Zoff

Streit um Setzrisse an Immobilien: Stadt legt Gutachten vor - Hauseigentümer zweifeln es an

Setzriss in einer Wohnung im Mathildenviertel
+
In verschiedenen Wohnungen gibt es tiefe Setzrisse.

Der Streit um Setzrisse an Innenstadt-Immobilien in Offenbach geht in die nächste Runde. Die Stadt legt ein Gutachten vor, das die Hauseigentümer allerdings anzweifeln.

Offenbach - Es ist das von den Betroffenen befürchtete Ergebnis: Im Streit zwischen Stadt und Hauseigentümern um Setzrisse an Innenstadt-Immobilien kommt ein von der Verwaltung beauftragtes umfangreiches Gutachten zudem Schluss, dass die Bäume vor den Häusern nicht ursächlich für die Schäden sind. Die Eigentümer in der Krafftstraße, wo die Untersuchungen an zwei Immobilien stattfanden, zweifeln indes die Expertise an, bezeichnen sie als einseitig ausgewertet und in sich widersprüchlich.

Angelegt war das Gutachtenpaket, dessen Erstellung mehr als neun Monate gedauert hatte, als Pilotprojekt zur Entwicklung einer Art grundsätzlicher Handlungsanleitung für Eigentümer bei Auftreten von Rissen an Gebäuden. Im Zuge der Vorstellung dieses Leitfadens gehen Bau- und Umweltdezernent Paul-Gerhard Weiß, Umweltamtschefin Heike Hollerbach und die beauftragten Gutachter gestern auch auf die konkreten Fälle im Mathildenviertel ein. Dort sind, wie mehrfach berichtet, zahlreiche der um 1900 erbauten Häuser durch Risse beschädigt.

So mündet das mit besonderer Spannung erwartete baumphysiologische Gutachten in das Ergebnis, die Bäume seien im Pilotverfahren eindeutig nicht ursächlich für die Risse an Gebäuden. Durch eine Fällung der Bäume würde es deshalb zu keiner Verbesserung der Situation kommen. Die Untersuchungen hätten ergeben, dass die Wurzeln der streitigen Stieleichen gar nicht die Kraft hätten, dem ohnehin nicht ausreichend mit Wasser gesättigten Tonboden die Feuchtigkeit zu entziehen. Im Übrigen seien Wurzeln weder unter den geschädigten Gebäuden noch im Kanalsystem gefunden worden. Woher genau die Bäume ihr Wasser beziehen, kann der Gutachter aber nicht eindeutig beantworten.

Als Hauptursache für die Gebäudeschäden werden die Entwässerung des Bodens infolge des Klimawandels sowie die zunehmende Versiegelung genannt. Hinzu kämen defekte Grundleitungen sowie schlecht verarbeitete Grundmauern der mehr als 100 Jahre alten Gebäude.

Dass rund 20 Meter hohe Bäume ohne Bewässerung keinerlei Auswirkung auf den sensiblen Wasserhaushalt eines Tonbodens haben sollen, ist für die Betroffenen schlicht unglaubwürdig. In einer ersten Stellungnahme weisen sie gestern darauf hin, dass der angeführte Klimawandel und die marode Abwasserinfrastruktur ganz Offenbach betreffe. Die Schäden tauchten jedoch nur dort vermehrt auf, wo der gesetzlich definierte Mindestabstand von Bäumen zu Gebäuden von vier Meter deutlich unterschritten werde. Im Mathildenviertel seien es teils nur etwa 1,5 Meter.

Was die angeblich fehlenden Wurzeln unter den Gebäuden angeht, wird angemerkt, dass das Fundament der untersuchten Häuser rund 2,5 Meter in die Tiefe gehe. Untersucht worden sei bis auf etwa drei Meter. Die Länge von Pfahlwurzeln werde in der Fachliteratur mit bis zu 30 Metern angegeben. Deshalb könne man bereits nach drei Metern keine seriösen Aussagen treffen.

Schließlich kritisieren die Eigentümer, dass die zur Problemlösung vorgeschlagenen Maßnahmen ausschließlich der betroffene Bürger tragen müsse. Lösungsansätze, bei denen die Stadt handeln müsse, wie etwa Entsiegelung, wasserdurchlässige Oberflächen als Ersatz für Asphalt, passende Vegetation, Wasserzufuhr oder Kanalsanierungen würden nicht genannt. „Statt eines ganzheitlichen Lösungsansatzes wurde die Beweispflicht de facto für jede Liegenschaft auf den Bürger abgewälzt“, heißt es.

Paul-Gerhard Weiß hält dem entgegen, man könne nicht mehr machen, als objektiv die Ursachen zu ermitteln. Zugleich verspricht er: „Wir bleiben an dem Thema dran. Vor allem wenn es um den öffentlichen Raum geht, wo wir in der Pflicht sind.“ Aber auch den betroffenen Eigentümern werde man nach Möglichkeit helfen. „Der Dialog wird weitergehen“, verspricht Weiß.

Von Matthias Dahmer

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare