Prozess um fingierte Rechnungen und Prostituierte

Untreue statt Treuhand

Offenbach - Ein Immobilienverwalter aus Offenbach soll dem Bundeseisenbahnvermögen (BEV) mit fingierten Rechnungen einen Schaden von 200.000 Euro verursacht haben. Das Geld sei an eine Ex-Prostituierte geflossen. Von Veronika Schade

Blass, ausgemergelt und graues Haar: Sind es die Sorgen, die zum Prozessauftakt auf ihm lasten, die den 46-jährigen Angeklagten so mitgenommen haben? Ein ungewöhnlicher Fall der Untreue beschäftigt gestern Richter Manfred Beck am Amtsgericht Offenbach. Es geht um sechsstellige Beträge, hunderte Wohnungen – und eine Ex-Prostituierte. Die Frage nach seinem Beruf beantwortet Torsten H. mit einem leisen „Hartz IV“. Das war nicht immer so. Bis vor vier Jahren war der Offenbacher fest im Berufsleben. Und zwar recht erfolgreich. Er hatte eine eigene Immobilien-Consultingfirma, verwaltete seit 2003 treuhänderisch mehr als 900 Mietwohnungen des Bundeseisenbahnvermögens (BEV) in ganz Deutschland.

Bis er eine Frau im Internet kennenlernte. Ab diesem Zeitpunkt soll er ihr Geld aus dem Vermögen des BEV zukommen haben lassen, bediente sich dafür einiger Umwege wie Firmen, die angebliche Reparaturen in Wohnungen ausführten. Er habe „fremde Vermögensinteressen verletzt“, heißt es in der Anklage, die ihm 20 solcher Handlungen im Verlauf des Jahres 2011 vorwirft. Dem BEV seien „erhebliche Nachteile zugefügt“ worden mit einem Gesamtschaden von mehr als 200.000 Euro.

Zunächst eine gute Geschäftsbeziehung

„In den ersten sieben Jahren hatten wir gute Geschäftsbeziehungen“, sagt die mittlerweile pensionierte BEV-Referatsleiterin für Wohnungswesen. Dann sei es holprig geworden. Viele Mieter hätten sich über ihre Nebenkostenabrechnungen beschwert. „Ab 2010 waren wir so unzufrieden, dass wir ein Sonderkündigungsrecht vereinbart haben.“ Dass H. die Treuhandkonten dafür benutzte, einer „unbekannten Dame“ sowie einer von ihm neu gegründeten Briefkastenfirma Geld zu überweisen, kam nach einem Hinweis der Staatsanwaltschaft ans Tageslicht. Das BEV verschaffte sich Einsicht ins Konto. Bis dahin seien die einzelnen Bewegungen nie überprüft worden, lediglich die Abrechnungen am Ende. Offenbar ein zu gutgläubiges Vorgehen. Die Einnahmen und Ausgaben des Verwalters seien einigermaßen plausibel gewesen, sagt ein BEV-Dienststellenleiter. „Wir hatten ein Vertrauensverhältnis.“ Bis Rechnungen mit verdächtig glatten Beträgen kamen für Arbeiten wie eine Dachrinnenreinigung, welche, wie eine Ortsbesichtigung ergab, nie stattgefunden haben kann.

Der Angeklagte schiebt jede Schuld von sich. Er habe kein Geld für sich beansprucht, im Gegenteil, er sei sogar für technische Dienstleistungen und Betriebskosten in Vorleistung gegangen. „Diese Kosten zog das BEV nicht in Betracht.“ Das zur Verfügung stehende Geld habe nicht gereicht. Die auf den Überweisungen angegebenen Verwendungszwecke seien für seine Buchhaltung ausreichend gewesen.

Geld floss an Ex-Prostituierte

Richter Beck will wissen, warum H. einer Privatperson – einer Frau namens „Shirley“, die offenbar zuvor als Prostituierte in Berlin gearbeitet hat – Geld aus den Treuhandkonten überwiesen habe. Er habe sie im Sommer 2010 im Internet kennengelernt, ohne von ihrer Vergangenheit zu wissen. Der Kontakt sei durch ihr Interesse an Immobilien zustande gekommen. Sie habe sich dann eine Wohnung gekauft. Er habe ihr helfen wollen, indem er in seiner Eigenschaft als Wohnungsverwalter günstige Fliesen und Handwerkerdienstleistungen für sie besorgte. „Es war ein klarer Fehler von mir, ihr das Geld direkt zu überweisen“, sagt der verheiratete Mann. Eine intime Beziehung hätten sie nie gehabt. Sie hätten mündlich vereinbart, dass sie ihm das Geld zurückzahle. Dazu kam es aber nicht. Laut Akten gab sie es für Konsumgüter aus.

Der Prozess wird am 2. Februar fortgesetzt. Zu diesem Termin ist „Shirley“ geladen. Das Urteil soll dann fallen.

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