TSG Bürgel

Rausgekegelt: Sportart muss wirtschaftlichen Zwängen weichen

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Das Ende ist absehbar: Im nächsten Jahr soll die Kegelbahn in der ESO-Sportfabrik abgebaut werden.

Zumindest in einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Kegeln ist ein Sport, der mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat. Heftig gestritten wird derzeit aber darüber, wie mit den verbliebenen Aktiven in Offenbach umgegangen wird. Die befürchten nämlich nichts Geringeres als das Aus für ihre Sportart.

Offenbach – Im Fokus der mittlerweile mit persönlichen emotionalen Verletzungen garnierten Auseinandersetzung steht die Kegelbahn in der ESO-Sportfabrik in Bürgel. Im Sommer 2010 eingeweiht, sollten auf der modernen und einzig verblieben wettkampftauglichen Anlage der Stadt alle Sportkegler eine Heimat finden. So lautete zumindest der erklärte, aber niemals schriftlich fixierte Wille aller, die sich seinerzeit im Glanze des neuen und mit viel öffentlicher Unterstützung erbauten Bürgeler Sportempels sonnten.

Neun Jahre später kann davon keine Rede mehr sein. Der Vorstand der TSG Bürgel, der Hausherrin in der Sportfabrik, möchte die Kegler lieber heute als morgen loswerden: Die Anlage mit ihren sechs Bahnen passt nicht mehr ins wirtschaftliche Konzept der expandierenden TSG, die sich mit rund 2700 Mitgliedern zum größten Sportverein gemausert hat.

Das Vorstandsteam um Rolf-Dieter Elsässer möchte die Fläche der Kegelbahn für den nach wie vor boomenden Gesundheitssport nutzen. Der bringe pro Quadratmeter zehnmal mehr ein als der pro Jahr etwa 10000 Euro abwerfende Kampf um alle Neune, hat der Vorstand den Betroffenen bei einem Treffen vorgerechnet. Die Einnahmen benötigen die Bürgeler, um die TSG fit für die Zukunft zu machen. Der auch nicht jünger werdende Vorsitzende Rolf-Dieter Elsässer will seinen Job perspektivisch einem hauptamtlichen und entsprechend zu entlohnenden Geschäftsführer übergeben.

Das alles wäre ja womöglich noch irgendwie friedlich und einvernehmlich über die Bühne gegangen, hätte die TSG-Führung rechtzeitig das Gespräch mit den Betroffenen gesucht. Doch man sei Anfang September einfach vor vollendete Tatsachen gestellt worden, klagt Helmut Schmidt, Leiter der TSG-Kegelabteilung und bis vor einigen Monaten noch Elsässers Stellvertreter an der Vereinsspitze. Den Beschluss, die Kegelbahn Anfang April 2020 abzubauen, habe alleine der geschäftsführende Vorstand gefasst. „Das ist das Schlimme an der Sache. Wir wurden überhaupt nicht involviert“, sagt Schmidt.

Was ihn zusätzlich ärgert: Der TSG-Vorstand sehe nur noch das rein Wirtschaftliche, habe überhaupt nicht mehr den sozialen Aspekt im Blick. Schmidt, der seit 32 Jahren die Kegelabteilung führt, weist darauf hin, dass außer den 53 TSG-Keglern – darunter eine Damenmannschaft, die in der Hessenliga derzeit den ersten Platz belegt – weitere Aktive die Bahn als Mieter nutzen. So sind in der Sportfabrik die Sportkegler von SC Neun Holz und Fortuna, die Betriebssportkegler, die Blinden-Kegler, die mit vielen Hessischen-, Deutschen- und sogar Europameister-Titeln dekorierten Gehörlosen-Kegler und nicht zuletzt die Hobbykegler beheimatet. Der Hessische Kegler- und Bowlingverband hat zudem seinen Jugendstützpunkt in der Bürgeler Halle.

Joachim Stenger, Vorsitzender von Neun Holz, teilt den Ärger von Helmut Schmidt. Auch sein Verein sei nicht informiert worden und habe erst von den TSG-Keglern von den Schließungsplänen erfahren. Sein Vorschlag, die Schließung um ein Jahr zu verschieben, sei von Elsässer brüsk abgelehnt worden. Auch sei er mit der Idee auf taube Ohren gestoßen, den finanziellen Mehrbedarf aufgrund eines hauptamtlichen Geschäftsführers über eine Erhöhung des TSG-Mitgliedsbeitrags um fünf Euro zu decken. Stenger: „Außerdem mauert die TSG bei der Frage, wie hoch seinerzeit der öffentliche Zuschuss für die Kegelbahn war.“

Rolf-Dieter Elsässer bestätigt auf Anfrage, dass die TSG langfristig von einem Hauptamtlichen geführt werden soll. Dem Vorwurf, man vernachlässige mit den Plänen die soziale Komponente im Verein, will er nicht kommentieren. Gleichzeitig betont er, man sei bemüht, für die Kegler eine Lösung zu finden, und suche derzeit nach Alternativen. Spätestens im September 2020 werde die Kegelbahn aber abgebaut.

Das teilweise Einlenken der TSG-Spitze dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass der Kegler-Ärger ein Thema beim jüngsten „OB vor Ort“ war, als die Sportvereine öffentlich ihre Sorgen und Nöte vortragen konnten.

Sowohl Oberbürgermeister und Sportdezernent Felix Schwenke als auch Sportkreisvorsitzender Peter Dinkel plädierten an dem Abend angesichts des drohenden Endes für die Kegler für ein behutsameres Vorgehen. Die Schließung der Kegelbahn solle erst erfolgen, wenn es eine Alternative gebe. Auf Nachfrage zeigt Dinkel Verständnis für den Kurs der TSG. Der Standort der Kegelbahn sei ein „Sahnestück“ in der ESO-Sportfabrik, und die Zahl der Kegler nehme immer mehr ab, die Bahnen seien kaum noch frequentiert.

„Die TSG hat die Zukunft auf dem Schirm, das unterstütze ich“, so Dinkel. Klar sei aber auch, dass für die Kegler eine Lösung gefunden werden müsse. Dazu sei ein runder Tisch mit allen Beteiligten geplant. Sportdezernent Schwenke differenziert: Erfreulich sei, dass die TSG sich dem Wandel stelle. Doch müsse sie Geduld haben, bis man auf diese Veränderungsprozesse reagiert habe, sprich eine Lösung für die Kegler gefunden sei. Was die Kommunikation mit den Betroffenen angeht, wird Schwenke deutlich: „Wenn man eine Sportart beendet, muss man reden.“

Bei der Frage nach der Unterstützung der TSG mit öffentlichen Mitteln gibt sich der OB zurückhaltend. Das sei ein komplexes Thema. Auch anderen Vereinen habe man geholfen, „aber bei der TSG ging es in der Tat ums meiste Geld.“

VON MATTHIAS DAHMER

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