Stadthalle Offenbach

Pöbelei mit Nachspiel: Lou Reed von Polizei abgeführt -  Hörspiel widmet sich legendärem Abend

Hinter der Bühne wird der Rockmusiker Lou Reed nach dem abgebrochenen Konzert in der Offenbacher Stadthalle von der Polizei abgeführt. Musikreporter Detlef Kinsler war dabei und schoss das Bild. Foto (2): Kinsler
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Hinter der Bühne wird der Rockmusiker Lou Reed nach dem abgebrochenen Konzert in der Offenbacher Stadthalle von der Polizei abgeführt. Musikreporter Detlef Kinsler war dabei und schoss das Bild.

Das Konzert endete im Tumult: Am 6. April 1979 betrat Rockmusiker Lou Reed die Bühne der Offenbacher Stadthalle. Kurze Zeit später flogen Stühle durch den Saal, Reed wurde von der Polizei abgeführt.

Offenbach – Ein Hörspiel widmet sich jetzt diesem legendären Abend.  Der in Offenbach aufgewachsene Oliver Augst und die Musiker der Berliner Band Stereo Total haben die Songs und Texte geschrieben.

Der 17-jährige Oliver Augst ließ sich von seiner „Flamme“ zum Konzert mitnehmen: An diesem Aprilabend 1979 sollte ein US-amerikanisches Idol in der Offenbacher Stadthalle auftreten. Augst war neugierig, es war sein erstes Rock-Konzert. „Lou Reed – in meinem Kaff! Und da ist dann auch noch die Stadthalle demoliert worden“, erinnert sich der Musiker und Hörspielautor.

Er saß mit seiner Freundin weit hinten im Saal. „Wir haben endlos gewartet, die Atmosphäre war aufgeheizt.“ Dann endlich erschien Lou Reed auf der Bühne. „Er hatte das erste Stück noch nicht zu Ende gespielt, da ging der Tumult schon los“, erinnert sich Augst: Stühle flogen auf die Bühne, Menschen kletterten auf die Boxentürme und warfen Lautsprecher hinunter. Augst fragte sich, wo er da hineingeraten ist. Backstage wurde der Rockstar von Offenbacher Polizisten verhaftet, im Saal lotsten nach Augsts Erinnerungen uniformierte US-Militärpolizisten die Menge zu den Ausgängen.

„Ich frage mich manchmal, ob das wirklich passiert ist“, sagt der Musiker heute. Eine Initialzündung sei der kurze Auftritt gewesen: Das war also Rockmusik, eine physische Macht, eine Welt voller Gewalt, Drogenexzesse, Aggression, die seiner behüteten Kindheit in Bürgel an diesem Abend gegenüberstand.

41 Jahre später hat der heute in Ludwigshafen und Paris lebende Produzent, der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert hat, seine Erinnerungen zu einem Hörspiel verarbeitet. Zusammen mit den Berliner Musikern Brezel Göring und Françoise Cactus, die als Band Stereo Total bekannt sind, und der Dramaturgin Charlotte Arens ist eine Collage entstanden aus Erinnerungen, Assoziationen, halbfiktionalen Augenzeugenberichten und eigens geschriebenen und performten Songs. „Wir sind nicht wissenschaftlich an die Sache gegangen“, erzählt Augst. Locker, bissig, ironisch klingt das Ergebnis: In einem Lied werden zum Beispiel dem pöbelnden Rockstar die Zeilen „I hate the audience ... Who cares about Offenbätsch“ in den Mund gelegt.

Relikt des Tumults: Ein Foto des damaligen Hausmeisters dokumentiert das Chaos.

Außerdem kommen imaginierte Menschen aus dem Umfeld Lou Reeds zu Wort: ein Polizist, ein Journalist, Lou Reeds Mutter, seine Transfrau Rachel. Die vermeintlichen „O-Töne“ dieser Personen sprechen prominente amerikanische Künstler ein, Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon oder die New Yorker Schauspielerin Stella Schnabel.

Am 13. März wird das Hörspiel live als Performance im Frankfurter Mousonturm uraufgeführt. Gleichzeitig erscheint eine Langspielplatte mit den Songs auf dem Offenbacher Label Unbreakmyheart. Dessen Betreiberin Sabine-Lydia Schmidt hat sich vor Ort für die Rekonstruktion des Geschehens auf Recherche begeben.

Im Archiv des Hauses der Stadtgeschichte stieß sie auf Zeitungsartikel, die Polizei Südosthessen fand allerdings keine Akten mehr. Die Anzeige einer Konzertbesucherin, die von Lou Reed geschlagen und getreten worden sein soll, war nicht zu finden. Dennoch: Einige im Revier erinnerten sich noch an den Einsatz.

Kreativarbeit: Brezel Göring, Oliver Augst und Françoise Cactus (v.l.) bei den Aufnahmen für das Hörspiel.

Es gebe viele Versionen des Abends, sagt Schmidt: Der Schaden in der Stadthalle werde mal mit 10 000, dann mit 30 000 oder 50 000 D-Mark beziffert. Man wisse auch nicht, ob der Musiker nach der Verhaftung direkt auf Kaution freikam oder erst noch eine Nacht in einer Offenbacher Zelle verbrachte. „Es flogen auf jeden Fall Stühle beim Konzert“, sagt Schmidt. Das beweisen Fotos des damaligen Hausmeisters. Heute sind die Stühle im Besitz des Offenbacher Kulturamtes. Schmidt will zur Aufführung eine Installation daraus bauen.

Wie konnte es zu der Eskalation kommen? Das fragt sich Augst noch heute: Der Rocksänger Reed (1942-2013), Gründungsmitglied der von Andy Warhol geförderten Band The Velvet Underground, war Ende der 70er auf dem Tiefpunkt seiner Alkohol- und Drogensucht; mehrere Konzerte seien zu der Zeit abgebrochen worden, so Augst. Aggression und Provokation gehörten dazu, „es war vielleicht eine Art Ritual“. Und das hauptsächlich amerikanische Publikum sei stark alkoholisiert gewesen. In dem Hörspiel „Lou Reed in Offenbach“ werden auch die Biografie und die Persönlichkeit des Musikers beleuchtet: seine selbstzerstörerische Wut und Unberechenbarkeit.

Ich frage mich manchmal, ob das wirklich passiert ist.Oliver Augst erlebte das Konzert mit

„Reed war mit 17 Jahren von seinen Eltern in ein Krankenhaus zur Elektroschock-Therapie gebracht worden“, erzählt Augst. Damit sollten seine homoerotischen Neigungen behandelt werden. „Er hat mal gesagt, dass ihm danach nichts anderes übrig blieb, als zurück zu schocken.“

In den Nullerjahren lief Oliver Augst der Musiklegende bei einer Filmpremiere in Frankfurt über den Weg. Mehr als ein „Hello, how are you?“ sei ihm aber nicht über die Lippen gekommen – nach der Pöbelei in der Stadthalle habe er auch nicht gefragt. Augst: „Das bereue ich heute fürchterlich.“

VON LISA BERINS

Wer war Zeuge von Lou Reeds Skandal-Auftritt? 

Unsere Berichterstattung über ein Hörspiel, das den skandalösen Auftritt des Rockmusikers Lou Reed anno 1979 in der Offenbacher Stadthalle zum Thema macht, hat viele Leserreaktionen provoziert. Offenbar ist diese Episode der jüngeren Zeitgeschichte noch vielen musikinteressierten Lesern in bester Erinnerung. Was ja nicht verwundert, denn Konzertabbruch, Polizeieinsatz und vorübergehende Inhaftierung des Musikstars hatten das Zeug für überregionale Schlagzeilen. 

Da sich, wie berichtet, die näheren Umstände des Tumults, der schon beim ersten Lied ausbrach und schließlich zum Abbruch des Konzertes führte, bis heute nicht genau rekonstruieren lassen und auch keine entsprechenden Berichte von offiziellen Stellen vorliegen, rufen wir unsere Leser hiermit dazu auf, sich an der Spurensuche zu beteiligen. 

Wer kann uns Zeitzeugen nennen oder hat gar Konzertbesucher im Freundes-, Bekannten- oder Verwandtenkreis, die zur Aufklärung des Mysteriums um Lou Reed und seinen legendären Auftritt am 6. April 1979 beitragen können und wollen? Sachdienliche Hinweise nimmt die Redaktion unter der E-Mail-Adresse red.kultur@op-online.de gern entgegen. Bitte vergessen Sie nicht, in Ihren Zuschriften ihre Adresse und Telefonnummer anzugeben, damit wir Kontakt aufnehmen können. cm

Hörspiel und Schallplatte

Hörspiel und Schallplatte Das Live-Hörspiel „Lou Reed in Offenbach“ feiert am 13. März Premiere am Frankfurter Mousonturm und ist bis 15. März zu sehen. Am 6. September wird das Stück noch einmal aufgeführt, beim „Riviera“-Festival in den Offenbacher Parkside-Studios – mit der original Bestuhlung des Konzerts von 1979. Die Langspielplatte „Lou Reed in Offenbach“ mit allen Songs des Hörspiels (Laufzeit 45 Minuten) und Programmheft erscheint am 10. März und ist im OF-Infocenter oder im Internet bei dem Offenbacher Label Unbreakmyheart für 15 Euro erhältlich. Vorbestellungen unter please@unbreakmyheart.de. Eine Hörspielfassung entsteht derzeit in Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk und dem Westdeutschen Rundfunk. Ausstrahlung auf hr2 und WDR 2 ist am 23. Mai.

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