Porträts von Künstlern im Haus der Stadtgeschichte

Offenbach, Ort der Offenheit

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Katja M. Schneider mit Real-Madrid-Tüte auf der Auswechselbank des Kickersstadions

Offenbach - Ganz schön mutig von Volker Muth, 20 Künstler per Fotoporträt im Haus der Stadtgeschichte zu zeigen! Assistiert von Grafikerin Kathrin Riefke, ist ihm ein großer Wurf gelungen. Von Reinhold Gries

Selten gab es eine Ausstellung, die so Treffendes über Kreative und über ihre Beziehung zur Stadt aussagt. Muth, am Niederrhein aufgewachsener Frankfurter, zur Motivation: „Mich macht diese Stadt neugierig, weil da große Potenziale sind, die oft nicht ausgeschöpft werden. Über mein Medium wollte ich die Vielfalt künstlerische Ansätze kennenlernen. Und Charaktere hinter der Kunst darstellen.“

Dazu ist er „einfach rumgelaufen“, hat nachgefragt und recherchiert, Tipps von Experten eingeholt und Leute angesprochen, auch in Hinterhöfen. „Ich musste eine Auswahl treffen unter den Künstlern, die auf meine Anfrage positiv reagiert haben“, sagt Muth. In mehr als zweijähriger Arbeit schoss er mit der Rolleiflex-Mittelformatkamera analoge Fotos, scannte sie und brachte sie mit Lambda-Belichtung auf Fotopapier. Um Aussagekräftiges zu komponieren, suchte er zu jedem Künstler einen passenden Ort aus.

„Wie lassen sich Künstler ins Bild setzen?“, fragte sich Muth. „Porträts dürfen nicht glatt sein, sind lebendiger Dialog.“ Dazu führte er die Interviews mit drei immer gleichen Fragen: „Was bedeutet Kunst für dich? Wie arbeitest du? Welche Rolle spielt die Stadt Offenbach für dich?“ Die Antworten hängen gedruckt neben schwarz-weißen oder farbigen Porträts. Muths Credo: „Ich wollte nichts strangulieren, habe alles sich entwickeln lassen.“

Vielsagen und entschleunigt

Entschleunigt wirken die Porträts in Einheit von Ort und Person. Und vielsagend. So zeigt Muth den konstruktiven Altmeister Herbert Aulich im Obstgarten, Buchkünstlerin Uta Schneider im betopften Hafengärtchen und Katja M. Schneider nach einem Spanien-Besuch mit Real-Madrid-Tüte auf der Auswechselbank des OFC-Stadions. Karl-Heinz Thiel steht vor einer großen Papierhalde voll weggeworfener Informationen – Achtung, Verschüttungsgefahr!

Musiker Olaf Joksch in der Französisch-reformierten Kirche

Max Geisler und Parastou Forouhar wirken zwischen Hafenbahnwaggons oder unter der Kaiserleibrücke vereinsamt. Treffend Szenen zu Karin Nedela mit historisch kostümiertem Foto-Modell, Anja Hantelmann als reale Bildinszenierung auf dem Bett eines Hotelzimmers, Marie-Anne Augustin in tänzerischer Gebärde oder Tastenkünstler Olaf Joksch, in einer Bank der Französisch-Reformierten Kirche in eine Messiaen-Partitur versunken. Andere zeigt Muth in Ateliers kniend, stehend, sitzend, sinnierend oder arbeitend. Abgewandt, aber nackt blickt Provo-Künstler Jos Diegel im (ehemaligen) Mato-Atelier vor einer stehenden Schönen in die Linse. Dass Kunst auch Leben ist, erfuhr Muth, als der Text über den verstorbenen Meisterkünstler Karl-Heinz Steib zum Nachruf wurde. Das wie gemalt wirkende Atelierfoto zum ältesten BOK-Mitglied ist Dokument für die Ewigkeit.

Nicht nur aus dem Moment heraus sind Interviews zu lesen. Steibs „Ich habe versucht, der Natur eine Form zu geben“, Rolf Kissels „Kunst als Form der Selbstbestimmung“ und Aulichs „Kunst als wechselseitig Beziehung von Außen- und Innenwelt“ stehen für klassisch modernes Denken. Bei den Jüngeren hört sich das so an: Kunst ist „These und Antithese zugleich“ (Andrea Blumör), „Auftrag, Werke zu schaffen“ (Hantelmann), „Lebenselixier“ (Anny und Sibel Öztürk), „Spiegel der Zeit“ (Bernd Fischer), „Abenteuer“ (Thomas Hartmann) oder „freie Art des Denkens“ (Wolfgang Henseler).

Am Ende gibt es Balsam für Offenbacher Seelen. Diese Stadt sei „ein Ort, an dem es noch Möglichkeiten gibt“ (Blumör), Ort der „Offenheit, Vielfalt und Toleranz“ (Hantelmann, Fischer, Uta Schneider), „Netzwerk von Freunden“ (Henseler) und „lebensnah, nicht verstellt“ (Katja M. Schneider). Geisler gesteht: „Ich habe Offenbach lieben gelernt.“ Joksch sieht seine Stadt „als Ort, an dem ich zu mir finden kann“. Uta Schneider ist froh, „keine heile Welt vorgespielt zu bekommen, ich brauche Reibung“. Aus der Realität spricht Thomas Hartmann: „Ich lebe gern hier, weil es in Offenbach nur wenige Leute gibt, die per Geländewagen vor einem Biomarkt vorfahren.“

„Künstler in Offenbach“ im Haus der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61: Geöffnet Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr

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