„Vormittag wird für alle entschleunigt“

Schulrektorin führt 60-Minuten-Schulstunde ein - Vorteile nennt sie im Interview

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Die Ernst-Reuter-Schule in Offenbach zieht Konsequenzen aus der Kritik an der 45-Minuten-Schulstunde (Symbolbild).

Der über Jahrzehnte gültige 45-Minuten-Takt für die Schulstunde wird zunehmend kritisiert: Er sei zu starr, presse den Lehrstoff in zu wenig Zeit, verbreite Hetze und Unruhe.

  • Zunehmende Kritik am Schulkonzept mit 45-minütigem Unterricht
  • Rektorin der Ernst-Reuter-Schule aus Offenbach im Interview
  • Sie nennt die Vorteile der 60-Minuten-Schulstunde

Offenbach – Die Rumpenheimer Ernst-Reuter-Schule hat jetzt Konsequenzen daraus gezogen. Rektorin Sabine Henning begründet und rechtfertigt diesen Schritt.

Offenbach: 60-Minuten-Unterricht für effektiveres Lernen

Frau Henning, wo haben Sie sich denn das abgeguckt? Gibt’s da schon Erfahrungen an anderen Schulen, in anderen (Bundes-) Ländern?

Beispiele für die 60-Minuten-Taktung haben wir an Frankfurter Schulen gefunden. Dort konnten wir uns auch Anregungen und Ratschläge zur Umsetzung an unserer Schule holen.

Viele kennen es eigentlich nur so: Eine Schulstunde hat 45 Minuten. Der 60-minütige Unterricht mutet da wie Revolution an...

Revolutionär innerhalb Offenbachs zurzeit auf jeden Fall, denn die 45 Minuten sind ja nach wie vor das Maß der Dinge an Schulen. Doch im Alltag bleiben von den klassischen 45 Minuten realistisch gesehen 30 effektiver Lernzeit: Klassenraum wechseln, auspacken, begrüßen, wieder aufräumen, einpacken... Um mehr Lernzeit zu haben, wird oft im Doppelstundenprinzip, also 90 Minuten lang unterrichtet. Dies effektiv zu gestalten erfordert einen sehr guten Wechsel von konzentrierten und entspannenden Phasen. Daher passiert es leicht, dass in dieser langen Zeitspanne entweder unter- oder überfordert wird. Unser Argument für 60 Minuten: 45 sind für effektives Lernen zu kurz, 90 für manche Aufmerksamkeitsspanne zu lang.

Offenbach: Die 60-Minuten-Schulstunde hat echte Vorteile

Es bedeutet ja wohl nicht, dass an die 45 Minuten einfach noch 15 drangehängt werden?

Nein, das wäre den ganzen Organisationsaufwand nicht wert gewesen, wenn sich nicht auch innerhalb des Unterrichtens etwas verändern würde. Die 60 Minuten knüpfen zwar an den vertrauten Rhythmus einer klassischen Schulstunde an, bieten aber die entscheidenden 15 mehr, um vertiefte Lernphasen zu ermöglichen. Im Zuge der Umstellung auf eine Integrierte Gesamtschule beschäftigen wir uns sehr intensiv mit Unterrichtsentwicklung und haben für unsere Schule ein neues Modell etabliert. Dieses umfasst leicht wiedererkennbare Elemente; das „Warm-up“ zur Wiederholung, die Lernumgebung mit differenzierten Lernangeboten, sowie dem „Feedback“ am Ende, bei dem alle Rückmeldung geben, was sie mitgenommen haben.

Rektorin Sabine Henning

Was spricht aus Sicht der Lehrer dafür? Wird denn die klassische Fächertrennung dadurch aufgehoben; ist eine „Stundentafel“ (vier Stunden Rechnen in der Woche) so überhaupt abbildbar?

Für die Lehrkräfte entzerrt sich der Vormittag sehr angenehm. Statt vorher sechs Stunden in meistens verschiedenen Lerngruppen in unterschiedlichen Räumen, müssen jetzt nur noch vier bis zur Mittagspause gestaltet und angeboten werden. An den Fächern und der Stundentafel hat sich nichts geändert, die bisherigen 45 wurden in 60 Minuten konvertiert, sodass wir nach wie vor die Stundentafeln des Kultusministeriums abbilden. Das müssen wir ja auch. Aber nicht nur für die Lehrkräfte ist der Vormittag somit „entschleunigt“, Rückmeldungen aus der Schülerschaft haben den gleichen Tenor. Unser neuer Takt hängt nicht mit dem Thema Ganztagsschule zusammen. Durch unser vielfältiges WPU- und AG-Angebot bieten wir auch so schon reichlich Bildungsmöglichkeiten an, ohne eine gebundene Ganztagsschule zu sein.

Offenbach: Der gesamte Schulablauf der Ernst-Reuter-Schule wurde umgestellt

Ist es ein weiterer Versuch, auf eine echte Ganztagsschule zuzusteuern?

Nein. Wir haben den gesamten Schulablauf auf 60 Minuten umgestellt. Das heißt, von der 1. Klasse unserer Grundstufe an bis zur 10. Klasse unserer weiterführenden Schule wird im neuen Rhythmus unterrichtet. Die erste Stunde beginnt bei uns um 8.30 Uhr. Von 8 bis 8.30 Uhr ist Zeit für Förder- und Forderangebote sowie für Klassenstunden, um Organisatorisches zu erledigen. Ab 7.30 Uhr bieten wir übrigens ein kleines Frühstück in unserer Cafeteria an.

Das Gespräch führte Martin Kuhn

In den Schulen in Rüsselsheim gibt es derweil ein Problem: Es ist zu wenig Platz.

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