Zustände „wie auf der A3“

Autofahrer stören Ruhe auf Neuem Friedhof  - jetzt kommen Poller

Die versenkbaren Poller werden ab November uneinsichtige Autofahrer aussperren. 
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Die versenkbaren Poller werden ab November uneinsichtige Autofahrer aussperren.

Verkehrsrowdys auf Offenbacher Friedhöfen? Die jüngste Entscheidung des für die Begräbnisorte zuständigen Stadtservice der Stadtwerke-Gruppe (SOH) zeigt, dass dieser Gedanke nicht so abwegig ist, wie zunächst gedacht. 

Offenbach - Laut SOH wurden am Eingang des Neuen Friedhofs in der Mühlheimer Straße zwei versenkbare Poller installiert, um Autos von den Besucherwegen fernzuhalten. Zum 1. November sollen die Poller in Betrieb genommen werden.

„In letzter Zeit waren vermehrt Besucher mit dem Auto unterwegs, die keine Durchfahrtgenehmigung hatten“, sagt Friedhofsleiterin Gabriele Schreiber. Laut Friedhofssatzung haben außer Betrieben wie Pietäten oder Steinmetzen nur Menschen mit Gehbehinderung das Recht, mit dem Auto vorzufahren. „Aber auch nur dann, wenn ein entsprechender Ausweis vorliegt“, sagt Schreiber, „außerdem auch nur zu den Zeiten, in denen es keine Beerdigungen gibt.“ Die Beisetzungen werden auf dem Neuen Friedhof in der Regel vormittags vorgenommen, sodass berechtigte Besucher nachmittags mit ihrem Auto im Schritttempo zum jeweiligen Grab fahren durften.

„Wir haben aber bisher eine Ausnahme gemacht, wenn Leute etwa eine besonders schwere Grabschale oder mehrere Erdsäcke dabei hatten“, sagt sie. Auch in der Region, etwa auf den Friedhöfen Darmstadts, wird dies ähnlich gehandhabt.

Zustände „wie auf der A3“

Auf dem Offenbacher Neuen Friedhof nahm der Verkehr zuletzt jedoch überhand, Besucher beschwerten sich bei der Friedhofsleitung. „Als unser Memoriamgarten eingerichtet wurde, sagte ein Gärtner zu mir, dass es hier wie auf der A3 zuginge“, sagt Schreiber. Sie selbst habe auch immer wieder Autofahrer angehalten und nach deren Berechtigung gefragt.

Ab November soll aber mit dem Autoverkehr weitgehend Schluss sein: Knapp 10 000 Euro hat die Friedhofsverwaltung in das Pollersystem samt Zugangschips investiert. Damit die Betriebe weiter Zugang haben, erhalten diese eigens programmierte Chips, die auf einzelne Fahrzeuge zugelassen werden.

Schwerbehinderte mit einem Ausweis mit den Vermerken A oder G können in der Friedhofsverwaltung einen Dauerchip beantragen und künftig montags von 8 bis 18 Uhr und dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr zum Grab fahren – also außerhalb der Bestattungszeiten und nur in Schrittgeschwindigkeit, wie Schreiber betont. An Feiertagen werde die Zufahrt wohl ganz verboten, dann aber verkehrt auch das vor einigen Jahren eingerichtete Friedhofstaxi und fährt die Besucher zu den Grabreihen.

„Wer wirklich etwas Schweres zu transportieren hat, kann sich einen Chip für eine einmalige Durchfahrt in der Verwaltung holen“, sagt Schreiber. Der Chip wird am Eingang eingeworfen, sodass die Berechtigungen nicht weitergegeben werden können. Durch die persönliche Vorsprache, um die Zufahrtsberechtigung zu erhalten, erhofft sich die Friedhofsverwaltung, dass die Besucher anschließend rücksichtsvoll fahren. Dass wie bisher Besucher gefährdet werden, damit soll dann Schluss sein.

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„Die gesamte Friedhofskultur ist im Wandel“

Auf den übrigen Offenbacher Friedhöfen wird es keine vergleichbare Regelung geben, da dort das Problem nicht bestehe. „Vor Jahren wurde der Alte Friedhof als illegale Abkürzung genutzt, aber seit wir das Gitter installiert hatten, war damit Schluss“, sagt Schreiber.

Eine kurze Recherche zeigt, dass Offenbach nicht allein mit der Durchfahrtsfrage steht, auch andere Kommunen suchen nach Möglichkeiten, um Auto- oder Radverkehr auf Friedhöfen einzuschränken. Interessanterweise gibt es für die auf Friedhöfen geltende Totenruhe keine bundesweit einheitliche Regelung, in manchen Kommunen darf somit über die Begräbnisstätten gejoggt werden oder das Rad gefahren statt geschoben werden.

„Die gesamte Friedhofskultur ist im Wandel“, sagt Schreiber. Galt vor einigen Jahren Radfahren auf Friedhöfen noch als pietätlos, so wird dies inzwischen immer häufiger infrage gestellt. „Ob auf Friedhöfen gejoggt, mit dem Rad oder dem Auto gefahren werden darf, unterliegt dem Kommunalrecht, das wird überall unterschiedlich gehandhabt“, sagt sie.

Den Besuchern legt sie ans Herz, die Würde des Ortes zu achten. „Wir sind hier auf einem Friedhof, nicht auf einer Rennbahn.“

FRANK SOMMER

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Marode, unwürdig, nicht mehr zeitgemäß, energetisch katastrophal – das ist nur eine Auswahl der Begriffe, die im Zusammenhang mit dem Zustand der Trauerhalle auf dem Neuen Friedhof fallen.

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