Keine Besserung in Sicht

Festgefahrene Situation am Bieberer Bahnhofgebäude

Im Dach klaffen riesige Löcher, die nicht mal mehr die Schutzfolie verdeckt, die Fassade ist beschmiert. Der Bahnhof verkommt.
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Im Dach klaffen riesige Löcher, die nicht mal mehr die Schutzfolie verdeckt, die Fassade ist beschmiert. Der Bahnhof verkommt.

Bieber - Tagtäglich bietet sich tausenden Passanten und S-Bahnnutzern in Bieber ein trauriger Anblick: das verwahrloste Bahnhofsgebäude, das immer weiter verfällt. Zwischen Eigentümer und Stadt gibt es nahezu keine Kommunikation. Von Veronika Schade

Grund sind nach dem Kauf entstandene Unstimmigkeiten bezüglich seines Denkmalstatus. Die Situation ist festgefahren. Wer aus Bieber weiter nach Obertshausen, Weiskirchen, Heusenstamm oder Rödermark fährt, findet fast baugleiche Klinker-Bahnhöfe aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Zehn von 17 denkmalgeschützten Bahnhöfen in Kreis wurden in den vergangenen Jahren saniert und einer neuen Nutzung zugeführt – ob als Restaurant, Café, Kiosk, Wohnungen oder Büros. Da mag sich so mancher fragen: Warum gelingt dies im Kreis und nicht im Fall des Bieberer Bahnhofs?

Ein Foto des Bahnhofgebäudes aus der Zeit Anfang der 1960er, eingesandt von den Eheleuten Rudolf und Karin Geist aus Bieber.

„Die Kaufinteressenten stimmten ihre Planungsabsichten vor Abschluss eines Kaufvertrags mit der Unteren Denkmalschutzbehörde ab“, sagt Kreis-Sprecherin Kordula Egenolf. So konnten im Vorfeld die möglichen und zulässigen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen für ein Bahnhofsgebäude festgelegt werden. Doch im Falle des Bieberer Bahnhofs scheint keine Besserung in Sicht. Die Fronten zwischen Eigentümer Marcus Müller und der Stadt sind verhärtet (zum Hintergrund siehe Infokasten), es herrscht praktisch keine Kommunikation. Müller will aufgrund der Denkmalauflagen kein Geld mehr in das Gebäude stecken, die Bauaufsicht kontaktiert ihn nur sporadisch, etwa wenn es um Begehungstermine aufgrund der Verkehrssicherungspflicht geht. „Manche dürften erkennen, dass Investitionen keinen Sinn ergeben, wenn auf politischer Ebene von langer Hand Enteignungen geplant werden, ohne mit den Betroffenen darüber zu sprechen“, sagt er.

Er bezieht sich damit auf den CDU-Vorstoß im Januar 2016. In einer Magistratsanfrage zum Gebäudezustand geht es unter anderem darum, welche Möglichkeiten die Stadt habe, „den Eigentümer zu einer fachgerechten substanzerhaltenden Maßnahme zu bewegen oder auch zu zwingen“. Auch das Thema Enteignung wird aufgeworfen, deren „Umstände und Kosten“. Die Antworten fallen unspektakulär aus: Nach Hessischer Bauordnung darf der Eigentümer zu keinerlei Maßnahmen verpflichtet werden, „lediglich zu Sicherungsmaßnahmen im Rahmen der Gefahrenabwehr“. Die Enteignung sei nach Hessischem Denkmalschutzgesetz nur als „allerletzte Maßnahme in besonderen Fällen“ möglich, „damit ein Kulturdenkmal in seinem Bestand oder Erhaltungsbild erhalten bleibt“. Der Eigentümer sei zu entschädigen, wobei in diesem Fall die Kosten erst zu ermitteln wären.

So marode ist der Bieberer Bahnhof

So marode ist der Bieberer Bahnhof
So marode ist der Bieberer Bahnhof
So marode ist der Bieberer Bahnhof
So marode ist der Bieberer Bahnhof
So marode ist der Bieberer Bahnhof

Für die Koalition habe sich damit das Thema damit nicht erledigt, auch wenn es nicht an vorderster Stelle stehe, sagt Jochen Fischer, Geschäftsführer der CDU-Fraktion. „Es werden weitere Initiativen erfolgen, schon allein aufgrund der zahlreichen Bieberer in den Koa-Fraktionen.“ Dass die Stadt sehr an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sei, betont Jürgen Lehmann, der bei der Bauaufsicht für Denkmalschutzfragen zuständig ist: „Wir würden uns für dieses Gebäude etwas ganz anderes wünschen als den jetzigen Zustand. Und von unserer Seite steht dem auch nichts entgegen.“ Auflagen im Sinne des Denkmalschutzes seien zwar einzuhalten, doch die Anforderungen seien bei Weitem nicht so hoch, zumal es auch die Möglichkeit der Steuerabschreibung gebe. „Im Wesentlichen geht es um den Erhalt der Klinkerfassade“, sagt Lehmann.

Der Dachstuhl sei ohnehin völlig zerstört, über den Innenausbau lasse sich reden. „Hauptsache, es passiert endlich was. Ob Büro oder Café – gerne, sofort.“ Doch Müller habe bisher keinerlei Verwendungsabsichten geäußert. „Beim letzten Begehungstermin hat er nur geschimpft, was er alles nicht tun darf“, so Lehmann. Der Umgang sei schwierig. Es sei eine „hochgradig unerfreuliche Geschichte“, dass der Eigentümer sich nur auf die unglücklichen Geschehnisse der Vergangenheit versteife, anstatt Lösungen zu suchen.

Streit um Sanierung des Bieberer Bahnhofs

Streit um Sanierung des Bieberer Bahnhofs

Das sieht Müller anders. Die Stadt zeige kein Interesse an konstruktiver Zusammenarbeit: „Wenn Herr Lehmann Gesprächsbedarf hat, kann er sich jederzeit bei mir melden. Bisher hat er das nicht getan.“ Dass nur die Fassade zu erhalten sei, sei für ihn eine völlig neue Information. Ihm fehle Planungssicherheit, die andere Kommunen böten. Er habe im Jahr 2010 angeboten, den geplanten Umbau trotz der Denkmalschutzauflagen umzusetzen, wenn die Stadt die Mehrkosten dafür übernehme. Dieser Vorschlag sei abgelehnt worden. Ein Verkauf ist für Müller denkbar: „Allerdings müssen dabei die aufgelaufenen Kosten vollständig erlöst werden, was sich über den Kaufpreis wunderbar regeln lässt.“

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