Chance und Herausforderung

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Kindertagespflege scheint Frauensache zu sein. Nur wenige Männer interessieren sich für die Tätigkeit als Tagesmutter.

Offenbach - Seit August 2013 hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Die private Tagespflegegewinnt damit an Bedeutung. Von Harald H. Richter

Die Kindertagespflege ist neben der Betreuung in meist kommunalen, aber auch in Einrichtungen kirchlicher Träger zu einem gleichrangigen Angebot innerhalb eines qualifizierten, vielfältigen und integrierten Systems geworden.Sie gilt längst nicht mehr nur als karitative, ehrenamtliche oder rein pflegerisch-betreuende Leistung. Vielmehr wird sie als Angebot frühkindlicher Bildung wahrgenommen und akzeptiert, das der Förderung der sprachlich-kognitiven, körperlichen und sozial-emotionalen Entwicklung von Mädchen und Jungen dient.

Ihre Ausrichtung ist Chance und Herausforderung zugleich. Chance, weil die Kindertagespflege neue gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung einfordern kann. Herausforderung, weil sich die Rahmenbedingungen für Tagespflegepersonen erheblich verändert haben und das Anforderungsprofil deutlich geschärft worden ist. Kindertagespflege entwickelt sich schrittweise zu einem eigenständigen Berufsfeld. Nach wie vor scheint sie aber Frauensache, denn es gibt hierzulande überwiegend Tagesmütter, gleichwohl die Stadt Hanau laut Rathaus-Sprecherin Andrea Freund immerhin drei männliche Betreuungspersonen vorzuweisen hat. Diese bieten zusammen mit 62 Tagesmüttern 176 Plätze an und betreuen in der Regel bis zu drei Kinder. In der Brüder-Grimm-Stadt zahlen die Eltern unabhängig vom Alter ihres Kindes Gebühren, die sich nach den jeweils gewünschten Betreuungsstunden richten. Dazu gehört eine Verpflegungspauschale von maximal 55 Euro im Monat.

Nur zwei Männer

Auch in Offenbach sind männliche Betreuungspersonen Mangelware. „Wir haben zwar in den vergangenen acht Jahren einige interessierte Männer ausgebildet, aber die meisten sprangen wieder ab, so dass lediglich einer übrig blieb, der dann einige Zeit als Vertretungskraft tätig gewesen ist“, erinnert sich Karsten Kreuchauff von der Fachberatung Kindertagespflege im städtischen Jugendamt. Ähnlich von Frauen dominiert ist die Situation im Landkreis. „Derzeit gibt es 201 Tagespflegepersonen, lediglich zwei sind männlich“, sagt Kordula Egenolf, Sprecherin der Kreisverwaltung.

„In der Qualifizierung befinden sich im Moment 37 Personen, darunter sind zwei Männer.“ Nach ihrer Einschätzung hat die zum Jahresbeginn 2014 geänderte Tagespflegesatzung, welche die Entlohnung der Betreuungskräfte regelt, keine signifikanten Auswirkungen gezeigt. Demnach erhalten Tagespflegepersonen je Kind 4,95 Euro pro Stunde. Das verursacht jährliche Mehrkosten von rund 300.000 Euro. Eine Summe, die in etwa gleicher Höhe auch den Offenbacher Stadtsäckel belastet. Denn hier gilt ebenfalls seit Anfang 2014 eine neue Satzung. Darin ist für eine Tagesmutter eine Entlohnung von 4,50 Euro pro Stunde und Kind geregelt.

Alles ist neu

Durch die Tagesmütter- und Babysitterzentrale in Neu-Isenburg werden zurzeit 55 weibliche Betreuungskräfte vermittelt. Die Einrichtung besteht seit 1991 und ist damit die älteste ihrer Art in der Region. Erzieherin Astrid Zettler ist seit vielen Jahren dabei und weiß, wie sehr Eltern die angebotene flexible Kinderbetreuung schätzen. Neben der Vermittlung zertifizierter und motivierter Tagespflegekräfte und Babysitter leistet die Einrichtung Unterstützung in Notfällen, bietet Elternberatung sowie Erste-Hilfe-am-Kind-Kurse und weitere Lehrgänge.

Für unter Dreijährige und deren Eltern ist die Umstellung auf die Kindertagespflege ein scharfer Einschnitt in den gewohnten Tagesrhythmus. Alles ist neu: die Trennung von den Eltern, eine andere Bezugsperson, die mitbetreuten fremden Kinder, die andere Umgebung, ein veränderter Tagesablauf. Die Kleinen reagieren ganz unterschiedlich auf die neue Situation. Vor allem vom Alter des Kindes, aber auch von seinem Charakter hängt es ab, wie gut es sich an die neue Situation anpassen kann. Astrid Zettler hält daher die Eingewöhnungsphase für ganz besonders wichtig. „Je sanfter diese verläuft, desto besser wirkt sich das für das Kind aus.“ Am leichtesten gewöhnen sich Kinder im Alter von zwei bis vier Monaten ein. Meist können Eltern ihr Kind dann schon nach wenigen Tagen mit der Betreuungsperson alleine lassen.

Durch die Tagesmütterzentrale in Neu-Isenburg werden auch etwa zwei Dutzend Kinderfrauen vermittelt, berichtet Vereinsvorsitzende Eva Dude. Etliche gibt es auch in Dreieich. Diese gehen in die Familien und kümmern sich dort in gewohnter Umgebung des Kindes um die Betreuung. Auch sie sind bestens geschult und bilden sich regelmäßig fort. Zudem erfolgt eine zunehmende Vernetzung, etwa durch „Quali-Inseln“, die es beispielsweise in Offenbach gibt.

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Fachberatende Unterstützung leistet besonders das Hessische Kindertagespflegebüro in Maintal als Landesservicestelle. Doch auch die Mütter selbst sind vielfach untereinander bekannt und tauschen Erfahrungen aus, treffen sich in lockerer Folge beziehungsweise übernehmen gegenseitige Vertretungen. In Dietzenbach kooperiert auf dem Gebiet der Qualifizierung der Verein „Tageszwerge“ mit den städtischen Kitas. Im Praxisteil der 160 Einheiten umfassenden Ausbildungsmaßnahme, die am Ende zum Titel „Fachkraft für Kindertagespflege“ führt, leisten die Teilnehmerinnen die Hälfte der 40 Stunden, die sie als zukünftige Tagesmütter in der Betreuung nachweisen müssen, in einer Kita. Der Verein selbst bietet nach Angaben seiner Vorsitzenden Gisela Decker durch 14 Tagesmütter mit Pflegeerlaubnis bereits 36 Betreuungsplätze an, die fast alle besetzt sind.

Von 106 in Offenbach ausgebildeten Tagesmüttern üben zurzeit 94 ihre Tätigkeit aus und decken damit den überwiegenden Bedarf in den werktäglichen Kernzeiten zwischen 7.30 und 16.30 Uhr ab. „An den Randzeiten, also am frühen Morgen und gegen Abend, sind noch Betreuungslücken vorhanden.“ Karsten Kreuchauff spricht von einem nachgewiesenen Bedarf von rund 20 Fällen, der in nächster Zeit auf rund 40 steigen könnte. Vor allem Schichtdienstler und solche, die allein erziehen, sind auf eine Betreuung ihrer Kinder durch Tagespflegekräfte angewiesen und benötigen flexible Lösungen. Momentan sind bei der Stadt Offenbach rund 400 Pflegeverhältnisse registriert, darunter etwa 30 aus dem Landkreis, die man mitbetreut.

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