Abschlussbericht zur Freigabe der Fußgängerzone

Mit den Radfahrern arrangiert

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Ein Ergebnis: Weniger in der Bewegung beeinträchtigte Menschen fühlen sich von Radlern belästigt, dafür mehr in der Altersgruppe 65 plus.

Offenbach - Die Fachhochschule Erfurt hat ihr Forschungsprojekt zur Freigabe der Fußgängerzone für Radfahrer abgeschlossen. Eine erste öffentliche Vorstellung gab es bei der jüngsten Sitzung des städtischen Behindertenbeirats. Von Harald H. Richter 

Juliane Böhmer von der Uni Erfurt referierte beim Behindertenbeirat.

Grobes Fazit: Man hat sich mit den Radlern in der Fußgängerzone arrangiert. Eine „signifikante Zunahme problematischer Interaktionen“ will Juliane Böhmer im Ergebnis des einjährigen Forschungsprojekts zur Öffnung der Offenbacher Fußgängerzone für den Radverkehr nicht ausgemacht haben. Die Diplom-Geografin vom Institut für Verkehr und Raum der Fachhochschule Erfurt bilanziert: „Das Verhalten der Radfahrer hat sich eher positiv entwickelt, was Geschwindigkeit, Abstandsverhalten und Fahrweise betrifft.“

Böhmer will allerdings nicht verhehlen, dass es weiterhin gefährliche Begegnungen zwischen Fußgängern und Radlern gibt – sowohl in subjektiver Wahrnehmung als auch objektiv. Jedoch sind sie laut der Befragungen weniger geworden. „Es ist nicht zu erwarten, dass sich die Situation in nächster Zeit stark in negativer Richtung entwickeln wird“, wagt die Wissenschaftlerin eine Prognose.

Bei dem finanziell von der Stadt geförderten Vorhaben hatte das Erfurter Institut Konflikte und Potenziale der ganztägigen Öffnung der Fußgängerzone für Radler untersucht. Vorher und nachher wurden die Verkehrsströme und empirische Befragungen vorgenommen: sowohl bei Kunden des Einzelhandels als auch ganz speziell bei mobilitätseingeschränkten Menschen. Juliane Böhmer stellt sich vor, dass ihre Ergebnisse auch Grundlage für eine preiswerte Imagekampagne sein könnte, „um die Offenbacher Innenstadt im Miteinander von fußläufigem Publikum und Radlern als kundenattraktiven Aufenthaltsort zu bewerben.“

An den Standorten Große Marktstraße, Herrnstraße und Salzgässchen waren im Mai 2016 vor der kompletten Freigabe für Radler und 2017, also nach einjähriger Testphase, jeweils zwischen 9 und 19 Uhr die Verkehrsströme beobachtet worden.

Bilder: An diesen 15 Stellen wird in Offenbach geblitzt 

„Besonders frequentiert sind diese Innenstadtbereiche an Freitagen und Samstagen. Insgesamt gab es dort rund nach einem Jahr ein Drittel mehr Radfahrer“, so Juliane Böhmer. Besonders auffällig ist die Zunahme um 46 Prozent für die Herrnstraße und 57 Prozent für das Salzgässchen. Überraschend ist für die Erfurter Geografen, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit der Radler nicht gestiegen sei. „Auch der Anteil der Schnellfahrer hat sich nicht erhöht“, offenbart Juliane Böhmer. Im Mittel sei das Tempo sogar von 11,21 auf 10,69 Stundenkilometer zurückgegangen.

Es wurde auch weniger oft riskant überholt. Dieser Wert sank von 3,8 auf 1,7 Prozent. Böhmer: „Insgesamt konnten wir feststellen, dass die Radfahrer umsichtiger unterwegs sind, denn trotz ihres zahlenmäßigen Anstiegs gab es keine Zunahme des konflikthaften Verhaltens.“

Die sogenannte Besuchshäufigkeit der Fußgängerzone sei in sämtlichen Zielgruppen gestiegen – im Durchschnitt um 21 Prozent, berichtet Böhmer. Das gelte auch für Senioren und mobilitätseingeschränkte Menschen, also jene Zielgruppe, die den Behindertenbeirat besonders interessiert.

Bilder: Fahrradbasar in Offenbach

Jene, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, betrachten die Entwicklung der Aufenthaltsqualität denn auch kritischer, während die Beweglicheren finden, es habe sich ein einiges verbessert und man fühle sich wohler, sicherer und entspannter. Die Forscher wollten auch wissen, inwieweit Fußgänger sich durch andere Verkehrsteilnehmer, also Radler, Liefer- oder sonstige Kraftfahrzeuge belästigt fühlen. „Insgesamt gab es eine Verbesserung“, stellen die Erfurter fest. Eine Ausnahme bildet aber die Altersgruppe der über 65-Jährigen, bei der kein eindeutiger Trend zu erkennen sei.

Die Hälfte der befragten Menschen mit eingeschränkter Mobilität fühlt sich demnach inzwischen kaum oder nicht belästigt; ein Jahr zuvor waren es nur 40 Prozent gewesen. Ähnlich sind die Werte in den meisten Altersgruppen. Differenziert hinterfragt wurde auch der Gefährdungsgrad durch andere Verkehrsteilnehmer. Auch hier ergab sich etwa ein Halbe-halbe.

Anders jedoch bei den über 65-jährigen. Unter ihnen steig der Anteil der Unzufriedenen von 56,3 auf 63,1 Prozent. Weitere Erkenntnis: Der Anteil derjenigen, die sich eine Einschränkung des Radfahrens in der Fußgängerzone wünschen, hat abgenommen. Die meisten Radler nutzen die Fußgängerzone, übrigens um ein oder mehrere Ziele aufzusuchen, nur 17 Prozent zur Durchquerung.

Der wissenschaftliche Abschlussbericht wird nun der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt.

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