen Großteil seines Berufslebens war Pfarrer Joachim Bundschuh Offenbach verbunden. 17 Jahre war der evangelische Theologe Pfarrer an der Stadtkirche. Von Markus Terharn 

Nun nimmt er eine neue Herausforderung an – als Referent für Gemeinden anderer Sprache und Herkunft am Zentrum Ökumene. „Nach der Entscheidung, dass die Pfarrstelle der Stadtkirche Anfang 2019 wegfällt, habe ich mir eine neue Aufgabe gesucht“, berichtet Bundschuh. Der 53-Jährige war auf halber Stelle tätig, eine weitere halbe Stelle bekleidet er als Pfarrer in Kelsterbach. Die Stadtkirchengemeinde lässt ihn ungern ziehen. Und sie hat Widerspruch gegen die Streichung seiner Stelle durch den Dekanatssynodalvorstand eingelegt. Das Verfahren vor dem Verfassungs- und Verwaltungsgericht der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hat aufschiebende Wirkung. Für ein Jahr übernimmt Christiane Esser-Kapp, Behindertenseelsorgerin und grüne Stadtverordnete, die Position. Bundschuhs Weggang steht indes fest.

Angela Sluyter, Vorsitzende des Kirchenvorstands, findet lobende Worte für den Scheidenden: „Er kann unterschiedlichste Menschen ansprechen.“ Sie preist seine Fähigkeit, einerseits Motor der Gemeinde zu sein, andererseits Ehrenamtliche in ihrer Verantwortung zu stärken.

17 Jahre lang (mit einer Unterbrechung) prägte Pfarrer Bundschuh die Gemeinde. Er etablierte Angebote, die Außenstehende anziehen – die Reihe „Über den Glauben ins Gespräch kommen“, Fastengruppen, Seniorenkreise. Seit 2007 gehört das Pilgern mit der Kelsterbacher Gemeinde zum Repertoire, erst auf dem Jakobsweg, später auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad. Wichtig war dem engagierten Seelsorger, mit drei Andachten am Tag spirituelle Impulse zu setzen. Auch ein Besuch der US-Partnergemeinde in Providence stand auf dem Programm. Zudem pflegt er Freundschaft mit der Altkatholischen Gemeinde an der Bismarckstraße: „Wir feiern jährlich Gottesdienste und unterhalten einen ökumenischen Chor.“

Weniger Mitglieder, weniger Ehrenamtliche

In der Kindertagesstätte sieht der Pfarrer Potenzial. „Ich freue mich, dass wir viele Familiengottesdienste mit der Kita feiern konnten.“ Vor Feiertagen war er bei den Kindern, um ihnen biblische Geschichten zu erzählen und die christlichen Feste vorzubereiten. Krabbelgottesdienste für die Kleinsten wurden gut angenommen.

„In der Innenstadt hat die Kirche aus demografischen Gründen sehr viele Mitglieder verloren“, klagt Bundschuh. 7000 Menschen gehörten in den 70er Jahren zur Stadtkirche; 2014 hatte sie nur noch knapp über 700 Mitglieder. „Evangelische Christen in einer Minderheitensituation denken sehr bewusst über ihren Glauben nach“, so der Theologe. Weniger Mitglieder bedeuteten aber auch weniger Ehrenamtliche. Dass sich in der kleinen Gemeinde reges Leben entwickelt hat, bleibt Bundschuhs Verdienst. Für ihn galt nicht die Zahl, sondern der Einzelne. Ihm war es selbstverständlich, persönlich zum Konfirmandenunterricht einzuladen und Einschulungsgottesdienste zu feiern.

„Bundschuh ist es gelungen, jedem Mitglied Wertschätzung zu vermitteln“, würdigt Sluyter. Auch die Kooperation mit den Nachbargemeinden war ihm wichtig. So gibt es innerhalb des Nordgemeinderats eine enge Zusammenarbeit mit Johannes- und Französisch-Reformierter Gemeinde bei Konfirmationsunterricht, Sommerkirche und Gottesdiensten.

Der multikulturelle Hindergrund vieler Offenbacher gab Bundschuh Gelegenheit, sich mit anderen Konfessionen und Religionen auseinanderzusetzen – ein Interessengebiet, das er am Zentrum Ökumene in Frankfurt ausbauen kann. „Je mehr Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, desto intensiver müssen wir uns mit ihrem Glauben befassen“, findet er. Das Thema Flüchtlinge hat er daher in den Mittelpunkt seiner Predigt im Silvestergottesdienst, des letzten an seiner alten Wirkungsstätte, gestellt. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt der Theologe, dem anzumerken ist, dass es ihm nicht leicht fällt. 1993 wurde Joachim Bundschuh in der Stadtkirche ordiniert. Am Sonntag, 17. Januar, 11 Uhr, wird er dort im Gottesdienst verabschiedet.

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