Hoch komplexe Abläufe in Offenbach

Prozess um Anlagebetrug: Angeklagter weist Vorwurf krummer Geschäfte zurück

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Ein 62-Jähriger steht in Darmstadt wegen schweren Betrugs vor Gericht.

Im Prozess um schweren Betrug vor dem Landgericht Darmstadt (wir berichteten) zeichnet sich bereits am zweiten Verhandlungstag ein hoch komplizierter Verlauf ab. 

Offenbach – Ein 62-jähriger Finanzwirt erhielt jahrelang von Privatleuten Darlehen für Immobiliengeschäfte, für die er im Gegenzug als Sicherheit keine ausreichende Grundschuld bestellt haben soll. Und anstatt das Geld in gewinnversprechende Projekte zu stecken, soll es der Angeklagte von 2012 bis 2015 für persönliche Verbindlichkeiten genutzt haben. Doch ganz so einfach ist es nicht. Normalerweise halten Verteidiger in Wirtschaftsstrafsachen gern den Ball flach, wenn es um eine offene Aussprache vor der Kammer geht. Nicht so in diesem Fall: Die Anwälte Frank Peter und Manfred Döring lassen den 62-Jährigen stundenlang frei reden, sämtliche Fragen beantworten. Denn sie sind sich absolut sicher: Ihr Mandant mit ehemaligem Bürositz in Lauterborn hat absolut nichts zu verbergen. Dass die Geschäfte seiner Anlageberatung überhaupt vor der Justiz ausgebreitet werden, sei in den komplexen Abläufen eines Insolvenzverfahrens begründet: Hier geht automatisch alles an die Staatsanwaltschaft. Die witterte sofort einen gewerbsmäßigen Schwindel, weil ihr Immobiliengutachten vorliegen, die weit unter dem tatsächlichen Verkehrswert der Liegenschaften gerechnet wurden. Warum, ist unklar. Sicher ist aber, dass Gegengutachten seitens der Verteidigung vorliegen, die ganz andere Zahlen hergeben – folglich müssten nun dritte Wertschätzungen her, die das eine oder das andere bestätigen würden. Bislang wurde hier nichts unternommen.

Der Angeklagte W. führte 30 Jahre lang bis 2015 einen erfolgreichen Ein-Mann-Betrieb, der sich auf das Projektieren und Handeln mit Immobilien spezialisierte. 2012 entschloss er sich, zwei Mitarbeiter einzustellen und die Geschäfte auszuweiten. „Das war mein Fehler. Ich hätte klein weiter machen sollen,“ bereut W. heute.

Staatsanwalt Hanno Wilk wirft ihm vor, diesen Schritt wegen Verbindlichkeiten zu einer Kölner Anlagefirma gemacht zu haben, für die er vorher ein paar Jahre gearbeitet hatte. Die Antwort: „Das ist absurd. Ich habe bei Firma A. wegen Missverhältnissen fristlos gekündigt und meine Bürgschaft für deren Vertriebsaufbau aus Privatmitteln beglichen.“

Dass die etablierte Anlageberatung überhaupt in die Insolvenz ging, liegt laut Rechtsanwalt Peter an langwieriger Überprüfung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Die überwacht im Sinne des Konsumentenschutzes die Solvenz von Finanzdienstleistern wie Banken und Versicherungen. Irgendwann unterstellte sie ihm, er würde Einlagengeschäfte ohne Einlagensicherung betreiben. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn W. anstatt einer erstrangigen Grundschuld auch nachrangige Einträge ins Grundbuch bestellt hätte. „Das war zwei bis drei Mal der Fall und es war ein Fehler“, erklärt der studierte Finanzwirt.

Wogegen er sich jedoch vehement wehrt, ist die Unterstellung betrügerischer Geschäfte zu seinen Gunsten: „Kein Anleger hat bislang Geld verloren“. Alle Darlehen seien gut verzinst worden, einige der bundesweit verstreuten Immobilien durch den boomenden Markt weit über Einkaufspreis verkauft worden.

Insgesamt gab es im Anklagezeitraum zehn Projekte, für die der Anlageberater innerhalb von vier bis zwölf Wochen Geldgeber finden musste. Eine lukrative Verzinsung zwischen fünf und acht Prozent lockte genügend Anleger, die zwischen wenigen Tausend bis mehreren Hunderttausend Euro investierten. Dass deren Geld nicht werthaltig gesichert gewesen sei, streitet W. rigoros ab: „Viele hätten mir ihr Geld am liebsten noch vor ihrer Unterschrift in die Hand gedrückt.“

Staatsanwalt Wilk spricht von einer erschlichenen Darlehenssumme über 3,9 Millionen, von denen nur gut eine halbe Million tatsächlich in Immobiliengeschäfte geflossen sein soll. Das muss er nun in dem wahrscheinlich noch Monate andauernden Prozess nachweisen. Zahlreiche Anleger, Provisionsvermittler und Branchen-Kollegen sollen als Zeugen zur Aufklärung beitragen.

VON SILKE GELHAUSEN

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