Sprechen Sie Demokratisch?

Projekt Leibnizschule: "Demokratie braucht Demokraten"

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Bei der Podiumsdiskussion stehen sie Rede und Antwort: Adem Hasanovic, Wolfgang Thüne und Jochen Remmert (von rechts)

Bei dem Projekttag „mean it - Mein es! Es lebe die Meinungsfreiheit“ an der Leibnizschule dreht sich alles um das gemeinsame Diskutieren. Mit dabei sind ein Imam, ein Journalist und ein Zeitzeuge aus der ehemaligen DDR.  Die gemeinsame Frage an alle: Sprechen Sie eigentlich Demokratisch?

Offenbach – „Position beziehen, Meinung vertreten, Haltung verteidigen“, ist auf der letzten Powerpoint-Folie zu lesen, die im Konferenzraum der Leibnizschule an die Wand geworfen wird. Die Augenpaare der etwa 50 Schülerinnen und Schüler im Raum sind zum Abschluss des Projekttages „mean_it – Mein es! Es lebe die Meinungsfreiheit“, auf eben diese knappen Schlagworte gerichtet.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen haben sich in der vergangenen Woche, aufgeteilt in zwei etwa gleich große Gruppen, die Schülerinnen und Schüler der zwölften Jahrgangsstufe mit dem Slogan „Demokratie braucht Demokraten“ beschäftigt und sind dabei der Frage auf den Grund gegangen, was eigentlich passiert, wenn immer mehr Bürger die pluralistische Gesellschaft ablehnen.

Offenbach: Leibnizschule beschäftigt sich mit Gesellschaft

Nachdem die Schülerinnen und Schüler im ersten Teil des Projekttags bereits unermüdlich miteinander diskutiert, Positionen ausgetauscht und gelernt haben, auch andere Sichtweisen als die eigene zu akzeptieren und auszuhalten, steht zum Abschluss eine Podiumsdiskussion auf dem Programm. Bei dieser können die Schülerinnen und Schüler den extra dafür eingeladenen Gästen alle erdenklichen Fragen stellen, die sich im Laufe ihrer vorherigen Diskussionen ergeben haben. Von kontrovers bis persönlich sind dem Interesse hier keinerlei Grenzen gesetzt.

Für das Podium wurden neben Adem Hasanovic, Imam und Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projektes „Hessische Muslime für Demokratie und Vielfalt!“ an der Goethe Universität Frankfurt und Jochen Remmert, Journalist und Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Offenbach, außerdem Wolfgang Thüne eingeladen.

Der heute 79-jährige ist ehemaliger Geräteturner der Nationalmannschaft der DDR und hatte im Sommer 1975, während der Turn-Europameisterschaften in Bern, die Gelegenheit am Schopfe gepackt, um von dort aus in die Bundesrepublik zu fliehen.

Während Hasanovic über seine eigenen alltäglichen Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund seiner Religion und Remmert über die Verantwortung der Medien spricht, holt Thüne weiter aus und berichtet über die Repressalien, die seine Familie auch nach seiner Flucht weiterhin in der DDR zu erdulden hatte.

Die Antworten, welche die Schüler bei der Podiumsdiskussion am Ende des Projekttags bekommen, sollen abschließend noch einmal das Bewusstsein dafür schärfen, dass Meinungsfreiheit innerhalb der freien, demokratischen Gesellschaft aktiv gelebt werden muss und keine schon immer dagewesene Selbstverständlichkeit darstellt. Oder, wie es nicht ganz so sehr nach Politikwissenschaftsleistungskurs aus dem Mund des ehemaligen Leibnizschülers Helge Eikelmann, bevor er die Schülerinnen und Schüler in die Mittagspause entlässt, ertönt: „Demokratie heißt auch, den Arsch hoch kriegen und sein Maul aufzumachen.“

Zusammen mit Marcus Kiesel hat Eikelmann vor drei Jahren den Frankfurter Verein „die Politiksprecher“ gegründet, der hinter dem Projekttag steht. Gefördert durch Mittel der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wollen sie mit ihrem Projekttag zur Festigung der Demokratie und der politischen Teilhabe durch Diskussion und Bildung beitragen. Erklärtes Ziel ist es, „den Diskurs und das Streiten um Grundrechte wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen“, wie sie es formulieren. Denn gerade für Schülerinnen und Schüler sei es den beiden Initiatoren zufolge wichtig, dass diese mit dem entsprechenden Rüstzeug und Kenntnissen ausgestattet seien, um sich informierte Meinungen nicht nur bilden, sondern sie zudem auch verteidigen zu können.

Offenbach: Zeitzeugengespräche aus der DDR

Damit wollen die beiden auch eine Lücke in der politischen Bildungsarbeit schließen, in der ihrer Ansicht nach viel zu selten gestritten werde. „Wir möchten vermitteln, dass Diskussionen über heikle Themen nicht nur an den extremen Rändern des politischen Spektrums stattfinden, sondern es auch in der Mitte viele unterschiedliche Positionen gibt“, erklärt Eikelmann.

Und um den Verlust an Freiheit und das Streiten für Demokratie nicht im luftleeren Raum zu diskutieren, gehören auch Zeitzeugengespräche zum Beispiel mit ehemaligen DDR-Bürgern zum Programm.

Denn die Erfahrung einer gelenkten Gesellschaft der unfreien Meinungsbilder und der Manipulation des Bürgers lassen sich, so die Idee des Projektes, kaum aktueller als mit einem Vergleich zur SED-Diktatur vermitteln. Die Einbindung der jüngeren deutschen Geschichte sowie die Gespräche mit den Zeitzeugen sollen damit den Verlust von Freiheit und das Streiten für Demokratie an einem konkreten Beispiel erlebbar machen.

Eingeladen wurden „die Politiksprecher“ von den beiden Fachsprecherinnen für Politik und Wirtschaft an der Leibnizschule. Sie berichten unter anderem, dass vor und nach dem Projekttag dieser im Unterricht ausgiebig besprochen und ausgewertet wird.

In den vergangenen Schuljahren hätte der Verein von Helge Eikelmann und Marcus Kiesel zudem bereits zwei Mal Workshops zum Thema Meinungsfreiheit an der Schule angeboten. „Und da das Format bei den Schülerinnen und Schülern stets gut angekommen ist, haben wir die beiden gerne erneut eingeladen“, so die beiden Fachlehrerinnen des Gymnasiums abschließend.

VON JOEL SCHMIDT

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