Lärm und Diebstahl an Gräbern

Ärger um letzte (Un-)Ruhestätte

+
Der Beifahrerin dieses Wagens, so ließ sich beobachten, fiel das Laufen tatsächlich schwer. Oft sei jedoch pure Bequemlichkeit der Grund fürs Vorfahren bis ans Grab, ärgert sich ein Leser. Dabei weisen die am Haupteingang angebrachten Schilder klar auf das Durchfahrverbot hin.

Offenbach - Radfahren und Pkw-Verkehr sind auf dem Neuen Friedhof im Osten Offenbachs verboten. Doch längst nicht alle halten sich daran – und verärgern damit andere Besucher. Auch Diebstahl an Gräbern sorgt für Unmut unter den Angehörigen. Von Jenny Bieniek 

Der Frust ist auf beiden Seiten spürbar: Während Leserzuschriften und Besucher an Ort und Stelle von häufigem Radfahren und störendem Pkw-Verkehr auf dem Friedhofsgelände berichten, sieht die Verwaltung sich zu Unrecht als untätig beschuldigt. Leser R. will regelmäßig ein „auch den Toten gegenüber respektloses Verhalten“ von augenscheinlich nur bequemen Zeitgenossen beobachtet haben, denen der Fußmarsch zum Grab zu mühsam erscheint. „Dieses Verhalten führt dazu, dass der Neue Friedhof viel von seiner Würde verliert“, macht er seinem Ärger Luft.

Schwere Blumenschalen, Säcke mit Erde, mit Beetpflanzen beladene Kisten, dazu die schmerzenden Beine oder der geschundene Rücken der meist älteren Friedhofsbesucher – Gründe, die das Ignorieren der am Haupteingang angebrachten Verbotsschilder rechtfertigen, gibt es viele.

Empfindliche Reaktion

„Radfahren gehört sich einfach nicht auf einem Friedhof“, findet eine ältere Dame. Sie kann sich zudem nur schwer vorstellen, dass all die Autos, die sie auf dem Gelände sieht, eine entsprechende Genehmigung haben. Den Vorwurf des Nichtstuns will Friedhofchefin Gabriele Schreiber jedoch nicht auf sich sitzen lassen. „Ich reagiere sehr empfindlich, wenn es pauschal heißt: Die machen sowieso nix“, gibt die ESO-Mitarbeiterin zu.

Fünf Mitarbeiter kümmern sich auf den fünf Offenbacher Friedhöfen ganztägig um Bestattungen, dazu kommen sechs Mitarbeiter im Grünbereich. Diese seien angehalten, die Augen offen zu halten und Radfahrer oder unberechtigt durchfahrende Pkw anzuhalten. „Aber wir können auch nicht jedem hinterherlaufen“, stellt Schreiber klar.

Die Zahl der erteilten Durchfahrtsgenehmigungen schätzt Schreiber auf etwa 80, hinzu kommen Besucher mit Schwerbehindertenausweis, die ebenfalls mit dem Auto vorfahren dürfen. Das Problem: Weil sich auf dem Gelände auch das Krematorium befindet, verursachen allein die Bestatter relativ viel Verkehr. „Nicht alle fahren dabei mit dem Leichenwagen vor, beispielsweise wenn’s nur um Papierkram geht“, erklärt die Friedhofsleiterin.

Appell an Besucher

Weil sie und die anderen Mitarbeiter vorwiegend im Verwaltungsgebäude sitzen und für „Patrouillengänge“ wenig Zeit bleibt, appelliert sie an die Besucher: „Wenn Sie das nächste Mal ein Auto durchheizen sehen – nennen Sie uns bitte Ross und Reiter. Nur so können wir die Sache prüfen und gegebenenfalls Schreiben rausschicken.“ Dies sei in der Vergangenheit auch schon geschehen. Die Zeiten, in denen sich Betriebe noch einen Pförtner geleistet haben, sind eben lange vorbei.

Herrin über 10.000 Grabsteine: Friedhofsleiterin Gabriele Schreiber.

Aber eine ältere Dame vom Rad holen, die schlecht zu Fuß ist und so leichter zum Grab gelangt? Denn das elektrisch betriebene, sogenannte Friedhofstaxi, das gehbehinderte Besucher über das Gelände chauffiert, verkehrt nur zwischen Ostern und Oktober. Und die Wege vom Parkplatz aus sind mitunter lang. „Die Toleranzgrenze ist beim Thema Tod und Friedhof einfach besonders niedrig“, glaubt Gabriele Schreiber. Das Argument mangelnder Parkmöglichkeiten lässt sie nicht gelten. Auch wenn der Parkplatz öffentlich und entsprechend nicht nur Friedhofsbesuchern vorenthalten ist, seien in der Regel genug Stellplätze frei.

„Wir kann man einem Toten so etwas antun?“

Besucher berichten jedoch auch von anderen Problemen: Von ungepflegten Rasenflächen, von vom Regen durchgeweichten Wegen und immer wieder von Diebstahl. Die Ganoven scheinen dabei keineswegs wählerisch zu sein. Von Grablaternen aus Messing, bepflanzten Schalen und verankerten Vasen ist die Rede, aber auch von Gestecken und einfachen Kunstblumen.

„Wie kann man einem Toten so etwas antun?“, fragt eine betroffene Witwe. Sie habe ihrem Sohn bereits abgeraten, etwas Neues hinzustellen. „Die nehmen mit, was sie kriegen, da ist’s bloß schade drum“, bedauert sie. „Auch wenn die künstlichen Rosen nicht teuer waren – eine Schade ist es dennoch.“

Auch Schreiber weiß um das Problem. „Die Diebstahlgeschichten stinken uns allen, aber wir können leider nicht mehr tun“, gibt sich die Friedhofschefin ratlos. 12,5 Hektar unübersichtliches Gelände – da fielen Bösewichte auch am helllichten Tag kaum auf. „Woher sollen wir wissen, ob die Abräumer zum Grab gehören oder nicht?“, wirft Schreiber ein. Auch da hielten alle Mitarbeiter die Augen auf, bei Nachfragen fühlten sich Angehörige aber schnell auf den Schlips getreten.

Diebstahl ist gang und gäbe

Abgeschlossen werden die Friedhöfe außerhalb der Öffnungszeiten nicht. „Und dabei wollen wir es belassen“, so Schreiber. Viele Offenbacher freuten sich darüber, dass sie im Sommer beispielsweise auch abends um zehn noch am Grab vorbeischauen könnten. Ein Besucher, der bereits mehrere Diebstähle am Grab der Schwiegermutter zu beklagen hatte, wirft den Verantwortlichen Untätigkeit vor. „Da wird dann gesagt: Diebstahl ist hier gang und gäbe, da würde auch die Polizei nichts tun können. Es scheint, als sei einem dort das Papier zu schade für eine ordentliche Aufnahme.“ Solche Anschuldigen kann Schreiber nicht nachvollziehen: „Hier wird keiner stehengelassen“, betont sie. „Wir haben immer angezeigt und tun dies weiterhin.“

Die kuriosesten Fälle vor Gericht

Reise: Die kuriosesten Fälle vor Gericht 

Sie wisse für Oktober und November jedoch von keiner einzigen Beschwerde diesbezüglich. Grabreihen abmarschieren, sich auffällig verhaltende Besucher ansprechen – mehr könne man einfach nicht tun. Dennoch: „Ich denke, dass wir zu Recht ein gutes Image haben“, so die Friedhofschefin. „Vergleicht man unsere Angebote mit denen der Nachbargemeinden, bieten wir wirklich viele Dienstleistungen.“

Mehr zum Thema

Kommentare